08.09.2009

"Primeur-Journalismus ist heute weniger möglich als zu Zeiten, als es 'cash daily' noch gab"

Vor genau 20 Jahren wurde die Marke Cash gegründet. Der einstige Gründungstitel ist nicht mehr, dafür eine multimediale Plattform, ein Newsletter und eine TV-Sendung. "persoenlich.com" sprach mit Cash-Chefredaktor Daniel Hügli und Geschäftsführer André Michel über das Jubiläum. Im Interview sagen sie, warum Cash noch eine Daseins-Berechtigung hat, wieso der Primeur-Journalismus im Web härter ist und weshalb Cash im Ringier-Newsroom eine zentrale Rolle spielen wird. Das Interview:
"Primeur-Journalismus ist heute weniger möglich als zu Zeiten, als es 'cash daily' noch gab"

Cash feiert sein 20-Jahre-Jubiläum. Was gibt es eigentlich zu feiern? Vom ursprünglichen Gründungstitel ist nichts mehr übrig.

Michel: Wir feiern in erster Linie 20 Jahre Marke Cash und wir sind stolz darauf, was wir mit Cash im Bereich digitale Medien erricht haben. Natürlich bedauern wir die Schliessung der Tageszeitung, auch wenn dies unumgänglich war. Deshalb feiern wir unser Jubiläum auch nicht mit einem riesigen Brimborium. Ich möchte aber auch daran erinnern, dass der Gründer von Cash, Thomas Trüb , schon bei der Lancierung von Cash daily vor drei Jahren gesagt hat, dass er mittelfristig voll auf die digitale Schiene setzen möchte und dass er die gedruckte Zeitung nur als Zwischenschritt sehe. Die Ablösung der Zeitung ist nun etwas früher vollzogen worden als ursprünglich geplant.

Hand aufs Herz Herr Hügli: Wären Sie nicht lieber Chefredaktor von Cash vor 10 Jahren?

Hügli: Nein. Ich bin der festen Überzeugung, dass sich der Finanz- und Wirtschaftsjournalismus in den nächsten Jahren immer stärker in Richtung Online bewegen wird.

Michel: Gemäss WEMF haben wir knapp 200'000 Unique User. Damit haben wir eine grössere Leserschaft als die ganze Konkurrenz, selbst wenn wir dabei die gedruckten Versionen mitzählen.

Sie haben vorhin angesprochen, dass Cash Daily in diesem Jahr früher eingestellt wurde als geplant. Nun setzt man alles auf die Karte Multimedia. Wie sieht die Strategie für die Cash-Gruppe konkret aus?

Michel: Auf der technischen Ebene fahren wir auf dem eingeschlagenen Weg weiter. Das heisst wir werden in kleinen Schritten laufend ausbauen. Ein Beispiel dafür ist eine i-App, die seit Juni bereits 5'700 Mal installiert wurde, oder die soeben lancierte Applikation für Android, das heisst Google-Handies. Ziel von Cash ist es, als Vorreiter neue technologische Entwicklungen möglichst früh zu erkennen und Angebote für neue Endgeräte bereit zu stellen. Zudem sind wir bestrebt die bestehenden Bereiche mit neuen Inhalten zu stärken, wie zum Beispiel einem erweiterten Fondsguide und einem neuen Derivateguide. Beide Produkte werden wir noch dieses Jahr live schalten.

Wirtschaftthemen werden auch in allen Tageszeitungen behandelt. Inwiefern hat Cash noch eine Daseins-Berechtigung?

Hügli: Als Online-Portal haben wir den grossen Vorteil der Schnelligkeit. Wir haben die Möglichkeit, wie eine Nachrichtenagentur unmittelbar auf die Geschehnisse in der Wirtschaftswelt und an der Börse zu reagieren. Dabei merke ich immer wieder, auch am nächsten Tag bei der Zeitungslektüre, welchen inhaltlichen Einfluss wir auf andere Medien haben. Man darf uns also nicht unterschätzen. Grob gesagt setzen wir Schwerpunkte bei allen Themen, die das Portemonnaie betreffen, sowie bei der Unternehmensberichterstattung.

Cash fiel früher durch überraschende Storys auf, die man sonst nirgends lesen konnte. Auf welche Art Journalismus setzt Cash in Zukunft?

Michel: Während wir früher insbesondere beim Wochentitel keinen Pflichtstoff hatten, sondern einfach Geschichten machen konnten, die wir spannend fanden, haben wir heute als umfassende Finanz- und Wirtschaftsplattform vor allem mit Blick auf die Anleger klar das Ziel, alle relevanten Informationen zu liefern. Dies unterscheidet uns auch von den Tageszeitungen.

Hügli: Daneben setzen wir weiter auf Primeurs. Klar ist, dass ein Primeur-Journalismus heute wegen des reduzierten Personalbestandes weniger möglich ist als noch zu Zeiten, als es die Tageszeitung gab. Und klar ist auch, dass man als Online-Medium mehr darum kämpfen muss, dass ein Primeur erkannt und auch nicht von der Konkurrenz abgekupfert wird.

Wie viele Personen arbeiten denn eigentlich noch für Cash?

Hügli: Inklusive dem Produzenten haben wir auf der Redaktion 6,5 Vollzeitstellen verteilt auf 8 Personen. Dazu kommen noch zwei Volontäre.

Michel: Dazu kommen Personen im Verlag und in der Technik. Viel ist auch in den Ringier-Konzern ausgelagert, der Verkauf zum Beispiel. Damit kommt man insgesamt etwa auf 25 Personen, die täglich für Cash arbeiten.

Das Thema der kostenpflichtigen Online-Inhalte beschäftigt die Branche. Ihr Standpunkt?

Michel: Die Ringier-Strategie sieht derzeit nicht vor, Web-Inhalte kostenpflichtig zu machen. Cash ist insofern aus historischen Gründen eine Ausnahme, da gewisse Finanzdienstleistungen schon von Beginn weg kostenpflichtig waren. Bei diesen ist derzeit ein deutliches Abo-Wachstum festzustellen. Bei einem klaren Mehrwert für den Nutzer, scheint also die Zahlungsbereitschaft vorhanden zu sein. Wir schliessen nicht aus, auch neue kostenpflichtige Angebote zu lancieren. Wichtig ist aber festzuhalten: Was heute gratis ist, bleibt auch gratis.

Mit dem Weggang von Dietrich Berg hat ein erfahrener Mann den Verlag Richtung AZ Medien verlassen. Scheint so, als hätte der Steuermann das sinkende Boot verlassen.

Michel: Wir haben das Fachwissen von Dietrich Berg alle sehr geschätzt. Was man aber sehen muss: Dietrich Berg ist ein Print-Mann, der der Zeitung Cash einen riesigen Input geben konnte. Ich bin eher ein Internetpionier und daher verfüge ich zusammen mit meinen Kollegen sicher über das Know-how, einen digitalen Verlag zu führen.

Man sagt, dass "cash daily“ deshalb eingestellt wurde, um den Relaunch des neuen Blick zu finanzieren. Glaubt man innerhalb von Ringier eigentlich noch an Cash? Erfahren Sie ernsthafte Unterstützung?

Hügli: Sicher. Das sieht man schon daran, dass Cash neu direkt bei Marc Walder, Geschäftsführer von Ringier Schweiz, angesiedelt ist. Zudem wird Cash im neuen Ringier-Newsroom in Zürich eine zentrale Rolle als Wirtschaftshub einnehmen. Damit setzt Ringier ein klares Zeichen.

(Interview: Corinne Bauer)


Kommentar wird gesendet...

KOMMENTARE

Kommentarfunktion wurde geschlossen