20.05.2015

RTVG

Pro oder Contra? So denken die Chefredaktoren

Eigentlich geht es am 14. Juni nur um einen Systemwechsel bei der Gebührenerhebung. Doch mittlerweile ist eine breite Debatte über Sinn und Zweck der SRG entbrannt. Wie positionieren sich hierbei die Schweizer Chefredaktoren? Wer ist für die RTV-Vorlage? persoenlich.com hat nachgefragt. Eingegangen sind einmal Nein und fünfmal Ja. Die anderen legen sich (noch) nicht fest.
RTVG: Pro oder Contra? So denken die Chefredaktoren

NEIN:

Markus Somm, Chefredaktor "Basler Zeitung"

"Ich bin gegen diese Revision.

 Es muss einen Zusammenhang geben zwischen Nutzung von Medien und Bezahlung. Die allermeisten Angestellten von Firmen zahlen schon eine Gebühr, warum sollen sie doppelt bezahlen? Dass Unternehmen zur Zahlung beigezogen werden, ist sachfremd. Die neue Lösung ist eine Steuer. Neue Steuern lehne ich grundsätzlich ab. Bevor die SRG mehr Geld bekommt, muss neu definiert werden, welche ihrer Angebote überhaupt von Staates wegen unterstützt werden müssen. Die SRG dringt immer mehr in Gebiete vor, wo kein Marktversagen vorliegt und also auch keine Gebühren nötig sind (Online etc.)"


NICHT FESTGELEGT:

Patrik Müller, Chefredaktor "Schweiz am Sonntag"

"Die Abstimmung hat zu einer Debatte über den Service public und die SRG geführt. Hier vertritt die 'Schweiz am Sonntag' die Meinung, dass die SRG heute zu vieles macht, das nicht mehr Service public ist, und zurückbuchstabieren sollte – die Haltung ist auf schweizamsonntag.ch dargelegt. Was die RTVG-Vorlage betrifft, so berichten wir kritisch, verzichten aber – wie immer bei Volksabstimmungen – auf eine Ja-/Nein-Empfehlung."

 

Philipp Landmark, Chefredaktor "St. Galler Tagblatt"

"Wie bei nationalen Vorlagen üblich, haben die Inlandredaktion und die Chefredaktion des Tagblatts die RTVG-Revision kontrovers diskutiert – die Essenz dieser Diskussion wird in einem Leitartikel demnächst publiziert werden, ich möchte das Ergebnis hier nicht vorweg nehmen. Klar ist aber, dass wir die wichtige Rolle der SRG grundsätzlich nicht in Frage stellen, ihre heutige Dominanz freilich schon. Nicht entgangen ist uns, dass etwa der Fernsehsender aus unserem eigenen Medienhaus von einem Ja profitieren würde, auch diesen Aspekt werden wir würdigen."

 

Marco Boselli, Chefredaktor "20 Minuten"

"Die Gegner des RTVG haben die Diskussion mehr oder weniger elegant vom eigentlichen Abstimmungs-Thema 'Finanzierungs-Modell' hin zu einer hitzigen Debatte um den richtigen Service Public gelenkt. Beides zielt aber an der Diskussion vorbei, die jetzt wirklich geführt werden müsste: Nämlich wie lange ein lineares TV-Programm noch Bestand haben wird und welchen komplett im Umbruch stehenden Konsumgewohnheiten sich SRF in naher Zukunft mit seinem Programm wird anpassen müssen."

 

Lis Borner und Tristan Brenn, Chefredaktion Radio und TV bei SRF

"Die SRF-Redaktionen vertreten in keiner Abstimmung oder Wahl eine Position; wir geben nie Abstimmungs- oder Wahlempfehlungen. Es gibt in unserem Haus keine Weisungen der Unternehmensleitung an Redaktionen. In der Berichterstattung zur RTVG-Revision gelten unsere publizistischen Leitlinien: 'Die SRF-Redaktionen achten darauf, dass im Gesamtangebot Pro- und Contra-Seite insgesamt ausgewogen zu Wort kommen, und dass die Sendungen ein für die Abstimmungsentscheidung angemessenes Mass an relevanter, sachlicher Hintergrundinformation enthalten.'"


JA:

David Sieber, Chefredaktor "Südostschweiz"

"Wir sind für das neue RTVG, weil es das falsche Objekt ist, um die Service-Public-Debatte zu führen. Und weil die SRG geschützt werden muss. Wer sonst soll die eminent wichtige Klammer zwischen den vier Schweizen bilden? Wer soll die sprachregionale Radio- und TV-Abdeckung übernehmen? Das heisst aber natürlich nicht, dass Kritik an der SRG verboten wäre oder ihre Dominanz nicht infrage gestellt werden kann/soll. Zudem bin ich dafür, weil die Somedia als Betreiberin einer regionalen Radio- und Fernsehstation ohne Gelder aus dem Gebührentopf mit den aufgrund der Topografie enormen Verbreitungskosten ein Problem bekommen würde. Wir werden unsere Position in einem Leitartikel darlegen, den ich noch schreiben muss. Ansonsten achten wir wie immer bei Abstimmungsvorlagen auf eine ausgewogene Berichterstattung."

 

Susan Boos, Chefredaktorin "Wochenzeitung – Woz"

"Wir sind dafür, auch wenn wir der Meinung sind, dass man ernsthaft über den Service public und die Qualität von SRF diskutieren muss. Die Argumente wurden sehr schön von WOZ-Redaktor Florian Keller in einem Leitartikel dargelegt: Wer das neue Gebührenmodell ablehnt, befeuert damit keineswegs die nötige Debatte über die publizistische Qualität von SRF. Ein Nein würde der Rechten nur Munition für ihren Plan liefern, den Service public zu demontieren.

(…)

Das Schweizer Fernsehen ist also auch eine Ideologiemaschine, die unermüdlich daran arbeitet, Heimatgefühle zu fabrizieren – für das Land, aber auch für den Sender selbst. Dumm nur, dass die politische Rechte so undankbar auf alle diese Swissness-Manöver reagiert. Da kann man noch so quotengeil und zielgruppengerecht ein bürgerliches Publikum bedienen: Gegen das Evangelium des freien Marktes ist auch die aufwendigste öffentlich-rechtliche Mythenpflege nichts mehr wert.

Denn das ist ja das zentrale Argument der rechten Gespensterjäger gegen den Service public, abgesehen von dem Märchen vom 'linken' Staatsfernsehen: dass das SRF durch die staatlich gesicherte Vormachtstellung eine grössere mediale Vielfalt verhindere. Dabei: Im Tessin werden sie sich bedanken, wenn wir sie der medialen Vielfalt von Berlusconien ausliefern. Und in der übrigen Schweiz demonstrieren die grossen Medienkonzerne seit Jahren eindrücklich, wie man auf dem freien Markt eine einst vielfältige Medienlandschaft planiert."

 

Stefan Regez & Werner De Schepper, Co-Chefredaktoren "Schweizer Illustrierte"

"Die Schweizer Illustrierte befürwortet die RTVG-Revision, weil es in der Schweiz ein öffentlich-rechtliches Fernsehen und Radio braucht. Und weil die neue Abgabe moderner, einfacher und günstiger sein wird. Wir begrüssen aber auch die im Zusammenhang mit der Abstimmung entfachte, kritische Diskussion über den Service public - hier muss sich die SRG besser erklären und auch selber beschränken. In der nächsten SI werden wir dazu auch eine Geschichte haben. Falsch finden wir hingegen, wenn Liveübertragungen von Sportevents oder ganze Unterhaltungsformate in Frage gestellt werden. Gerade Unterhaltungssendungen mit grossem Swissness-Faktor gehören aus unserer Sicht zum festen Bestandteil des Service public."

 

Andres Büchi, Chefredaktor "Beobachter"

"Der Beobachter publiziert keinen speziellen Beitrag im Hinblick auf die RTVG-Revision. Es gibt deshalb auch keine redaktionelle Position. Ich persönlich bin aber der Meinung, dass die Vorlage trotz Vorbehalten ein Ja verdient, weil sich ein Systemwechsel bei der Erhebung der Gebühren aufdrängt. Es ist schlicht nicht mehr zeitgemäss, die Gebühren anhand der Zahl der Fernsehgeräte zu erheben, wenn mit jedem Smartphone und jedem Computer TV empfangen werden kann. Die Warnung des Schweizerischen Gewerbeverbandes, die neue Mediensteuer würde in wenigen Jahren auf Fr. 1000.- pro Jahr erhöht, ist eine durch kein einziges Argument gestützte Propagandabehauptung.

Ein Ja zur RTVG-Revision darf jedoch nicht heissen, dass bei SRF alles zum Besten stünde. Der Service public müsste meiner Ansicht nach dringendst neu und enger definiert werden. Sinn und Zweck des Service public ist es, im Interesse des Landes ein Grundangebot an relevanten Informationen für die verschiedenen Sprachregionen der Schweiz bereitzustellen. Adaptierte oder eingekaufte Unterhaltungsshows sowie TV-Serien und –Filme, die auch auf allen andern Kanälen so oder ähnlich zu sehen sind, gehören nicht in ein steuerfinanziertes Grundangebot. 

Es macht auch überhaupt keinen Sinn, dass ein so privilegiert finanziertes Unternehmen ein Online-Angebot mit längeren Textbeiträgen bereitstellt und damit privat finanzierte Printmedien konkurrenziert, die auf zahlende Leser angewiesen sind. So wird auf Dauer die für einen Staat wichtige Medienvielfalt gefährdet. Aber diese Fragen sind nicht Teil der Vorlage. Sie müssen unabhängig von dieser Abstimmung erörtert werden."

 

Matthias Daum, Büroleiter Schweiz von "Die Zeit"

"Am 14. Juni stimmen wir über eine Inkassovorlage ab. Über nicht mehr und nicht weniger. Wer nun aus Prinzip Nein sagt, der betreibt Symbolpolitik. Oder auf TV-Deutsch: Er schielt nur nach der Quote."

Umfrage: Edith Hollenstein



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