25.08.2019

Swiss Radio Day 2019

«Radio ist ein Teil des medialen Dorfplatzes»

Das Gipfeltreffen der Radiobranche findet am Donnerstag zum 20. Mal statt. Einer der Gründerväter ist Martin Muerner, Geschäftsleiter von Radio BeO und Vizepräsident des Verbandes Schweizer Privatradios VSP. Ein Gespräch über Sprache, Stolpersteine und das Silicon Valley.
Swiss Radio Day 2019: «Radio ist ein Teil des medialen Dorfplatzes»
«Entwicklung heisst immer auch Veränderung», sagt Martin Muerner. Der 62-Jährige war bei der Gründung des Swiss Radio Day dabei. (Bilder: zVg.)
von Christian Beck

Herr Muerner, Sie gehören zu den Gründern des Swiss Radio Day. Warum haben Sie diesen vor 20 Jahren ins Leben gerufen?
Zuerst: Es ist mir wichtig zu betonen, dass nicht ich allein den Swiss Radio Day ins Leben gerufen habe. Es waren die Radioszene, die Werbevermarkter, das Bakom, die Forschung und viele andere, die sich für die Entstehung des Swiss Radio Day eingesetzt haben, insbesondere auch der frühere Goldbach-CEO Klaus Kappeler. Natürlich war ich als Vertreter des Privatradioverbandes VSP bei der Gründung voll dabei und wurde dann ja Co-Geschäftsleiter des Swiss Radio Day – zusammen mit Marc Savary von der SRG. Aber die Gründung des Swiss Radio Day war keine «One man action». Gerne danke ich auch an dieser Stelle allen Beteiligten ganz herzlich für das damalige Engagement – merci bien, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Gemeinsam waren Sie sich also einig, dass es einen Swiss Radio Day braucht. Warum?
Der Swiss Radio Day wurde gegründet, weil es richtig war und heute immer noch ist, dem grandiosen Medium Radio einen Tag zu widmen. Wir wollten damals nicht nur das Medium Radio würdigen, sondern mit dem Event auch eine Möglichkeit für den gegenseitigen Austausch in der Szene schaffen – einen «Radio Networking Day» ins Leben rufen und so alle wichtigen Player der Schweiz zusammenbringen. Dies ist uns damals gelungen und gelingt heute immer noch.

Von der ersten Idee bis zum ersten Anlass – lagen da viele Steine im Weg?
Wie immer im Leben war es auch da so: Wenn man einen Weg gehen will, so muss man manchmal auch Steine aus dem Weg räumen. Sonst besteht die Gefahr, dass man stolpert. Unsere «Herausforderungs-Steine» waren einerseits die Finanzierung eines solchen Anlasses sicherzustellen, andererseits bezahlbare Räumlichkeiten zu finden und dann hochkarätige Referentinnen und Referenten zu überzeugen, am Swiss Radio Day aufzutreten. Dank dem grossen Engagement des Gründerteams ist es uns gemeinsam gelungen, diese Herausforderungen zu meistern.

«Niemand wusste, ob der Tag dann auch ein Erfolg werden würde»

Und dann der erste Swiss Radio Day im Jahr 2000: Beschreiben Sie mal, wie der war …
«Neu» heisst ja meistens auch «unbekannt». Wir hatten uns zwar sehr gut vorbereitet und alles möglichst optimal geplant, aber niemand wusste, ob der Tag dann auch ein Erfolg werden würde. Wir arbeiteten deshalb noch am Vortag bis spät in die Nacht hinein, um möglichst sicher zu gehen, dass alles klappen würde. Als am Morgen des ersten Swiss Radio Day die Besucherzahl kontinuierlich anstieg und als die ersten Referate mit grossem Applaus verdankt wurden, wussten wir, dass wir es geschafft hatten. Dies war ein schönes Gefühl für das ganze Team.

Wann war klar, dass es zu einer Zweitauflage des Anlasses kommen sollte?
Eigentlich schon am Abend der ersten Ausgabe. Die vielen positiven Rückmeldungen der Besucherinnen und Besucher gaben uns die Gewissheit, dass der erste Swiss Radio Day keine Eintagsfliege sein soll.

Und der zweite Event war dann bereits grösser?
Der zweite Event eigentlich noch nicht. Denn wir hielten uns ans bekannte Motto: Mit kleinen Schritten in die richtige Richtung gehen. Der Ausbau des Swiss Radio Day passierte also jährlich, indem wir nach jeder Durchführung unsere Analyse machten, den Ausbau aber auch Änderungen diskutierten und dann die entsprechenden Entscheide fällten. Mit diesem Vorgehen konnten wir den Swiss Radio Day kontinuierlich ausbauen.

Wenn Sie heute zurückblicken, was ist in besonderer Erinnerung geblieben?
Ein rundes Jubiläum bietet immer auch die Gelegenheit, um zurückzuschauen. Mir persönlich sind vor allem die vielen Begegnungen mit ganz vielen interessanten Menschen in Erinnerung geblieben. Einerseits waren es vor allem die vielen persönlichen Gespräche mit den Referentinnen und Referenten nach den Auftritten auf der Bühne. Andererseits war es immer wieder eine grosse Freude, mich mit Kolleginnen und Kollegen auszutauschen. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir der souveräne Auftritt der damaligen Bundesrätin Doris Leuthard im Vorfeld der Revision des Bundesgesetzes über Radio und Fernsehen (RTVG).

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Was war das Schlimmste, was je an einem Swiss Radio Day passiert ist?
Jeder Tag enthält immer auch eine Portion Glück. Ohne dies wäre vieles nicht möglich auf dieser Welt. Auch beim Swiss Radio Day hatten wir immer wieder das Glück, dass nichts Schlimmes passiert ist. Abgesehen von kleineren Unannehmlichkeiten – «Wo ist der zweite Beamer?», «Warum ist es so heiss im Saal?» oder «Können wir den zweiten Referenten an die erste Stelle setzen?» – sind mir keine Pannen in Erinnerung geblieben.

Mittlerweile wird der Swiss Radio Day zum 20. Mal durchgeführt, die Leitung liegt in anderen Händen. Erkennen Sie «Ihren» Event noch wieder?
Entwicklung heisst immer auch Veränderung. Dabei wäre es falsch, die heutige Version an den Anfängen messen zu wollen. Jede Zeit hat ihre Affinität und ihre eigenen Ziele und Vorstellungen. Der neuen Leitung ist es gelungen, den Event der Zeit anzupassen, ohne die Grundidee zu verändern. Dies verdient Dank und Lob an das heutige Team. Schaut man den heutigen Swiss Radio Day an, so sind sicherlich zwei wichtige Komponenten aus der Grundidee geblieben: Einerseits spannende Referate zu aktuellen Themen des Radiobereiches anzubieten und andererseits Networking innerhalb der Branche zu betreiben. Diese zwei Grundpfeiler des Swiss Radio Day, die wir schon vor 20 Jahren bei der Gründung beachtet haben, stehen immer noch. Dies freut mich.

«Menschen wollen hören und fühlen, was andere Menschen hören und fühlen»

Ihre Prognose: Wie lange wird es den Swiss Radio Day noch geben – oder anders gefragt: Wie lange gibt es noch Radios?
Bitte erlauben Sie, dass ich ein wenig aushole, denn die Frage ist ja bedeutungsvoll. Die Kommunikation unter Menschen besteht seit Jahrtausenden vor allem in der Form der Sprache und der Gefühle. Dies wird auch in der Zukunft so bleiben. Bilder sind zwar auch wichtig, aber schauen Sie mal die «Tagesschau» oder die «Arena» ohne Ton. Da fehlt die Sprache. Menschen wollen hören und fühlen, was andere Menschen hören und fühlen. Mir gefällt die englische Interpretation des Wortes Kommunikation: «to care for the community». Sich für die Gemeinschaft einsetzen, die Gemeinschaft pflegen. Das Medium Radio ist bestens geeignet, diese Kommunikation zu erbringen. Also für die Gemeinschaft da zu sein. Informationen, Dienstleistungen und Gefühle zu vermitteln. Mit Wort und Musik die Menschen zu begleiten und auf diese Weise die Gemeinschaft und damit die Gesellschaft zu verbinden. Dies ist eine der grossen Stärken des Radios.

Also bleibt alles wie es ist?
Natürlich wird sich die Form der Radiokommunikation verändern, so wie sie sich schon seit dem Aufkommen des Radios verändert hat. Die neue digitale Welt, wo man den Tagesfahrplan der Mediennutzung selber bestimmen kann, wirkt sich auch auf das Radio aus. Man will Inhalt – aber den Zeitpunkt der Nutzung selber bestimmen. Dies wird auch die Form des Radios beeinflussen. Doch die wichtigen Eckpfeiler, die das Medium Radio bietet, werden bleiben. Also den Menschen täglich einen guten Service public anbieten – regional wie national. Dass dies gewünscht ist, zeigen die aktuellen Hörerdaten: Über 5,7 Millionen Menschen* irren nicht. So viele Menschen hören nämlich in der gesamten Schweiz täglich das Medium Radio.

Das Medium Radio ist ja auch ein ideales Begleitmedium …
Ja, das Medium Radio hat den grossen Vorteil, dass man es gleichzeitig neben anderen Tätigkeiten nutzen kann. Da braucht es keinen starren Blick auf einen handgrossen Screen, bei dem man voll absorbiert ist. Und wo man bei jeder Nutzung seine persönlichen Daten irgendwo abliefert. Ich bin übrigens immer wieder erstaunt, wie unbekümmert viele Menschen sich den grossen weltweiten Datensammlern aus dem Silicon Valley und von anderswo ausliefern. Wie leichtfertig man sich so zu einem kontrollierbaren Menschen macht. Und wie man sich so in eine Abhängigkeit begibt, die man unbedingt mal kritisch hinterfragen müsste. Ich finde, man sollte mal eine Diskussion über die «Nebenwirkungen der Digitalisierung» in Gang setzen. Natürlich ist die Entwicklung nicht aufzuhalten und man muss ja fast mitmachen. Aber es würde meiner Meinung nach nicht schaden, das Bewusstsein zu diesem Thema zu schärfen.

Sie sind also überzeugt, dass es das Medium Radio noch lange geben wird …
Absolut. Weil Menschen auch in der Zukunft von Menschen begleitet werden möchten. Und nicht von Algorithmen, die irgendwo von digitalen Zauberern geschrieben werden. Menschen brauchen seit jeher einen regionalen oder nationalen «Dorfplatz». Und das Medium Radio ist und wird auch in Zukunft Teil dieses medialen Dorfplatzes sein. Deshalb wird es das Medium Radio noch ganz lange geben. Und weil es das Medium Radio noch lange geben wird, scheint mir auch die Zukunft des Swiss Radio Day gegeben – in welcher Form auch immer. Dies gemäss dem Motto der Gründerzeit vor über 20 Jahren: Dem wunderbaren Medium Radio einen Tag zu widmen.



Der 20. Swiss Radio Day findet am Donnerstag, 29. August, im Kaufleuten in Zürich statt. Alle Informationen zum Anlass finden Sie hier.

* Quelle: Mediapulse Radio Data, ganze Schweiz, Personen ab 15 Jahren, Total Radio, 1. Semester 2019, Montag bis Sonntag, NR-T.



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