02.05.2009

Rainer Kuhn haucht "Kult" neuen Atem ein

Interview mit dem Herausgeber.

Ende 2006 schickte Rainer Kuhn sein Magazin "Kult" in Pension. Letzten Sommer liebäugelte er offiziell mit einem Comeback. Nun wird der Neustart von "Kult" perfekt. Ab Juni ist Kuhn wieder mit seiner Truppe aus den Anfangszeiten am Werk. Inhaltlich geht es zurück zu den Wurzeln. "Damals hatte es auch am meisten Spass gemacht", meint Kuhn im Gespräch mit "persoenlich.com". Allerdings hat er sich für die Publikation für eine neue Bühne entschieden. Das Interview:

Herr Kuhn, Sie erwecken "Kult" wieder zum Leben. Mit welchem Konzept?

Ich starte das alte "Kult" neu. Das heisst, der alte Look & Feel, das alte Layout, grossenteils die alten Rubriken wie mein Tagebuch, die Lokalnachrichten aus der Partyszene, Thomas Meyers "Federhure", die "Kultagenda", der "Ratgeber", die ungeschnittenen Live-Interviews und natürlich Handirr, der Pouletverkäufer vom Vorderen Sternen. Dazu kommen aber auch neue Rubriken, der Aktualität angepasst. Als rockband gedacht würde das heissen: wir spielen den alten Sound, die grössten Hits und eine Menge neuer Songs. und das unter Berücksichtigung der aktuellen Gewohnheiten des Medienkonsums und den technologischen Möglichkeiten der Verbreitung. Das neue alte "Kult" wird also rocken wir früher, aber auf einer neuen Bühne.

Neue Bühne?

"Kult" erscheint nicht mehr als monatliches Printmagazin sondern online, als interaktive Website mit täglichen Updates. Das "Kult" online zu performen ist eine neue Herausforderung, man muss es strukturell und konzeptionell anders angehen. Aber es ist auch ein Spiel mit den um ein vielfaches interessanteren Möglichkeiten der Verbreitung und der Interaktion des Internets im Gegensatz zu einer monatlichen Zeitschrift.

Gibt es eine fixe Redaktion oder arbeiten Sie vor allem mit Gastautoren?

Tomas Meyer, Midi Gottet, Alex Flach, David Hugentobler und ich, das ist meine Band. Das ist im Wesentlichen die alte Truppe aus den jahren 99 bis 01. wir machen das ganze Ding. Dazu wird es immer wieder "Gastauftritte" geben. Aber der Sound steht grundsätzlich.

Sie sprechen von der alten Truppe. Heisst das, es geht inhaltlich ganz zurück zu den Anfängen? Das Heft wurde ja nach dem Start als Satire- und Lifestyle-Titel zum Kunstmagazin.

So ist es. Inhaltlich und formal geht es back to the roots. Damals hatte es auch am meisten Spass gemacht. Der Wechsel zum Literatur- und Fotografenmagazin brachte zwar mehr Applaus aus der vordergründig intellektuellen Ecke, aber das alte "Kult" wird vom Grossteil des Publikums bis heute als das eigentliche "Kult" betrachtet. Das geht mir selber genauso. Und deshalb wollte ich das auch mit meinen alten Autoren realisieren. Das war damals schon lustig und es gefällt mir zu spüren, dass es 8 jahre später wieder genauso lustig zu werden scheint.

Welche Themen stehen im Fokus?

Die Themen waren beim alten "Kult" nie wichtig. Es ging nie darum, aktuelle zeitgeistige Themen aufzugreifen, Trends aufzuspüren oder zu beschreiben. Das "Kult" ist eine Haltung, ein "State of mind". Beim "Kult" geht es darum, wie man all den verschiedenen Themen begegnet, wie man auf sie reagiert, sowohl alltägliche als auch ausserordentliche Ereignisse in Beziehung mit sich selber als subjektives Individuum bringt, welches die Dinge subjektiv erlebt und es dann eben so subjektiv beschreibt. Für "Kult" galt und gilt immer: Subjektivität ist die reinste Form von Wahrheit. "Kult" ist dadurch nonkonform und authentisch -- unabhängig vom Thema.

Welches Zielpublikum soll angesprochen werden?

Genau die Leute, die sich angesichts der zunehmends totalen Gleichschaltung der Medien von Themen und Inhalten langweilen und zwischendurch gerne mal den Lautstärkenregler ein bisschen aufdrehen würden. Es kommt heute ja fast nicht mehr drauf an, welche Zeitung ich lese, egal ob gratis oder bezahlt, es sind überall die gleichen Geschichten sogar mehr oder weniger gleich erzählt und meistens hab ich sie sowieso am morgen online durchgeklickt. Das "Kult"-Publikum sind Leute, denen es gefällt, authentish und unkonform zu sein und authentische und unkonforme Sachen zu lesen. Und denen es egal ist, ob sie das von einem Blatt Papier oder einem Bildschirm tun.

Wie wollen Sie die Online-Plattform finanzieren?

Ich habe alternative Formen als die des reinen Online-Werbegeschäftes gesucht. Und ich habe sie in der Grundmechanik der durchschnittlichen, regionalen Fussballvereine gefunden. "Kult" hat Supporter, Gönner, Sponsoren, Werbebanden und Werbedurchsagen vom Platzspeaker. Supporter kann jeder werden. Als Supporter bezahlt man 100.- pro Jahr, bekommt ein "Kult"-Shirt, Gratiseintritte in verschiedene Clubs und so weiter. Das sind in der Regel dann Sympathisanten, Leute, die uns zeigen, dass sie das cool finden, was wir machen und ein Teil davon sein möchten. Der Gönner bezahlt 1000.- im jahr, bekommt ebenfalls T-shirts, freien Eintritt in verschiedene Clubs, Verlinkung auf der Website usw. Gönner sind Fans, persönliche Freunde oder Firmen, die das "Kult" zwar unterstützen und dabei sein möchten, aber kein Sponsoring machen können oder wollen. Die Sponsoren sind unterteilt in einen Hauptsponsor, und fünf Co-Sponsoren.

Können Sie schon Sponsoren nennen?

Unser Hauptsponsor ist der Getränkekonzern Dettling-Marmot, erste Co-Sponsoren sind Harley-Davidson und Universal Music. Mit den weiteren drei Sponsoren werde ich im Laufe des Monats abschliessen.

Wie sind Sie auf dieses Geschäftsmodell gekommen?

Diese art von Finanzierung ist breiter und direkter im Publikum abgestützt und macht mich generell etwas unabhängiger von der klassischen Werbewirtschaft. Mir gefällt die Idee, ein Medium zu produzieren, welches nicht auf Gedeih und Verderben der Entwicklung des zunehmends unseelig verzahnten Werbe- und Verlaggeschäftes ausgeliefert ist. Mal sehen, ob's auf die länge funktioniert. Angefangen hats jedenfalls sehr gut.

Warum gibt es keine Printausgabe mehr?

Warum laden heute immer mehr Leute ihre Songs runter und kaufen nicht die CD? Das ist einfach der Lauf der Dinge. Die Welt verändert sich und wir tun es auch. "Kult" ist nicht an ein Medium gebunden. "Kult" kann gedruckt werden, online performen, Radio machen, Partys, was auch immer. Wie gesagt: "Kult" ist ein "State of mind". Und ich habe eine grosse Leidenschaft für die positiven Möglichkeiten des Internets entwickelt.

Soll bei Erfolg später doch wieder eine Printpublikation entstehen?

Es ist durchaus denkbar, einmal pro Jahr quasi ein "Best of" mit den besten Geschichten, Quotes und Kommentaren herauszugeben. Aber wie gesagt, im Zentrum steht die Website, das ist unsere neue Bühne, darauf werden wir abrocken.

Glauben Sie, dass der Brand nach über zwei Jahren Abstinenz noch den gleichen Erfolg haben kann? Wie bekannt ist "Kult“ noch?

"Kult" ist ein unheimlich starker Brand. Ich hatte damals vor 10 jahren mit dem "Kult" ja eine eigentliche Bresche in die Deutschschweizer Medienlandschaft geschlagen, wir waren der Winkelried der Alternativen Presse. Das vergessen die Leute nicht. Und ich habe "Kult" damals bewusst nicht "beerdigt", sondern klar formuliert nur "pensioniert". Und "Kult" als Marke ist ja auch nie ganz verschwunden, nur als Gratismagazin ist es nicht mehr erschienen. Für den "Blick" habe ich z.B. ein Jahr lang eine wöchentliche "Kult"-Kolumne geschrieben. In der Tat war es ja die ganze Zeit so, dass ich kaum mal weggehen konnte, ohne auf das "Kult" angesprochen zu werden. Das ist bis heute noch so. Letzten Herbst hab ich dann mal auf Facebook eine Gruppe eröffnet, die mittlerweile rund 1400 mitglieder zählt. Das sind Sympathisanten, Leute, die damit zeigen, dass ihnen das alte "Kult" immer noch gefallen würde. Und die sich besonders freuen werden, wenn wir am 3. juni online gehen.

Wie steht es eigentlich um Ihree Hefte "Notebook“ und "Stylebook“? Sie haben ja "Kult“ damals eingestellt, um sich auf diese beiden Titel zu konzentrieren.

"Notebook" und "Stylebook" waren eigentliche Innovationen. Mechanisch gesehen eine völlig neue Art von Zeitschrift. Ein gedruckter Blog, der entgegengesetzte Weg online to print war spannend zu gehen. Das Medienbusiness hat sich aber in den letzten jahren sehr stark verändert, für kleine unabhängige Herausgeber ist es heute nicht mehr wahnsinnig interssant, eine Gratiszeitschrift herauszugeben. Man kann in dem Spiel zwischen Grossverlagen, Mediaagenturen und Vermittlern nicht mehr mithalten. Die Printausgaben erscheinen bereits seit Ende letztes Jahr nicht mehr.

Wird „Kult“ nun mit „Notebook“ und „Stylebook“ online fusionieren?

Ja, sozusagen. "Notebook" und "Stylebook" werden ins "Kult" integriert. "Notebook" wird zur rubrik "kult notizen", hier findet man den typischen User-Generated Content. Dasselbe gilt für "Stylebook". Es wird zu "kult styles".

Wie interaktiv wird Kult-Online sein. Soll es eine Social Community Plattform werden?

Jeder wird jeden Artikel kommentieren können. Über "kult notizen" kann auch jeder selber Beiträge machen, diese ebenfalls kommentieren lassen. Es wird noch ein paar weitere solche Sachen drin haben. Aber die Community auf die Plattform fesseln, will ich nicht. Ich habe auf Facebook eine "Kult"-Gruppe, da findet sich die Community. Ich find es interessanter, für einzelne eigene Interessen andere Plattformen und Dienste zu benutzen als alles selber hinstellen zu wollen. "Kult" wird also keine Social Community Plattform sein, sondern vielmehr eine Art "Lifestyle-Portal für Nonkonformismus und Authentizität".

Abschlussfrage: Was ist für Sie persönlich kult?

Nur "Kult" ist kult.

(Interview: Stefan Wyss, Corinne Bauer)


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