Am Dienstagnachmittag wurde überraschend Roger de Weck als neuer SRG-Generaldirektor vorgestellt. Was meint die Schweizer Medienbranche dazu? "persoenlich.com" fragte nach. Hier einige Reaktionen:
Marc Walder, Chef Ringier Schweiz: "Ein Mann, der von der inhaltlichen Seite kommt wunderbar."
Hanspeter Lebrument, Präsident des Verlegerverbandes und Verleger der "Südostschweiz": "Die Wahl von Roger de Weck zum SRG Generaldirektor ist ebenso überraschend wie gelungen. Der mehrsprachige de Weck wird wieder vermehrt auf Service public setzen, das heisst auf Information, Hintergrund und Vertiefung. Zwischen privaten und öffentlich-rechtlichen Veranstaltern wird es eine deutlichere Unterscheidung geben als bisher."
Karl Lüönd, Publizist und Medienexperte: "Gut ist, dass die SRG jetzt eine starke publizistisch geprägte Persönlichkeit an der Spitze hat, auch wenn sie den landläufigen und stinklangweiligen halblinken Mainstream verstärkt, der ja seit Jahren politische Marktanteile verliert. Ob Roger de Weck die strategischen, die medientechnischen und die betriebswirtschaftlichen Seiten dieses Jobs in den Griff bekommt, will ich um es höflich auszudrücken derzeit offen lassen. Beim Tagi ist er ja seinerzeit ausgeschieden, weil er nicht weiter sparen wollte. Woher also soll er die Brutalität nehmen, um das SRG-Budget ins Gleichgewicht zu bringen? Ich wünsche ihm viel Glück, er kann es brauchen."
Norbert Neininger, Verleger "Schaffhauser Nachrichten": "Zuerst einmal ist dem Wahlgremium die Überraschung gelungen, es hat alle ausgetrickst. Keine einfache Aufgabe in dieser geschwätzigen Branche. Ich gratuliere Mr. X und wünsche ihm das nötige Geschick, um über seine persönlichen Vorlieben und seine politische Einstellung hinaus ein unabhängiger Generaldirektor zu sein, der überparteilich agiert."
Roger Schawinski, Medienpionier und SRG-Kritiker gegenüber dem Newsnetz: "Ich bin sehr positiv überrascht. Zum ersten Mal seit langer Zeit wurde wieder ein Journalist an die Spitze der SRG gewählt. Die Wahl markiert im positiven Sinn eine Veränderung. De Weck hat ein grosses Renommée. Es gibt in der Schweiz wenige Publizisten von seinem Format. Seine Wahl ist alles andere als selbstverständlich. Wie ich Roger de Weck kenne, werden künftig Inhalte wieder ein grösseres Gewicht bei der SRG haben. Er hat bereits anderorts gezeigt, wozu er fähig ist. Die deutsche "Zeit" hat er als Chefredaktor wieder zu einem Erfolgsprodukt gemacht. Sein Einfluss wirkt dort bis heute nach, wie mir sein Nachfolger erzählt hat. Er kann sich nun einen Superdirektor suchen, mit dem zusammen er ein starkes Gespann abgeben wird.
Weitere Reaktionen
Der SRG-Verwaltungsrat setze mit de Weck auf "ein Symbol für die Idée Suisse", sagt Medienwissenschafter Roger Blum. Als gebürtiger Romand mit Arbeitserfahrung bei Deutschschweizer Medien integriere de Weck alle Landesteile. De Wecks Wahl sei bemerkenswert in Zeiten, in denen der Service Public angefeindet werde, hielt Blum am Dienstag auf Anfrage der Nachrichtenagentur SDA fest. Der 56-Jährige werde den Service Public verteidigen.
So glaubt Roger Blum nicht, dass de Weck "Swissinfo" einstellen wird. Ebenso wenig werde der designierte SRG-Generaldirektor die italienischsprachigen Sender einfach streichen. "De Weck wird eher auf teure Sportsendungen verzichten", prognostiziert der Medienwissenschafter. Roger de Weck bringt laut Blum nicht nur journalistische Kompetenzen, sondern auch Führungserfahrung mit: Der neue SRG-Generaldirektor war Chefredaktor des "Tages-Anzeigers" und der deutschen Wochenzeitung "Zeit".
Wahl spaltet Parteien
Je rechter die Partei, desto unzufriedener: Die Wahl des neuen SRG- Generaldirektors Roger de Weck kommt bei SP und CVP gut an. Die SVP hingegen spricht von einer "politischen Wahl" und zeigt sich enttäuscht. Skeptisch ist die FDP. De Weck verfüge zwar über viele Kompetenzen, aber ihm fehle Managementerfahrung, sagte der Zürcher Nationalrat und FDP-Vizepräsident Markus Hutter. Ein Unternehmen mit über 6000 Mitarbeitern zu führen und erst noch Reformen durchzubringen, das sei eine enorme Herausforderung.
"Überrascht" über die Wahl erklärte sich de Wecks Kontrahent Nationalrat Filippo Leutenegger (ZH). Zu seiner Wahlniederlage wollte der FDP-Kandidat nicht viel sagen: "Ich wünsche Roger de Weck alles Gute für die anspruchsvolle Aufgabe." Deutliche Worte fand SVP-Nationalrat Ulrich Giezendanner: Mit dem linksliberalen Europabefürworter Roger de Weck bleibe alles beim alten: "Rotes Staatsfernsehen", sagte er auf Anfrage der Nachrichtenagentur SDA. Der Zürcher SVP-Nationalrat und AUNS-Geschäftsführer Hans Fehr wittert einen Skandal: Eine sachliche und ausgewogene Berichterstattung unter dem "EU-Turbo im Quadrat" sei ein Hohn.
Das Lobbying der bürgerlichen Kreise sei wahrscheinlich einfach zu kurzfristig gewesen, übte sich Giezendanner in Selbstkritik. Seine 21-köpfige, bürgerliche "Mediengruppe" werde nun aber erst recht aktiv. Zudem sucht die SVP das Gespräch mit de Weck: Bei einer Aussprache in den kommenden Wochen erwarte die Partei von ihm eine "Klärung seiner Position zu wichtigen politischen und unternehmerischen Fragen sowie gegenüber der SVP", heisst es in einem Communiqué.
Erfreut über den neuen SRG-Generaldirektor zeigten sich CVP und SP. De Weck sei ein erklärter Kämpfer gegen die Polarisierung im Land, sagte CVP-Sprecherin Marianne Binder. Ihre Partei hoffe, dass er damit auch bei Radio und Fernsehen Erfolg habe und lösungsorientierte, konstruktive und pragmatische Ansätze stärke. Als "überzeugten Kämpfer für den Service Public" charakterisierte SP-Nationalrat Hans-Jürg Fehr den designierten SRG-Generaldirektor. De Weck sei eine gute Wahl, gerade weil er vom Journalismus komme und kein Manager sei, sagte der Schaffhauser SP-Politiker.
Mediengewerkschaften voll des Lobes
Bei den Mediengewerkschaften hat Roger de Wecks Wahl Begeisterung ausgelöst. Der SRG-Verwaltungsrat habe sich damit für "Qualitätsjournalismus, Vielfalt und redaktionelle Unabhängigkeit" entschieden, schreibt etwa Impressum. De Weck sei eine politisch und menschlich integre Person, sagte Comedia- Sprecherin Nina Scheu am Dienstag auf Anfrage der Nachrichtenagentur SDA. Der designierte SRG-Generaldirektor vertrete einen Service Public, wie sie es sich wünsche, hielt Barbara Büttner vom Schweizer Syndikat Medienschaffender (SSM) fest.
Zweifel an der Konkordanzfähigkeit hegt hingegen der Schweizerische Gewerbeverband (sgv): De Weck habe mit seinem bisherigen journalistischen und politischen Engagement weite Bevölkerungskreise ausgegrenzt, schreibt der sgv. Er sei daher nicht geeignet, die auf Ausgleich beruhende "idée suisse" im Bereich der Monopolmedien zu fördern. (persoenlich.com/sda/newsnetz)

