Andreas Waldis, Ringier will sich mit der Projektgruppe "Neue Medien" verstärkt mit der digitalen Zukunft befassen. Ist die Früherkennung von Trends bisher verschlafen worden?
Trends wurden bei Ringier schon immer früh erkannt. Die Erkennung allein genügt aber nicht. Gefordert ist die Umwandlung solcher Ideen in funktionierende und ertragbringende Geschäftsmodelle. Nur so wurde Ringier beispielsweise in den Bereichen Privatfernsehen oder Crossmedia zum erfolgreichsten Schweizer Player. Die Projektgruppe soll den Austausch nun aber auch länder- und bereichsübergreifend verstärken und besser koordinieren. Zudem werden die Entwicklungen in der Medienwelt immer schneller, vielfältiger und komplexer. Wir glauben, dass wir diesen wachsenden Anforderungen mit einer übergreifenden Gruppe besser gerecht werden.
Wie würden Sie die bisherige Strategie von Ringier im Bereich neue Medien umschreiben? Ist die Schaffung dieser Projektgruppe ein Zeichen für eine Strategieänderung?
Ringier hat viele Fehlinvestitionen vermieden, man denke nur an die gescheiterten Schweizer Online- oder Fernsehprojekte der vergangenen Jahre. Neue Geschäftsfelder wollen wir aber auch künftig erschliessen, sofern wir erfolgsversprechende Businessmodelle darin erkennen. Das ist keine Änderung, sondern eine Weiterführung unserer soliden Strategie.
Einfach so ins Blaue hinaus schafft man keine Projektgruppe. Arbeitet man schon konkret in eine Richtung?
Selbstverständlich -- die Richtung heisst Zukunft. Damit uns diese Zukunft eben nicht ins Blaue führt, sondern zu Projekten die im grünen Bereich laufen und schwarze Zahlen bringen, wurde der Ausschuss Neue Medien geschaffen. Die Projektgruppe soll zudem Entscheidungsgrundlagen für die Unternehmensleitung von Ringier erarbeiten.
Wo sehen Sie Verbesserungsmöglichkeiten im Bereich der neuen Medien?
Im Management des bei Ringier bereits vorhandenen Wissens. Je multimedialer und internationaler ein Medienhaus tätig ist, desto mehr Potenzial ergibt sich aus dem Know-how seiner Mitarbeitenden. Um dieses besser nutzen zu können, erwägen wir u.a. den Aufbau einer Wissens-Datenbank. Auch bezüglich Kooperationen, Erreichung neuer Zielgruppen und medialer Rund-um-die-Uhr-Begleitung unserer Leser, Zuschauer und User gibt es noch genügend zu tun.
Bisher haben nur Blick und Cash eine eigene Online-Redaktion. Alle anderen Ringier-Titel haben nur Online-Auftritte zu reinen Marketing-Zwecken. Werden auch andere Titel einen neuen Online-Auftritt bekommen?
Dies ist so nicht vollständig. In der Schweiz arbeiten zum Beispiel www.gesundheitsprechstunde.ch oder www.bettybossi.ch ebenfalls mit eigenen Redaktionen. Gruppenweit gibt es -- beispielsweise bei Ringier Ungarn -- weitere umfassende Online-Angebote mit gut ausgebauten Redaktionen. Neue Online-Produkte werden realisiert, wenn dafür eine Marktchance besteht.
Der Ausschuss will länderübergreifende Projekte koordinieren. Wie könnte so ein Projekt aussehen?
Ein Beispiel ist eine Plattform im Mobile-Bereich. Da arbeiten heute schon Ringier-Leute aus verschiedenen Ländern zusammen. Oder die oben erwähnte Wissens-Datenbank, auf die Mitarbeitende der ganzen Ringier-Welt Zugriff haben sollen. Generell wollen wir auch für die Neuen Medien erreichen, was Ringier im Printbereich schon vielfach umgesetzt hat: Bereits erfolgreiche Geschäftsmodelle sollen auf ihre Eignung für andere Ringier-Bereiche geprüft und im positiven Fall multipliziert werden. Bei all dem spielt die Kommunikation eine ganz entscheidende Rolle. Deshalb wurde die Projektleitung auch bei der Unternehmenskommunikation angesiedelt. Das entspricht meiner Überzeugung: Nur wer eine offene und aktive Kommunikationskultur betreibt, verschafft sich auch selber einen Informationsvorsprung.
Verlaufen die Marktgrenzen im Bereich neue Medien anders als im Print-Bereich? Spielen Landesgrenzen weniger eine Rolle?
Geschäftsmodelle und konkrete Produktentwicklungen lassen sich grenzübergreifend einsetzen. Die jeweiligen Inhalte werden wohl auch in Zukunft länder- oder zumindest sprachspezifisch aufbereitet. Hingegen werden sich die Grenzen zwischen den einzelnen Mediengattungen noch weiter auflösen -- formal, inhaltlich und kommerziell.
Sie wollen länderübergreifend Scouts einsetzen. Wie muss ich mir die Arbeit eines solchen "Spähers" vorstellen?
Bei den Scouts handelt es sich um Ringier-Mitarbeitende, die ihre Nase bezüglich neue Entwicklungen hart im Wind haben. Von deren Wissen wollen wir zukünftig gruppenweit besser profitieren. Die Scouts werden also primär aus besonders innovativen und gut informierten Ringier-Leuten und einigen externen Fachleuten "rekrutiert". Sie sollen die Wissens-Datenbank füttern, Vorschläge für Projekte einbringen und auch Marktbeobachtung betreiben.
Wie schnell erwartet Ringier konkrete Vorschläge?
Der nun vollzählige Ausschuss tagt erstmals im März. Zwei konkrete Projekte sind bereits auf der Agenda. Es handelt sich dabei um die erwähnte Mobile Plattform und ein erstes Segment der ebenfalls erläuterten Wissens-Datenbank.
Wo sehen Sie im Bereich neue Medien das grösste Potential?
Das weite Feld der mobil nutzbaren digitalen Medien wird uns in Zukunft sicher vermehrt beschäftigen. Auch im ganzen Online-Bereich und in der zunehmenden Individualisierung der Mediennutzung sehen wir Potenzial.

