03.11.2017

Schlechte Konditionen für Fotografen

«Ringier hätte für das Fifa-Bild eine Tagespauschale bezahlt»

Jahrelang hat Pascal Mora, mehrfach ausgezeichneter Fotograf, für den «Blick» gearbeitet. Den neuen Vertrag kritisiert er scharf und nennt ihn «Enteignung». Im Interview spricht er über die Signalwirkung an die Branche und sagt, wie die Konditionen bei anderen Medien aussehen.
Schlechte Konditionen für Fotografen: «Ringier hätte für das Fifa-Bild eine Tagespauschale bezahlt»
Pascal Mora: «Solche Buyout-Verträge kennt man sonst nur von Fotoaufträgen aus dem Werbemarkt.» (Bild: zVg.)
von Michèle Widmer

Herr Mora*, Sie arbeiten seit Jahren als freier Fotograf für den «Blick». Nun ist die Zusammenarbeit vorbei. Warum?
Weil der Vertrag, welcher mir vorgelegt wurde, in dieser Form für mich als Fotograf schlichtweg nicht akzeptabel ist. Zu diesen Konditionen kann ich ihn nicht unterschreiben.

Was stört Sie genau?
Die Entlöhnung ist zu tief mit Blick darauf, was Ringier fordert. Im neuen Vertrag ist ein Stundenansatz von 75 Franken festgelegt. Und gleichzeitig sollen die Fotografen nun neben ihrem Aufwand auch noch die Rechte an ihren Bildern abtreten. Das ist nicht akzeptabel.

Ringier bezeichnet den Vertrag als fair, der Lohn liege über dem Branchenschnitt (persoenlich.com berichtete).
Das ist alles andere als fair. Der Vertrag ist bei diesen Konditionen meiner Meinung nach Enteignung. Solche Buyout-Verträge kennt man sonst nur von Fotoaufträgen aus dem Werbemarkt. Hier verdienen Fotografen allerdings das Mehrfache. Wenn mir Ringier für Pressefotografie eine Tagespauschale von 1500 Franken bezahlen würde, kann man darüber wieder sprechen.

Ringier betreibt ja eine eigene Content-Marketing-Abteilung. Hätte das «Brand Studio» Ihre Bilder auch für Werbezwecke verwenden können?
Nein, die Bilder werden ausdrücklich nur für redaktionelle Beiträge verwendet.

Sie haben den Vertrag nicht unterschreiben. Wie wehren Sie sich gegen die neuen Konditionen?
Wir haben uns mit den Berufsverbänden Vereinigung fotografischer Gestalterinnen und Gestalter, Verband der Schweizer Berufsfotografen und Fotodesigner (SBF) sowie Impressum zusammengesetzt. Zudem bin ich Mitglied der Gewerkschaft Syndicom. Gemeinsam haben wir uns mit Michael Ludewig, Managing Editor beim «Blick» und verantwortlich für den Entscheid, getroffen.  

Wie ist das Gespräch verlaufen?
Nicht so, wie wir es uns erhofft haben. Wir haben gefordert, dass der Vertrag zusammen mit Verbänden und Gewerkschaften neu ausgehandelt wird. Wir haben keinen Konsens gefunden, wie man so schön sagt. Ringier wird den Vertrag nicht ändern.

In welcher Form hätten Sie den Vertrag denn unterzeichnet?
Alle Verlage sind unter Spardruck, auch Ringier. Ich wäre bereit, die Zweitverwertungsrechte innerhalb der Blick-Gruppe abzutreten. Das würde heissen, Ringier zahlt mir ein einmaliges Honorar und kann meine Bilder danach für weitere Publikationen innerhalb der Blick-Gruppe in Print oder Online gratis verwenden. Wenn Ringier meine Bilder allerdings weiterverkauft und damit Geld macht, dann möchte ich auch etwas davon haben. Bei anderen Verlagen werde ich in diesen Fällen zu 50 Prozent beteiligt, das ist vertraglich festgelegt. Und ich möchte die Nutzungsrechte meiner Fotografien behalten. Auch das handhaben andere Medienhäuser so.

Laut Ringier haben 40 von 50 Fotografen beim «Blick» unterschrieben. Sie sind mit Ihrer Meinung in der Minderheit.
Die Frage ist, wer den Vertrag unterschrieben hat. Wenn Fotografen nur für Ringier arbeiten und dann mit zwei oder drei Wochen Vorlauf einen neuen Vertrag erhalten, haben viele aus finanzieller Sicht keine Wahl. Diesen Druck hat Ringier für sich genutzt.

Wenn lediglich zehn Fotografen den Vertrag boykottieren, verschlechtert dies Ihre Verhandlungsbasis massiv.
Das stimmt, und das ist das Schlimme daran. Ich mache hier keinem einen Vorwurf. Allerdings haben die vielen Unterschriften das Tor geöffnet für schlechtere Konditionen bei anderen Verlagen.

Was bedeutet es für Fotografen finanziell, wenn sie diesen Full-Buyout-Vertrag unterschreiben?
Das ist sehr individuell. Klar ist aber, wenn ein Fotograf die Rechte an seinen Bildern abtritt, kann das finanzielle Einbussen zur Folge haben. Nehmen wir das Beispiel der prestigeträchtigen Fotoagentur Magnum Photos. Sie wurde von vier Fotografen auch darum gegründet, um sich die Rechte über die eigenen Bilder gegenüber den grossen Magazinen und Zeitungen besser sichern zu können. Sie konnten sich durch die Einnahmen aus dem Archiv ein gutes Leben ermöglichen. Der bekannte Fotograf Robert Capa sagte einmal: Ein Fotograf ist nichts, wenn er nicht die Rechte an seinen Negativen besitzt. Doch das Geld ist nur das eine. Fast noch wichtiger für mich ist: Es geht um die Fotografie an sich. Auf Englisch gibt es eine schönen Bezeichnung dafür. It’s about photography as an art. Diese zu schwächen, kann doch nicht im Interesse von Michael Ringier sein.

Wie meinen Sie das?
Michael Ringier ist ein grosser Kunstliebhaber und hängt etliche Werke in verschiedenen Ringier-Gebäuden auf, um die Kreativität seiner Mitarbeiter zu fördern, wie er sagt. Das Boulevardblatt «Blick» ist dank guter Fotografie bedeutend geworden, übrigens genauso wie die hochwertigen Magazine von Ringier Axel Springer Schweiz. Es ist doch paradox, dass Ringier nun mit den Kreativen – also uns Fotografen – umspringt als wären wir Akkordarbeiter.

Auch Ringier Axel Springer Schweiz könnte seinen Fotografen bald einen Full-Buyout-Vertrag vorlegen. Wie sind die Reaktionen in der Fotografenszene darauf?
Das Vorhaben von Ringier Axel Springer Schweiz hat sehr schnell die Runde gemacht. Allerdings sind hier ganz andere Fotografen, mit anderen Agenturen im Hintergrund, betroffen. Ich kann mir gut vorstellen, dass diese einen solchen Vertrag aus Prinzip nicht unterschreiben.

Sie arbeiten auch für andere Medien in der Schweiz und im Ausland. Wie sehen die Verträge dort aus?
Ich habe bisher für alle vier grossen Schweizer Verlagshäuser gearbeitet. Einen solchen Vertrag habe ich bisher nie gesehen. Auch mein Vertrag bei der «New York Times» ist äusserst fair.

Welche Konditionen bietet die «New York Times»?
Fotografen haben eine Sperrfrist von zehn Tagen für publizierte Bilder, danach gehen die Nutzungsrechte zurück an den Urheber. Verkauft die Zeitung ein Bild, wird der Fotograf zu 50 Prozent am Erlös beteiligt, Joint-Copyright nennt sich das.

Sie haben für die «New York Times» das berühmte Fifa-Bild gemacht und wurden dafür mit dem Swiss Press Photo Award ausgezeichnet. Wie viel haben Sie damit verdient?
Meine Einnahmen daraus waren im tiefen fünfstelligen Bereich. Ich verdiene auch heute noch daran. Aber so ein Bild gelingt einem nicht jeden Tag. Es wurde mehrfach publiziert und auch von Agenturen verbreitet. Aber so gut damit verdient habe ich nur, weil die NYT mir 50 Prozent der Verkaufserlöse abgibt. Es ist sozusagen eine Winwin-Situation für mich als Fotograf und das Medienhaus.

Wie viel hätten Sie verdient, wenn Sie dieses Bild im Rahmen des neuen Vertrags für Ringier gemacht hätten?
Ringier hätte mir dafür eine Tagespauschale bezahlt. Den restlichen Erlös hätte das Unternehmen eingesteckt.

Mit dem Blick aufs Ganze: Welche Auswirkungen haben diese Entwicklungen für die Schweizer Pressefotografie?
Schwierig zu sagen, ich weiss es nicht. Die Entwicklungen, so wie sie jetzt sind, bedeuten aber sich nichts Gutes.



* Pascal Mora, 1983, ist freischaffender Fotograf mit Schwerpunkten in der Reportage- und Portraitfotografie und lebt in Zürich.  Er ist «Fotograf des Jahres 2015» und gewann 2016 «Swiss Press Photo Award» in der Kategorie News.


Seine Bilder erscheinen in nationalen und internationalen Zeitungen und Zeitschriften. Seit 2011 dokumentiert er die Folgen des sogenannten «Arabischen Frühlings», bereiste dazu Länder wie Libyen, Syrien, Libanon, Irak oder Jordanien und lebte über längere Zeit in Kairo, Ägypten.



Newsletter wird abonniert...

Newsletter abonnieren

Wollen Sie Artikel wie diesen in Ihrer Mailbox? Erhalten Sie frühmorgens die relevantesten Branchennews in kompakter Form.

Kommentar wird gesendet...

Kommentare

  • martina mueller, 02.11.2017 20:02 Uhr
    jeder handwerker, der in den letzten monaten bei uns war, hatte pro stunde mehr als 100 chf verlangt. exkl. anfahrtsweg & material... und ringier bezahlt seine fotografen jetzt wie jemand ohne ausbildung. nachdem nun schon der journalismus tot gespart wurde, werden jetzt auch noch die fotografen ausgepresst.
  • Ruth Brüderlin, 03.11.2017 00:34 Uhr
    Ein guter Pressefotograf zeichnet sich durch eine gewisse Unerschrockenheit aus. Es wäre unlogisch anzunehmen, dass er diese grossartige Qualität ausgerechnet dann unterdrückte, wenn es um existentielle Berufsbedingungen geht. Mora wehrt sich mit Sachlichkeit und Eloquenz. Gratuliere, schön zu sehen, dass die Jungen Biss haben – in alle Richtungen. Go for it, Mora!
  • Jean-Jacques Menzi, 03.11.2017 09:41 Uhr
    Gratulation! – Die richtige Entscheidung, mit treffenden Argumenten. Ich wünsche Pascal Mora weiterhin viel Erfolg und alles Gute!
  • Elvira Gugger, 03.11.2017 10:44 Uhr
    Herr Mora, ich finde es grossartig, dass Sie sich wehren. Ich wünsche Ihnen, dass sich noch mehr BerufskollegInnen Ihrem Protest anschliessen werden, um den Druck zu erhöhen. Was sich Verlage heute erlauben, ist eine Frechheit. Ich verstehe das Kostendruckargument nur teilweise, es gibt in den Verlagen viele, die noch immer sehr gut von diesem Geschäft leben.
  • stefan peter, 03.11.2017 14:12 Uhr
    Blick meint vermutlich, dass heute jeder ein Fotograf (und Filmer)ist, jeder hat ein handy und kann losknipsen.....nur eben, es unterscheidet sich am schluss doch, wers kann und wers nicht. @Mora, das eine Tor schliesst und 2 öffnen sich neu :-)
  • Robert Weingart, 03.11.2017 17:28 Uhr
    Mutig und gut von Herrn Mora. Das sind die Zustände, die die Branche in den Abgrund treiben. Zuweilen scheint es, als ob (gewisse?) Redaktionen nicht wissen, welchen Aufwand Freie für ihre Arbeit betreiben müssen. Oder man weiss es und will trotzdem weniger zahlen. Da darv man sich dann aber nicht wundern, wenn die Qualität abnimmt. Vielleicht wäre manchmal weniger mehr und man setzt auf Qualität statt Quantität.
  • Dominique Peter, 04.11.2017 22:21 Uhr
    BRAVO Pascal. Das hilft allen Fotografen nur schon vom Ansatz. Wir müssen uns wehren ! Es gab ja in den letzten 5 Jahren genügend Medienhäuser, die ihren Fotografenbestand ausgedünnt haben. Wenn schon, dann muss alles Richtung Joint Copyright gehen. Buyouts wie früher oder in der Werbung gibts nicht mehr. Das Qualitätsbewusstsein fehlt leider teilweise. Wir rennen nicht zum Spass mit 20kg Material durch die Gegend, wenn wirs mit dem Handy auch hinkriegen würden.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

Anzeige
Zum Seitenanfang

Die Branchennews täglich erhalten!

Jetzt Newsletter abonnieren.