23.07.2017

Klickbetrug in der Schweiz

Rufe nach mehr Transparenz

Wer sind die Betrüger? Nachdem persoenlich.com aufgedeckt hat, dass zwei Onlineportale ihre Trafficzahlen manipuliert hatten, werden Forderungen nach Nennung der Namen laut. Der Verlegerverband und die Werbeauftraggeber stärken Netmetrix allerdings den Rücken.
Klickbetrug in der Schweiz: Rufe nach mehr Transparenz
Eine wichtige Währung für die Branche: die Nutzerzahlen von Netmetrix. (Bild: persoenlich.com)

«Her mit den Namen!», schreibt der eine. «Erst betrügen, dann Belohnung durch Anonymität: Geht gar nicht!», meint ein anderer. Nur wenn die «fehlbaren Portale veröffentlicht werden müssen», könne man «denjenigen, die nicht betrügen weiterhin vertrauen», begründet jemand drittes. Für einmal sind sich die Leserinnen und Leser in der Kommentarspalte von persoenlich.com einig. Sie fordern von Netmetrix mehr Transparenz bei Manipulationsversuchen von Trafficzahlen.

Gegenüber persoenlich.com bestätigte die Branchenorganisation, die zertifizierte Nutzungs- und Nutzerzahlen von über 500 Webangeboten liefert, diese Woche zwei Fälle von Klickbetrug in den letzten zehn Jahren. Welche Portale die Trafficzahlen manipuliert haben, verrät Andreas Stopper, Head of Traffic Measurement, nicht. Nur so viel: In beiden Fällen handelt es sich um «journalistische Portale». Ein Missbrauchsversuch liegt fünf, der andere zwei Jahre zurück.

Netmetrix sieht sich nicht dafür verantwortlich, dass solche Betrugsfälle öffentlich gemacht werden. «Unsere Aufgabe liegt darin, zertifizierte Nutzungs- und Nutzerdaten zu liefern», begründet Stopper.

Werbekunden betrogen

Auch auf Twitter war wenig Verständnis für das Schweigen von Netmetrix vorhanden – unter anderem weil damit versucht worden sei, Werbekunden zu betrügen.

Trotz all den Rufen nach Transparenz aus der Branche, sehen das tangierte Organisationen anders. «Die Benennung der zwei schwarzen Schafe bringt rückblickend nicht mehr viel», sagt Roland Ehrler, Direktor des Schweizerischen Werbeauftraggeberverbands (SWA), auf Anfrage von persoenlich.com. Wichtig sei, dass Netmetrix die Unregelmässigkeiten in den Daten vor der Veröffentlichung festgestellt habe. Es sei die Aufgabe der Organisation korrekte Zahlen zu erheben und zu publizieren. Genau dies habe das Unternehmen in diesem Fall getan.

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Auch der Verband Schweizer Medien stützt Netmetrix den Rücken. «Dass die beiden Fälle vor der Publikation entdeckt wurden, weist darauf hin, dass die Kontrollmechanismen funktionieren. Da es sich offenbar um zwei Einzelfälle zu handelt, scheint auch kein direkter Schaden entstanden zu sein», lässt Othmar Fischlin, Leiter Medieninstitut im Namen des VSM ausrichten. Verlegerpräsident Pietro Supino und Direktor Andreas Häuptli sind derzeit in den Sommerferien. 

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Es sei im Interesse des Verlegerverbands, dass die Nutzerforschung von unabhängigen Gremien nach transparenten Methoden vorgenommen würde, sagt Fischlin weiter. Dies sei bei Netmetrix erfüllt. Es liege also an ihr, die Spielregeln festzulegen und allfällige Verstösse zu sanktionieren. Dazu gehöre auch, ob Namen von Sites, die gegen die Richtlinien verstossen und versuchen, Daten zu beeinflussen, publiziert werden.


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KOMMENTARE

Massimo Moretti
24.07.2017 08:31 Uhr
Ich gebe Herrn Prezzi völlig Recht. Es ist kein Kavaliersdelikt sondern Betrug am Kunden. Aber eine Manipulation der Daten aufzuspüren, ist die eine Sache. Sanktionen gegenüber den Manipulatoren auszusprechen eine ganz Andere. Wäre ein solches Verhalten in einer anderen Branche passiert, hätten sich die Medien darauf gestürzt. Der öffentliche Druck hätte dazu geführt, dass sich eine staatliche Instanz dafür interessiert. Der Ball wäre ins Rollen gekommen. So bleibt es aber eine Randnotiz in einer sommerlichen Saurengurkenzeit. Wo kein Kläger, da kein Richter.
Sandro Prezzi
21.07.2017 18:35 Uhr
Der Schaden ist entstanden, als die Plattformen Botfarmen eingesetzt haben und damit Onlinewerbung an Bots statt an Menschen ausgeliefert haben. Damit haben sie alle Werbeaufraggeber betrogen, welche zu dieser Zeit Werbung auf den Plattformen geschaltet haben. Die Haltung der Verbände diesbezüglich ist schon irritierend. Das ist kein Kavaliersdelikt. Mit der Publikation der Netmetrix Zahlen hat das nichts zu tun - DIE wurden ja korrigiert. Eine aktuelle und professionelle Ueberprüfung des Ad-Fraud in der Schweiz scheint einmal mehr als dringend - aber wohl nicht durch Netmetrix. Kunden welche hohe Summen in Onlinewerbung investieren, muss man raten eigene Online-Audits und neutrale Messung/Fraud Detection zu beauftragen. Denn nur dann werden sie zu ihrem Recht kommen. Dass Netmetrix sich nicht zuständig sieht Fehlverhalten offenzulegen, ist zur Kenntnis genommen. Ueberigens: als Verlage beim "Frisieren der Auflagezahlen" von der Wemf erwischt wurden, hat man noch Namen genannt.
Peter Zwissig
21.07.2017 15:13 Uhr
«Dass die beiden Fälle vor der Publikation entdeckt wurden, weist darauf hin, dass die Kontrollmechanismen funktionieren. «Da es sich offenbar um zwei Einzelfälle zu handelt, scheint auch kein direkter Schaden entstanden zu sein», lässt Othmar Fischlin, Leiter Medieninstitut im Namen des VSM ausrichten.» Faszinierende Logik.
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