08.10.2009

Schweiz ist TV-Import-Weltmeister

Helvetische TV Konzepte und Produktionen sind international bedeutungslos. Das zeigte in dieser Woche die MIP in Cannes, die weltgrösste Fernsehmesse. "Es fehlen die innovativen Programme für den globalen Fernsehmarkt", findet Klaus Vieli, der den Branchenanlass als Journalist und Fernsehproduzent seit Jahren besucht. Für "persoenlich.com" ging Vieli auf Ursachenforschung. Sein exklusiver Bericht:
Schweiz ist TV-Import-Weltmeister

Die Schweiz spielt an der weltgrössten Fernsehmesse MIP in Cannes traditionell keine Rolle. Versteckt im Sous Sol ist der kleine, gut gemachte Stand der SRG in einer der dunkelsten Ecken platziert, gleich neben dem Stand des kroatischen Fernsehens. Für die Käufer von Programmen und Formaten ist es trotz ansprechendem Ladendesign kein Muss, hier vorbeizuschauen. Es fehlen die innovativen Programme für den globalen Fernsehmarkt.

SF hat es für die MIP vorgezogen, das gemeinsame SRG Dach zu verlassen und an besserer Lage bei Telepool (der gemeinsame Vertriebsfirma der drei ARD-Anstalten SWR, MDR und BR mit der SRG) unterzukommen. Aber in dieser gut frequentierten Verkaufskoje steckt nicht viel SF drin. Böse Machenschaften der Deutschen gegen die Schweizer? Nein, in der Einschätzung von Telepool hat es bei SF einfach zuwenig Ideen und Produkte, die für den stark wachsenden internationalen Markt taugen.

Jetzt ist an der MIP eine neue Studie, "Frapa Report 2009 – TV Formats to the World" vorgestellt worden. Er gibt interessante Einblicke in den enorm gewachsenen Markt mit Fernsehproduktionen. Auf rund 3.4 Milliarden Franken summieren sich unterdessen pro Jahr die Produktionskosten die mit exportierten Fernsehformaten ausgegeben werden. Seit 2004 ist das Volumen um 45 Prozent gewachsen. Alle Genres von Gameshows über Quizz, Comedy, Casting, Talk, bis zu Telenovelas, Dramas und Soaps passieren weltweit alle Landesgrenzen. Und in den erfolgreichen Fernsehexportländern sind viele attraktive Jobs geschaffen worden.

Die Schweiz kommt in der Dokumentation, die sich auf die wichtigen Exportländer konzentriert, gar nicht vor. Unser Beitrag an den Export von Fernsehprogrammen ist so klein, dass er statistisch vernachlässigt werden kann. Die Studie ist für die Schweiz trotzdem interessant. Denn die Liste der Länder, die erfolgreiche Fernsehideen kreieren und umsetzen zeigt, dass die üblichen Erklärungen nicht zutreffen, wieso die Schweiz mit ihrem Medienschaffen keine Menschen in anderen Ländern begeistern kann.

Oft wird argumentiert, die Schweiz sei halt ein kleines Land mit einer schwierigen Sprache, und darum würden unsere Konzepte international nicht wahrgenommen, weder bei den vielen öffentlich-rechtlichen Sendern noch bei den Privaten. Und letztere hätten sowieso ein bedenkliches Niveau, an das man sich bei den Eigenproduktionen nicht anpassen wolle.

Die Studie der Frapa, der "Format Recognition and Protection Association" zeigt aber deutlich, dass andere Länder mit ähnlichen Nachteilen trotzdem eine bedeutende Rolle als Exporteure von Fernsehformaten spielen. Denn nach dem beiden Schwergewichtigen England (1.1 Mrd Franken Umsatz generiert durch Export von Fernsehformaten) und den USA (604 Mio Franken) kommt im Jahre 2008 gleich das kleine Holland mit 553 Millionen Franken. Holland, dass in den Jahren 2006 und 2007 sogar vor den USA rangierte, ist ein kleines Land mit 16.5 Mio Einwohnern und einer Sprache, die international noch schwieriger ist als unsere drei Landessprachen. Auf der Liste der wichtigen Fernsehexporteure ist auch Schweden (181 Mio Franken), ein Land mit rund 9 Millionen Einwohnern und einer "schwierigen" Sprache für den Fernsehexport.

Konkurrenz als Innovationstreiber

Holland ist ein sehr interessantes Beispiel um zu sehen, wieso die Schweiz im wichtigen Zukunftsmarkt der Medienproduktion abgehängt wurde. Einzigartig ist hier die Organisation des öffentlich-rechtlichen Fernsehsystems mit den drei Kanälen Ned1, Ned2 und Ned3. Auf ihnen wird die Sendezeit auf rund 20 gesellschaftliche Gruppen aufgeteilt, die Teile der holländischen Bevölkerung repräsentieren (z.B. Kirchengruppen, NGO’s etc. Nur der Sport und die News werden von der öffentlich-rechtlichen Fernsehholding NOS für alle drei Kanäle gemeinsam hergestellt. So entstanden viele Plattformen um neue Ideen auszuprobieren. Darum herum entwickelte sich eine dynamische Produzentenlandschaft. John de Mol und Joop van den Ende, die Gründer von Endemol und viele andere Fernsehmacher fanden immer einen Sendeplatz – auch für die anscheinend abstrusesten Ideen. Daraus entstanden dann Welthits wie Deal or no Deal, Test the Nation, The Singing Office, Battle of the Choirs, I Love my Country und das berüchtigte Big Brother.

Neben den drei fragmentierten öffentlich-rechtlichen Kanälen hat die liberale Medienpolitik des Landes noch 8 weitere, private Kanäle ermöglicht, auf denen auch immer wieder ausprobiert werden kann. Aber die FRAPA Studie zeigt, dass mehr als die Hälfte der aus Holland stammenden internationalen Fernsehformate von den öffentlich-rechtlichen Sendern stammen. In mehr als 80 Ländern laufen holländische Formate

Nur ein kurzer Schweizer Fernsehfrühling

Als die Holländer, die Skandinavier und die Engländer sich in einem liberalisierten Umfeld aufmachten, die internationale Fernsehwelt zu erobern, gab es auch in der Schweiz einen kurzen Fernsehfrühling. 1988 begann in Schlieren der European Business Channel ein europaweites Wirtschaftsprogramm auszustrahlen. Doch das Pionierprojekt machte 1997 Konkurs, als der damalige Medienminister Ogi nicht dazu Hand bot, dass auch ein Sender mit ausländischer Kapitalmehrheit aus der Schweiz ein Programm ausstrahlen durfte.

1993 gab es nochmals so was wie Aufbruchstimmung, als mit S plus (später Schweiz 4) unter dem Dach der SRG ein Alternativsender gestartet wurde. Doch was in Holland zu einem kreativen Treibhaus wuchs, war in der Schweiz von Anfang an nur ein politischer Schachzug, um der der ‚linken’ SRG das Wasser abzugraben. Ein lächerliches Unterfangen, denn die Zuschauer wollen gut unterhalten und informiert werden; sie wollen am Fernsehen nicht mit Parteiengezänk gelangweilt werden. Und so wurde nach vier Jahren, schlechten Zuschauerzahlen und vielen verbrannten Millionen bereits wieder der Stecker raus gezogen, den Bundesrat Ogi zum Start mit viel Getöse angeschlossen hatte.

Ideenpioniere aber nicht Trendsetter

Gute Fernsehideen wurden in der Schweiz immer wieder kreiert, nie wurden sie konsequent so entwickelt, dass daraus internationale Hits entstanden wären. Die drei Männer und die drei Frauen, die 1989 zwei Wochen lang ohne Werkzeug und ohne Essen in einem Waldstück ausgesetzt und täglich mit der Kamera beobachtet wurden, waren ein grosser Erfolg und hatten alle Ingredienzen, die später Abenteuersendungen wie Expedition Robinson oder soziale Experimente wie Big Brother zu Welthits machten. Die ganze Schweiz sprach davon. Doch die Fernsehstrukturen zwangen nicht zur Eroberung des internationalen Marktes. Die Serie über Bauern die Frauen suchen oder Eigernordwand direkt blieben ebenfalls Einzelereignisse. Die grossen, international erfolgreichen Produktionen über das Bergsteigen kamen in den letzten Jahren aus anderen Ländern.

An der MIPCOM in Cannes hat Tony Cohen, der CEO von Fremantle Media die Gründe aufgezählt, wieso England zum dynamischsten Fernsehland wurde. Neben der Konkurrenz unter den Fernsehkanälen wurden in Grossbritannien die Gesetze so geändert, dass selbständige Produzenten die Rechte an den Produktionen behielten. Und die BBC hat ein Pitching System eingeführt, dass die internen Redaktionen in einen echten Konkurrenzkampf mit externen Produzenten zwingt. So überleben die besten Ideen. Und die Produzenten, die sich nie auf einem sicheren Strom von Konzessionsgeldern ausruhen können, sind viel stärker darauf konzentriert, aus ihren Ideen, die sie in einem Land erfolgreich produzierten, internationale Formate zu machen.

Cannes ist eine Verkaufsmesse. Und so sind Schweizer als Käufer hochwillkommen. Und es ist auch nichts daran auszusetzen, dass Schweizer Fernsehleute die besten internationalen Formate und Programme kaufen. Auch fremde Ideen können beflügeln. Doch: Für ein kleines Binnenland, das sich in der Welt nur mit Ideen behaupten kann, reicht das nicht. Spielregeln können aber neu definiert werden. Dann hätte auch die Schweiz im Fernsehgeschäft sofort eine Chance. Gerade jetzt zeigt das "SF bi de Lüt" Programm Landfrauenküche auf, das der Ideenfluss rasch auch kehren kann. Denn deutsche Versionen dieses Formates aus der SF Unterhaltung werden in den ARD Länderanstalten mit Erfolg produziert.

--> Zum Autor: Klaus Vieli ist Journalist und Fernsehschaffender. Von seinem Konzept "Village on a Diet" wurden 2008 in Cannes neun Optionen und Lizenzen weltweit verkauft.

Foto: Michael Suter


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