19.05.2010

"Seit 2002 hat die NZZ am Sonntag jedes Budget eingehalten – und das handhabe ich auch künftig so"

Felix E. Müller leitet seit acht Jahren als Chefredaktor die "NZZ am Sonntag". Mit Erfolg, was die jüngsten Leserzahlen der Wemf bestätigen. Während die Zürcher Konkurrenz die Gunst der Leser verliert, steht sein Blatt bei den Konsumenten hoch im Kurs. Wie das? Im Gespräch mit "persoenlich.com" erklärt Müller sein Erfolgsrezept. Zudem spricht Müller auch kritisch über die Jagd nach Primeurs und die journalistische Qualität, die deswegen vor allem bei den Online-Portalen leidet. Das Interview:
"Seit 2002 hat die NZZ am Sonntag jedes Budget eingehalten – und das handhabe ich auch künftig so"

Herr Müller, aus Aktualitätsgründen beginnen wir mit Roger de Weck. Was halten Sie von seiner Wahl zum neuen Generaldirektor der SRG?

Mit Roger de Weck verbinden mich Erinnerungen an unsere journalistischen Anfänge, als wir in benachbarten Büros auf der "Weltwoche" unsere journalistischen Sporen abverdienten. Es ist eine unübliche Wahl, weil de Weck als pointierter Meinungsmacher auch Widerstände weckt. Das versucht man in der helvetischen Konsenspolitik eher zu vermeiden. Die SVP vor allem wird sich düpiert fühlen, hat man sie doch mit der Scheinkandidatur Leutenegger während des ganzen Wahlverfahrens weitgehend ruhig gestellt. De Wecks Wahl dürfte der SRG vor allem neue journalistische Perspektiven eröffnen.

Perspektive als Stichwort. Kürzlich musste die NZZ-Gruppe einen Umsatzrückgang von 35,1 Millionen Franken kommunizieren. Wie schwer traf die Medienkrise eigentlich den Titel "NZZaS"?

Der Inseraterückgang lag bei der NZZaS im Durchschnitt der andern grossen Sonntagstitel – bei knapp 30 Prozent. Interessant an dieser Zahl ist, dass der Rückgang bei den Sonntagstiteln stärker ausfiel als bei den Tageszeitungen mit einem Minus von etwa 20 Prozent, obwohl man ursprünglich vom Gegenteil ausging.

Schreibt denn die NZZaS noch schwarze Zahlen?

Ja, seit 2006 durchgehend.

Können Sie das erklären? Ein Verlust von 30 Prozent ist viel.

Zum einen hatten wir 2008 gute Zahlen, andrerseits standen wir früh auf die Bremse, senkten die Kosten systematisch, überprüften auch die Tarife der externen Anbieter und reduzierten die Stellen. Das breite Sparprogramm bewirkte einen ordentlichen Spareffekt, so dass wir doch klar in den schwarzen Zahlen blieben.

Wie beurteilen Sie die Situation im Sonntagsmarkt?

Das, was sich jetzt abspielt, nenne ich "Schweinezyklus": Irgendwann wird es am Sonntag wohl zu viele Anbieter haben und man beginnt, sich den Markt kaputt zu machen. Im 2009 war dies bereits spürbar: Einige Titel versuchten mit sehr starken Rabatten, wenigstens noch ihr Anzeigenvolumen zu halten. Doch wenn man beginnt, das Preisniveau zu zerstören, dann werden sich die Kunden an diese Tarife gewöhnen. Man sägt auf dem Ast, auf dem man sitzt.

Und publizistisch: Spüren Sie die Konkurrenz durch den "Sonntag"?

Der "Sonntag" ist sicher ein Titel, den man anschauen und beachten muss. Interessant ist, dass er von seinem Anspruch her ein nationaler Titel ist, aber dennoch nur regional verteilt wird: Von seiner verkauften Auflage setzt er über 90 Prozent im Gebiet der MittellandZeitung und zugewandte Orte ab. Seine Kioskauflage ist bescheiden. Insofern bereitet er uns keine Sorgen.

Gemäss Mach Basic 2010-1 legte die NZZaS innert eines Jahres um 41 000 Leser zu, bei der "SonntagsZeitung" (SoZ) hingegen ist die Situation wegen der geänderten Befragung unklar. Wie wahrscheinlich ist es, dass SoZ-Leser zur NZZaS abwandern?

Ich denke eher, dass die NZZaS ganz neue Leser gewinnt, und dass das Minus bei der SoZ primär auf die Befragungsmethode zurück zu führen ist.

Was meinen Sie mit "neue Leser" bei der NZZaS?

Damit meine ich Personen, die bisher am Sonntag gar keine Zeitung gelesen haben. Es ist ja nach wie vor so, dass die Tageszeitungen Leser verlieren. Ich vermute nun, dass viele von ihnen zu den Wochentiteln wechseln. Ihnen genügt es, einmal wöchentlich eine abonnierte Zeitung zu lesen. Dafür ist der Sonntag ein idealer Tag. Und weil unser Produkt offensichtlich die Leserschaft anspricht, profitieren wir von dieser Situation derzeit am stärksten.

Aber warum gerade ein solcher Sprung vorwärts? Die NZZaS jagt ja kaum nach Primeurs. Sie ist eher solid und hintergründig.

Offenbar ist es das, was bei den Lesern ankommt. Sicher wollen sie Neues aus einem Sonntagsblatt erfahren, aber sie lesen es auch, um fundierte Zusammenfassungen von wichtigen Wochenereignissen zu erhalten. Sie sagen sich wohl, dass sie wenigstens einmal pro Woche über aktuelle Themen gut informiert sein wollen. Kurz: Der Primeur ist sicher ein sehr wichtiger Aspekt des Sonntagsmarktes, aber nicht der Einzige.

Welche Bilanz ziehen Sie nach den ersten acht Jahren NZZaS?

Eine positive Bilanz. Es war richtig, dieses Projekt zu lancieren, und es wurden wichtigen Weichen gestellt. Man stand ja vor der Frage, ob man eine siebte NZZ-Ausgabe macht oder ein Blatt mit eigenem Auftritt und eigener Redaktion. Man entschied sich richtigerweise für Letzteres, ebenfalls, dass man das Premiumsegment bei den Lesern ansprechen will. Auch dies ist uns gelungen. Ferner ist auch das ökonomische Konzept gelungen. Kurz: Eine Zeitung mit diesen Leserzahlen und dieser Positionierung ist offenbar lebensfähig. Deshalb bin ich im allgemeinen zufrieden. Und ich bin stolz auf diese Redaktion, die in den letzten acht Jahren eine grosse Leistung erbracht hat.

Anfangs stiess die NZZaS intern auf Skepsis. Ist das noch heute so?

Das hat sich entspannt. Anfangs befürchtete man, dass die NZZaS Verlust einfahren und dem ganzen Haus schaden könnte. Das Gegenteil ist eingetreten: Unterdessen liefert die NZZaS substanzielle Beiträge in die gemeinsame Kasse ab.

Die NZZ-Gruppe ist eine grosse Baustelle. Stehen sie budgetmässig stark unter Druck?

Ich habe publizistische Freiheiten, nicht jedoch ökonomische, da gibt es klare Vorgaben. Seit 2002 hat die NZZaS aber noch jedes Budget eingehalten – und das handhabe ich auch künftig so.

In der "Zeit" war kürzlich ein langer und kritischer Artikel über die NZZ erschienen. Geschrieben von einer langjährigen Redaktorin. Die NZZaS wurde kaum thematisiert. Als Leser hatte man den Eindruck, dass die NZZaS in der Gruppe eine unbedeutende Rolle spielt. Wie interpretieren Sie das?

Ich messe die Bedeutung der "NZZ am Sonntag" nicht daran, ob sie in einem Beitrag in der "Zeit" vorkommt.

Hat die NZZaS auch eine Onlinestrategie oder bleibt sie ein solides Printprodukt?

Auf Gruppenebene gibt es ja das Projekt NZZ-Netz, bei dem ich nicht involviert bin. In wiefern dies am Ende auch die NZZaS betrifft, kann ich deshalb im Moment nicht sagen. Derzeit wird ein Gesamtleiter Online für die NZZ-Gruppe gesucht. Danach wird man weiter sehen.

Gemäss Mach Basic 2010-1 hat die NZZaS punkto Reichweite die 500 000er-Grenze geknackt. Welches Ziel stecken Sie sich auf das zehnjährige Jubiläum hin?

Eine Auflage von über 130 000 Exemplaren. Schaffen wir das, dürften es wohl auch um die 550 000 Leser werden. Das ist die nächste Etappe.

Glauben Sie wirklich, dass dies Potenzial besteht?

Ich denke schon. Zum einen müssen wir die Zeitung noch mehr bei den jungen Leuten bekannt machen. Zudem ist das Label NZZ in ländlichen Gebieten eine Hürde. Dort müssen wir mit dem konkreten Produkt und seiner breiten Themenpalette überzeugen. Das sind die Herausforderungen der nächsten Zeit. Packen wir sie, dann kann diese Zeitung weiter wachsen, nicht dramatisch aber stetig.

Ist eigentlich Ihre frühere Regionalstrategie definitiv beerdigt?

Ja, sie hat sich erledigt. Ich hatte die Idee vor etwa fünf Jahren, als die Regionalzeitungshäuser in den Sonntagsmarkt einsteigen wollten. Die Umsetzung stellte sich aber als schwierig heraus – aus druck- und vertriebstechnischen Gründen sowie wegen Fragen der Gruppenstrategie. Mittlerweile sind ja drei sonntägliche Titel im Aargau, Luzern und im Bündnerland entstanden.

Kommen noch weitere?

Ich denke eher nicht. Denn bei nüchterner Betrachtung waren die neuen Regionalen kein kommerzieller Erfolg. Sie tragen sich primär, weil Ressourcen aus der Woche in die Sonntagsausgaben verschoben wurden – Personal und auch Inhalte. Zweifellos kam es auch zu Inserateverschiebungen, denn es ist eine Tatsache, dass die Sonntagstarife günstiger sind als jene unter der Woche. Aus all diesen Gründen sind die regionalen Sonntagsausgaben kommerziell wohl keine Goldgrube. Entsprechend ist auch die Versuchung kleiner geworden, neu in den Sonntag rein zu gehen.

Wird es zu Kooperationen unter den Regionalen kommen?

Es wäre logisch und es gab auch schon schwache Ansätze zwischen Aargau und Luzern. Doch hier spielt eben die verlagspolitische Grosswetterlage rein. Im Moment glaube ich deshalb nicht, dass es in diese Richtung gehen könnte.

Die publizistische Konkurrenz am Sonntag ist enorm. Sie sagten einmal, es sei unglaublich, wie oft heute Bundesräte interviewt werden.

Je mehr Titel es hat, desto weniger Exklusivitätscharakter ist möglich. Gewisse Dinge werden inflationär, zum Beispiel Interviews mit Bundesräten. Aber weil die Agenturen praktisch jedes Bundesratsinterview aufgreifen, gibt es damit einen Punkt in der sogenannten Primeur-Statistik. Deshalb sind diese Interviews nach wie vor so beliebt.

Was ist Ihre Strategie?

Wir legen den Akzent nicht auf derartige Interviews, auch wenn wir damit in den Primeur-Rankings Boden verlieren. Wir versuchen, hintergründiger zu sein.

Das ist bei Ihrer Konkurrenz nicht immer der Fall.

Ja, es gibt tatsächlich zu viele sogenannte Primeurs, die sich später in Luft auflösen. So stellte sich beispielsweise vieles, das über die UBS berichtet wurde, nachher erwiesenermassen als falsch heraus. Dennoch pflegen manche Online-Portale solche Berichte ungeprüft zu übernehmen und als Tatsachen hinzustellen. Da haben die journalistischen Standards gelitten.

Sie sind nun seit acht Jahren Chefredaktor und somit der Dienstälteste - neben SoZ-Chefredaktor Andreas Durisch, der nun aber in die PR wechselt. Wieviel Zeit geben Sie sich noch?

(lacht) Keine Ahnung, nicht ewig. Aber ich habe keinen Masterplan. Ich nahm die Dinge immer wie sie kamen. Grundsätzlich ist es gut, wenn immer wieder neue Leute mit neuen Ideen kommen. Darüber denke ich nach. Aber der Ausstieg aus dem Chefredaktoren-Beruf ist in der Schweiz ungeregelt, im Gegensatz etwa zu den USA. Darum gehen dann viele in einen Beraterjob. Mich zieht es aber nicht wirklich dorthin, auch wenn ich es nicht ausschliessen will.

Sähen Sie sich als Chefredaktor einer Tageszeitung?

Nein. Diese Aufgabe ist zwar eine intellektuelle Herausforderung, aber am Ende nur eine Defensivübung: Letztlich geht es bloss darum zu verhindern, dass die Leserzahlen sinken. Oder man muss kooperieren und fusionieren.

Würden Sie heute wieder Journalist werden?

Ja, ich finde nach wie vor, dass es ein toller Beruf ist – wegen der Breite der Themen und der Möglichkeit, sich in aktuelle Debatten einzuschalten. Aber der Beruf ist schwieriger geworden, die Löhne stagnieren seit längerem, die Honorare und insbesondere die Einstiegslöhne sinken. Deshalb steht er unter einem grossen Druck. Es besteht auch die Gefahr, dass man die wirklich guten Leute nicht mehr halten kann. Das wird sicher längerfristig ein Problem. Dessen müssen sich die Verleger bewusst sein. Denn man kann nicht gleiche Qualität erwarten und trotzdem immer weniger dafür bezahlen wollen. Wir bezahlen heute bei der NZZaS im Honorarbereich etwa so viel wie bei der Weltwoche in den 80er Jahren. Das heisst, dass es in den letzten 25 Jahren in diesem Bereich keinen Fortschritt gegeben hat.

Was wünschen Sie der NZZaS für die Zukunft?

Dass sich die Konjunktur verbessert. Die NZZaS startete 2002, nach dem Platzen der Internetblase. Im Prinzip haben wir vom ersten Tag an gespart: Von 2002 bis 2004 habe ich ganze drei Sparprogramme abgewickelt, erst 2005 wurde es etwas lockerer. Jetzt sind wir wieder voll im Sparmodus. Deshalb wäre es schon schön, wenn es wieder anziehen würde. Zudem hoffe ich, dass wir noch etwas mehr Leser gewinnen können.

Martin Spieler wird demnächst SoZ-Chefredaktor – was geben Sie ihm mit auf den Weg?

Ich wünsche ihm viel Glück. Und hoffe, dass er die langen Samstage gut übersteht und den Wechsel von der weitgehend primeurfreien Handelszeitung zum sonntäglichen Newsgeschäft gut übersteht. Sicher werden ihm seine vielfältigen elektronischen Auftritte dabei helfen. Leicht wird die Aufgabe für ihn nicht. Die SoZ hat in letzter Zeit im Anzeigenmarkt Einbussen erlitten. Ich vermute deshalb, dass Martin Spieler künftig das Gewicht vermehrt auf die Wirtschaftsthematik verlegen wird – Knowhow und Erfahrung bringt er dafür ja mit.

Interview: Christian Lüscher. Mitarbeit: Markus Knöpfli


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