01.04.2017

Zeitversetztes Fernsehen

Sender wollen Spulverbot für Werbung

Der Streit spitzt sich zu. Fernsehstationen in der Schweiz leiden unter dem sogenannten Catch-up-TV und müssen Werbeeinbussen in Millionenhöhe hinnehmen. Nun droht ein Gang ans Bundesverwaltungsgericht – und damit ein langwieriger Rechtsstreit.
Zeitversetztes Fernsehen: Sender wollen Spulverbot für Werbung
Weil Werbung überspult werden kann, erleiden die TV-Sender Werbeeinbussen. Nun droht der Gang ans Bundesverwaltungsgericht. (Bild: Keystone)

Seit vor sechs Jahren die ersten TV-Anbieter in der Schweiz das sogenannte Catch-up-TV einführten, steht vielen Kunden das gesamte Fernsehprogramm der letzten sieben Tage zur Verfügung, ohne dass sie Aufnahmen programmieren müssen. Auch bereits laufende Sendungen können per Knopfdruck von Anfang an geschaut und Werbeblöcke überspult werden. Doch diese beiden Funktionen sind wegen eines Rechtsstreits in Gefahr, schreibt die «Schweiz am Wochenende».

Den TV-Sendern bereitet das Catch-up-TV Bauchschmerzen. Denn bereits über 15 Prozent der Fernsehnutzung findet zeitversetzt statt. Dabei wird jeder zweite Werbeblock überspult. Schon 2015 entsprach die ignorierte Werbung einem Wert von 67 Millionen Franken (persoenlich.com berichtete). Zwar bezahlen Swisscom, UPC und Co. den Fernsehsendern eine Gebühr für die Catch-up-Funktion. Diese sei aber zu tief, finden die Sender.

Die Regeln für Catch-up-TV werden zwischen Nutzerverbänden und den Verwertungsgesellschaften ausgehandelt. Als sich die Parteien Ende 2016 auf eine neue Ausgestaltung verständigten, waren die Fernsehsender aber alles andere als zufrieden. Deshalb verlangten sie, im Verfahren mitreden zu können. Die Forderung der Sender: Werbung solle im Catch-up-TV nicht überspult werden können. Catch-up-TV solle maximal zwei Tage zurück reichen, und mindestens jeden Monat soll ein Nutzer für jeden Fernsehsender, bei dem er die Funktion nutzen möchte, einen Aufnahmebefehl starten müssen. Zudem sollen Such- und Filterfunktionen innerhalb des Archivs verboten werden, wie die «Schweiz am Wochenende» weiter berichtet.

Parteienstellung abgelehnt

Nun droht ein langwieriger Rechtsstreit. Denn vor einer Woche entschied die Eidgenössische Schiedskommission, dass die Sender keine Parteienstellung erhalten, wie die Zeitung berichtet. «Wir sind enttäuscht über diesen Entscheid», sagt Andrea Werder, Geschäftsführerin der IG Radio und Fernsehen, dem Blatt. Es sei weltweit einzigartig, dass die TV-Sender in der Schweiz ihre Rechte am Catch-up-TV nicht direkt geltend machen und die Bedingungen, wie ihre Sendungen im zeitversetzten Fernsehen angeboten werden, mitgestalten könnten. Die Einigung, welche die Nutzerverbände und die Verwertungsgesellschaften getroffen hätten, berücksichtige die Interessen der Sender in keiner Weise.

Nun werde das weitere Vorgehen besprochen. Wahrscheinlich ist, dass die Sender den Entscheid ans Bundesverwaltungsgericht weiterziehen. «Aus der bisherigen Regelung erleiden die TV-Sender enorme Werbeeinbussen, die langfristig ihre Existenz gefährden», warnt Werder. (SaW/cbe)


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KOMMENTARE

Luciano Gloor
04.04.2017 04:00 Uhr
Gibt es denn Daten darüber, wieviele der Werbeschaltungen von analogen Zuschauern genutzt werden, um ein frisches Bier zu holen, einen Anruf zu tätigen, sich über die neusten Nachrichten zu informieren, sich vom konsumierten Bier zu befreien? Meines Wissens schnellt der Wasserverbrauch jeweils exakt zu den Werbe"pausen" hoch, nicht umsonst werden sie von Vielen "Pause" genannt. Also, wenn den zeitversetzt Zuschauenden die Werbung zu überspringen unterbunden werden soll, dann sollen die Sender gefälligst in jeder Familie einen Werbebeauftragten benennen, der dafür sorgt, dass jedes Familienmitglied ohne Ausnahme die volle Werbeschaltung zwangskonsumiert. Ja, den Sendern gehen Werbeeinnahmen verloren. Es wäre vielleicht an der Zeit über anderes Fernsehen, andere Werbeformen und andere Fernsehfinanzierung nachzudenken. Hat der Konsument sich nicht schon längst dazu geäussert, dass diese Form von fest geschaltetem Programm und Werbung nicht mehr seinen Bedürfnissen entspricht? Und die Antwort darauf soll zwangskonsumierte Werbung sein? Erstaunlich, wie schnell sich die Prediger des Marktes vom Markt abwenden.
Kurt Gammer
03.04.2017 13:24 Uhr
Haben sich die Zuschauer schon mal überlegt wer den Inhalt bezahlt?
Markus Gabriel
03.04.2017 12:00 Uhr
Wie erfolgreich Werbung wohl sein mag, die ich eigentlich überspringen möchte, aber nicht kann? Nötigung als Erfolgsrezept: brillant. Das sollte man bei Netflix auch einführen.
Peter Eberhard
03.04.2017 09:28 Uhr
Haben sich die Sender, die Werbeauftraggeber und die Werber schon einmal überlegt, wieso Werbeblöcke übersprungen (resp. Adblocker aktiviert) werden? Könnte das ev. etwas mit der Qualität (Informations-/Unterhaltungswert) der Spots zu tun haben?
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