24.09.2018

Umzug Radiostudio Bern

«Skepsis gehört zum Journalismus und ist nie falsch»

Der Entscheid, die Info-Abteilung des Radios nach Zürich zu verlegen, hat scharfe Kritik ausgelöst. Ist die Zentralisierung eine Gefahr? Es gebe bei SRF das pedantische Bestreben, «auf keinen Fall in die Zürich-Falle zu laufen», sagt der gebürtige Berner Moderator Mario Torriani.
Umzug Radiostudio Bern: «Skepsis gehört zum Journalismus und ist nie falsch»
«Bei jedem Zürich-Thema überlegen wir uns zweimal, ob es im nationalen Programm wirklich Sendezeit verdient», sagt SRF-Moderator Mario Torriani. (Bild: SRF/Oskar Alessio)
von Christian Beck

Die SRG musste sich viel Kritik anhören für den Entscheid, in zwei Jahren einen Teil des Radiostudios von Bern nach Zürich zu verlegen. Die SRG argumentiert mit Spargründen, aber auch mit der publizistischen Perspektive, um so den Audio-Bereich fit zu machen für die Zukunft (persoenlich.com berichtete). Der Umzug führe zu einer «Zürich-Optik» in der Berichterstattung, einer redaktionellen Eintönigkeit und einem Verlust der Vielfalt, bemängelten dagegen Kritiker. Trampt man tatsächlich in die «Zürich-Falle», wenn man als Journalist im Leutschenbach arbeitet? persoenlich.com hat bei Mario Torriani nachgefragt, einem Berner, der seit bald 20 Jahren bei SRF in Zürich arbeitet:


Herr Torriani, die SRG verlegt die Informationsabteilung des Radios von Bern nach Zürich. Die Berner Kollegen reagieren darauf hässig. Können Sie als Berner mitfühlen?
Ja. Ich fühle mit als Kollege, nicht als Berner. Der Wechsel des Arbeitsortes stellt ein Leben radikal auf den Kopf, ich kann diesen Frust verstehen und es ginge mir nicht anders. Aber es steht mir nicht zu, den Standortentscheid zu kommentieren, direkt bin ich ja nicht negativ betroffen.

Die Berner befürchten, die Qualität der Radioprogramme werde in Zürich leiden. Auch an einer Demo wurden solche Bedenken geäussert. Ist guter Radiojournalismus nur in Bern möglich?
Dann wären unsere SRF-Radioprogramme heute schon schlecht. Weil sie werden zu einem wesentlichen Teil in Zürich – und SRF 2 Kultur in Basel – hergestellt. Der Standort Bern produziert neben SRF 4 News die einzelnen, auf die Programme zugeschnittenen Nachrichten- und Informationsformate. Daraus entstehen die ganzen Programme, für das Publikum in der Wahrnehmung aus einem Guss. Etwas umständlich für uns Macher, aber ganz gut eingespielt. Was ich sagen will: Der ausgezeichnete Ruf und die hohe Glaubwürdigkeit der SRF-Radios beweisen, dass in an allen Standorten professionell gearbeitet wird. Im Newsbereich ebenso wie in den begleitenden Programmflächen, einfach in verschiedenen journalistischen Disziplinen.

«Qualität hängt wohl kaum vom Medium ab»

Sie machten ja Radio, dazu auch immer wieder Fernsehen. Obwohl ich persönlich beide Bereiche auch kenne, frage ich provokativ: Sind TV-Menschen die schlechteren Journalisten?
Ok, hier kriegen Sie den Berner: Geits no?! Qualität hängt wohl kaum vom Medium ab, sondern vom Können und Selbstverständnis der Macherinnen und Macher. Kommt hinzu: Viele erfahrene Leute bei SRF pflegen längst Biografien in zwei oder drei Disziplinen: Radio, TV, Online. Wer neu zu uns stösst, muss heute zwingend mehr als einen Vektor beherrschen, die Grenzen lösen sich auf.

AZ-TV-Chefredaktor Markus Gilli giftelte an der Screen-up gegen die Zentralisierung bei der SRG, die Regionalsender hingegen würden Föderalismus leben. Hängt föderalistisches Schaffen von Standorten ab?
Weder bin ich im Management noch im Verwaltungsrat und muss über diese heikle Frage nicht befinden. Ich kann Ihnen wirklich nur als Macher, der schon lange am Standort Zürich stationiert ist, antworten. In den SRF-Redaktionen, die ich kenne, pflegen und verlangen wir von uns ein ausgeprägtes Sensorium für die Lebenswelt unseres Schweizer Publikums in allen Regionen. Jemand, dessen Horizont im Grauholz oder vor dem Baregg aufhört, steht bei SRF grundsätzlich auf verlorenem Posten. In den Zürcher Studios arbeiten nicht nur Zürcher, das sind vielmehr solide durchmischte Schweizer Teams. Und unsere Pendlerinnen und Pendler sind das beste Korrektiv, sie bringen verlässlich eine andere Sicht ein.

Machen Sie doch Beispiele, wie Sie den journalistischen SRF-Alltag in Zürich erleben…
Seit fast 20 Jahren sende ich für SRF an den Zürcher Standorten in verschiedenen Formaten. Und wenn ich eine Haltung als roten Faden erlebe, dann ist es das tagtägliche Bestreben und Ringen der Redaktionen, auf keinen Fall in die Zürich-Falle zu laufen. Teils fast pedantisch: Bei SRF 3 habe ich zum Beispiel als Teamleiter den Moderatoren untersagt, das Wetter vor dem Zürcher Studiofenster zu erwähnen. Weil es in der Regel für den Rest der Schweiz keine Rolle spielt. In den Verkehrsinfos ist Zürich häufig nicht an erster Stelle, auch wenn es dort am meisten staut. Oder Radio SRF 3 überträgt vom Zürich Openair keinen Ton, trotz bestem Line-up. Die aufwendigen Übertragungen kommen aus Gampel, dem Val Lumnezia, Zofingen, Frauenfeld, St. Gallen und Bern. Die Spendenaktion «Jeder Rappen zählt» war in Zürich nie zu Gast, und die Kollegen bei Radio SRF 1 wandern jeden Sommer durch die Schweiz, aber Zürich wird gemieden.

«Der Grossraum Zürich ist bevölkerungsmässig per se der grosse Klumpen des Landes»

Gibt es ein thematisches Klumpenrisiko in Zürich?
Der Grossraum Zürich ist bevölkerungsmässig per se der grosse Klumpen des Landes, das kann man wohl kaum wegdiskutieren und könnte ein Risiko sein. Wir an der Basis, auf den Sende-Redaktionen müssen uns dessen bewusst sein und tragen damit eine grosse Verantwortung. Bei jedem Zürich-Thema überlegen wir uns zweimal, ob es im nationalen Programm wirklich Sendezeit verdient. Für ganz alle Zürcher SRF-Leute kann ich diese Lanze nicht brechen, aber ich persönlich erlebe es jedenfalls so.

Sie haben also nicht das Gefühl, dass «Schweiz aktuell», dessen Moderator Sie neu sind, dauernd aus Zürcher Sicht über die Schweiz berichtet?
Auf keinen Fall. Bei «Schweiz aktuell» wird akribisch darauf geachtet, dass in jeder Sendung mehrere Regionen berücksichtigt werden. Zürich-Themen finden statt, aber sind sie nicht zwingend, kippen sie sehr schnell weg. Die Produktion der Sendung passiert zwar in Zürich, berichtet wird von den Korrespondentinnen und Korrespondenten aber aus der ganzen Schweiz. Und mehrmals pro Woche fährt das Live-Mobil für Schaltungen bei Menschen und Ereignissen in der Schweiz vor. Mit einer Zürcher Brille ginge das alles nicht glaubwürdig, wäre «Schweiz aktuell» nie zu dieser festen Regionalnews-Institution geworden, die es seit Langem ist.

Dann müssen Berner also auch nicht befürchten, wenn sie einst aus Zürich berichten, plötzlich den Fokus wechseln zu müssen?
Skepsis gehört zum Journalismus und ist nie falsch. Aber nochmals: In den Zürcher Studios sind wir ein bunter Haufen aus allen Ecken der Schweiz. Und wenn es denn wirklich zum Umzug kommt, so kennen Sie unsere Berner Radiokolleginnen und Kollegen wohl schlecht. Alles Profis mit hohen Standards, sie werden die DNA ihrer Sendungen bestens zu vertreten wissen und den Standort Zürich bereichern. Da habe ich keine Zweifel.

Freuen Sie sich, dass im Leutschenbach in gut zwei Jahren mehr Berndeutsch zu hören sein wird?
Wer hört schon nicht gerne Berndeutsch? Aber mich hier und heute zu freuen, während die Berner Kollegen am Anfang eines schmerzhaften Umbruchs stehen, mit Verlaub, das wäre ein Affront.



Mario Torriani, geboren in Bern, aufgewachsen in der Region Biel, lebt und arbeitet in Zürich, seit 1999 bei SRF. Für Radio SRF 3 war er 17 Jahre lang Moderator der Morgensendung und bis Ende August über sieben Jahre Moderationschef und Stv. Leiter Publizistik von SRF 3. Im Fernsehen moderierte er fünf Jahre das Wissensmagazin «Einstein» und mehrmals die «SwissMusicAwards». Diesen Sommer wechselte der 42-Jährige ins Team von «Schweiz aktuell» als Moderator und Redaktor.

 



Newsletter wird abonniert...

Newsletter abonnieren

Wollen Sie Artikel wie diesen in Ihrer Mailbox? Erhalten Sie frühmorgens die relevantesten Branchennews in kompakter Form.

Kommentar wird gesendet...

Kommentare

  • Peter Eberhard, 25.09.2018 09:28 Uhr
    "Qualität hängt wohl kaum vom Medium ab"? Bei der SRG offenbar schon. Radio (Echo, Rendez-vous, stündliche Nachrichten): unaufgeregt, nüchtern, sachlich, meistens nachvollziehbare Themengewichtung. TV (TS, 10v10): Unsägliche Betroffenheitsdemonstrationen der Sprecher/innen, oft nicht nachvollziehbare Themengewichtung (Zwang zum Bild!), vermeintlich witzige Sprüche. Bitte mal bei Ingo Zamperoni reinschauen (ARD-Tagesthemen): So geht's!

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

Anzeige
Zum Seitenanfang20190719

Die Branchennews täglich erhalten!

Jetzt Newsletter abonnieren.