21.08.2020

Massiver Umbau

So plant SRF die digitale Transformation

Ein Investigativ-Desk und noch mehr Inhalte im Web: Im Leutschenbach wird sich vieles radikal ändern. Warum stellt SRF Schlagermusik auf Youtube? Und was macht künftig Moderator Reto Lipp? Antworten auf diese und weitere Fragen zum Projekt «SRF 2024».
Massiver Umbau: So plant SRF die digitale Transformation
Tristan Brenn und Nathalie Wappler haben entschieden: Der Umbau betrifft den Sport, aber auch die Wirtschaftsberichterstattung und weitere Bereiche. (Hintergrundbild: Keystone-SDA/Gaetan Bally)
von Edith Hollenstein

1. Was passiert mit den Mitarbeitenden und Führungspersonen der bisherigen Abteilungen «Digital» und «Programme», die nun aufgelöst werden?
Die SRF-Mitarbeitenden aus diesen beiden Abteilungen werden den beiden neuen Einheiten Audience und Distribution zugeteilt – passend je nach Fähigkeiten und Aufgaben. Direktorin Nathalie Wappler sagte am späten Donnerstagnachmittag an einer Telefonkonferenz mit Journalisten auf eine entsprechende Frage: «Die beiden Verantwortlichen Gert von Manteuffel und Robert Ruckstuhl sind in die Prozesse mit eingebunden. Wir werden die Positionen der Abteilungsleitungen ausschreiben und sich hierfür zu bewerben, steht allen frei.» 

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2. Was ist das für ein Investigativ-Desk, das SRF aufbauen wird?
Mit der überregionalen Recherche-Redaktion, die die SRG in Bern hätte aufbauen wollen, habe das nun geplante Investigativ-Desk nichts zu tun. «Wir werden mit zusätzlichen Leuten etwas Zusätzliches aufbauen», sagte TV-Chefredaktor Tristan Brenn an der Telefonkonferenz. Das neue Investigativ-Desk für Polit- und Wirtschaftsthemen sei klar auf digitale Berichterstattung ausgerichtet und keiner Radio- oder TV-Sendung angehängt, sondern im Newsroom angesiedelt. «Wir werden dafür vorwiegend interne Journalisten rekrutieren. Wie viele dafür gesucht werden, ist noch nicht bestimmt», so Brenn. Man werde per 2021 starten und die Grösse des Team hänge von der allgemeinen Finanzlage des Unternehmens ab. Auch wer die Leitung übernimmt, konnte Brenn nicht sagen.

 

 

 


3. Wenn das lineare «Eco» verschwindet: Was passiert mit Moderator Reto Lipp?
SRF setzt zwar die Sendung «Eco» ab, stattdessen soll jedoch ein Wirtschaftstalk-Format entstehen, das ein eher jüngeres Publikum ansprechen soll: «Leute unter 45 Jahren», wie Wappler sagt. Die Wirtschaftsberichterstattung, vor allem das Erklären komplizierter Zusammenhänge, sei ein wichtiger Service-Public-Auftrag, den SRF unbedingt erfüllen wolle. «Wirtschaftsberichterstattung ist wichtig und auch Reto Lipp ist uns wichtig» so Wappler. Und TV-Chefredaktor Brenn ergänzt: «Eco ist eine wichtige Sendung. Wir wollen die Inhalte einem breiteren und jüngeren Publikum zugänglich machen, daher stärken wir die Wirtschaftsberichterstattung auf den digitalen Kanälen.» Reto Lipp werde als Wirtschaftsexperte weiter eine wichtige Rolle spielen und das neue digitale Wirtschaftstalk-Format moderieren.








4. SRF stärkt die Präsenz auf Instagram und Youtube. Gibt es irgendeine Art Partnerschaft mit Google für die Musikkanäle und die geplante Wissensplattform? Oder ist SRF ganz normaler Kunde respektive Publisher wie andere auch?
«Wir sind ein normaler Publisher wie andere auch. Gerade was Volksmusik und Schlager anbelangt, haben wir gemerkt, wie viele junge Leute sich dafür begeistern», antwortet Direktorin Wappler auf eine entsprechende Frage. Nun wolle SRF etwa mit den durch die Streichung von «Viva Volksmusik» freigewordenen Mitteln die Präsenz auf Youtube ausbauen. «So können wir viel mehr für die Schweizer Volksmusik tun», begründet Wappler. In der Tatsache, dass Youtube respektive Google auf diese Weise von hochwertigen SRF-Inhalten profitieren können, sieht die SRF-Direktorin kein Problem. «Wir müssen dorthin, wo unsere Zielgruppe ist», sagt sie. Und selbstverständlich sei das übergeordnete Ziel dieser Bemühungen, mittelfristig wieder mehr Nutzer auf die eigenen SRF-Kanäle zu holen. 

 






5. Es wird Entlassungen geben: Wie viele Mitarbeitende sind betroffen und wann werden sie informiert?
«Wie viele Mitarbeitenden betroffen sind, kann ich nicht sagen. Es wird Entlassungen geben, doch für unsere digitale Transformation benötigen wir auch neue Kompetenzen», sagt Wappler. Innerhalb des Projektes «SRF 2024», für dessen Ausarbeitung 100 Mitarbeitende eingebunden waren, gebe es ein sehr gut ausgestattetes Weiterbildungsbudget, das es SRF erlaube, «so vielen Mitarbeitenden wie möglich, die Chance zu geben, sich in neue Berufsbilder einzuarbeiten». Wappler erklärt: «Weil dies ein Prozess ist, der Zeit braucht, kann ich jetzt noch nicht sagen, wie viele Mitarbeitenden SRF wird entlassen müssen.» Am 9. Oktober soll es eine weitere Mitarbeitenden-Information geben, an der die Verantwortlichen diesbezüglich mehr sagen wollen.




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Kommentare

  • Thomas Läubli, 21.08.2020 20:37 Uhr
    Richtig, sparen kann man bei der Unterhaltung und den Sendungen für die Selbstdarstellung aggressiver Politiker. Wenn Klassikproduktionen reduziert und dafür der Fussball ausgebaut wird, sehe ich mit bestem Willen nicht mehr, wozu ich Gebühren zahlen soll. Eine Demokratie fördert nicht staatlich genau dasjenige, was einem Mehrheitsgeschmack entspricht, sondern stellt gerade jene Kultur- und Bildungsgüter zur Verfügung, die auf dem freien Markt nicht eigenständig bestehen können. Ansonsten müsste ich das SRF einen neoliberalen Selbstbedienungsladen nennen.
  • Maurice Velati, 21.08.2020 10:27 Uhr
    SRF ist ein öffentliches Medienhaus, ein Medienhaus für alle. Alle haben daher ein Recht auf den Service public von SRF. Allerdings: Die Digitalisierung ändert die Gewohnheiten und Bedürfnisse der Nutzerinnen und Nutzer. Dabei geht es nicht nur um Inhalte, sondern auch um Verbreitungswege, speziell digitale. SRF erreicht heute Menschen unter 45 Jahren bedeutend schlechter als ältere. Wenn wir uns den Entwicklungen nicht anpassen, dann verlieren wir den Draht zu einem Teil unserer Gesellschaft. Um dies zu verhindern, stellt sich SRF mit der Strategie «SRF 2024» neu auf. Wir konzentrieren uns noch klarer auf den Service-public-Auftrag. Wir stärken den Investigativ-Journalismus. Und wir stärken generell die Information über digitale Kanäle. Daher baut SRF die Wirtschaftsberichterstattung im digitalen Angebot aus. Das heisst aber nicht, dass die Wirtschaftsberichterstattung aus dem TV verschwindet. «ECO» wird zu einer TV-Talksendung umformatiert und selbstverständlich berichten auch «SRF Börse», «Tagesschau» oder «10vor10» weiterhin über Wirtschaftsthemen.
  • Mark Balsiger, 21.08.2020 08:03 Uhr
    Seit Jahren ist «Transformation» ein Lieblingswort der Führungsriege am «Leutschenbach». «Aufbruch in die digitale Zukunft» klingt gut und ist selbstbewusst. Nichts gegen mehr Inhalte im Netz, aber etwas sollte man nicht vergessen: SRF-Sendungen wie «Eco», «Echo der Zeit», «International» und «Trend», die massgeblich zur Profilierung des Senders beitragen und echten Service Public bieten, wurden vor allem dank starken Teams möglich. Sie identifizieren sich mit ihren Sendungen. Diese stehen übrigens seit Jahren zeitversetzt bzw. als Podcast zur Verfügung, es geht also nicht um linear vs. digital. Die Absetzung von «Eco» und die Sparmassnahmen bei den Radio-Formaten «International» und «Trend» sind vor diesem Hintergrund unverständlich. Hochmotivierte Teams produzieren Beiträge und Informations- und Hintergrundsendungen, die auf verschiedenen Vektoren ausgespielt werden – so müsste es sein. Gerade diejenigen von Radio SRF sind kostengünstig. Sparen kann man in der Unterhaltung, Jass- und Quizsendungen sind austauschbar und stärken die Dachmarke nicht.
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