16.08.2009

SF-Alpenfestung

Soldat Marcel Lüscher im Interview

"Unsere Grossväter führten ein wirklich hartes Leben."

Herr Lüscher, Sie waren drei Wochen in der Alpenfestung. Hand aufs Herz: Wären Sie gern noch länger geblieben?

Eher nicht. Die Distanz zur heutigen Welt wurde gegen Schluss einfach zu erdrückend.

SF simulierte das Jahr 1942. Fühlten Sie sich in der Vergangenheit?

Das war immer Gesprächsstoff unter uns Soldaten. Ich selber habe mich nicht ins Jahr 1942 versetzt gefühlt, dazu fehlten uns die Tagblätter oder die Musik dieser Zeit. Doch konnten wir eine Ahnung davon bekommen, was unsere Grossväter gefühlt hatten.

Wie war für Sie diese ungewöhnliche Zeitreise?

Ich denke, wir waren am Anfang mit dem kleinen Zehenspitz im Jahr 1942. Erst später kam der Rest des Körpers langsam in diese Zeit. Ob wir alles richtig machten, weiss ich nicht. Es hat sich vieles auf jeden Fall unangenehm angefühlt. Die Ausrüstung verlangte Härte und Ausdauer.

Also war der Dienst hart?

Extrem hart. Die Ausrüstung war sperrig und schwer. Doch am härtesten war der psychische Druck. Man hatte kein Telefon. Kam hinzu, dass unsere Beziehung zum Kader eher kühl war. Obwohl unser Kadi ein offenes Ohr hatte, wollte die meisten von uns möglichst wenig mit den Herren Offizieren reden. Im Bunker herrschte so etwas wie eine Zweiklassengesellschaft, was ich übrigens absurd fand.

Das höre ich zum ersten Mal. Ich hatte immer den Eindruck, dass die Übung eher ein lustiges Ferienlager im Bunker war. Täuschten die Bilder?

Einige Bilder gaukeln tatsächlich Soldatenromantik vor. Ich selber habe bisher nur die drei Wochenzusammenfassungen gesehen. Leider entgingen dem Zuschauer viele Details. Jede Minute im Tagesbefehl war verplant. Unser Karabiner war ständiger Begleiter. Und der scharfe Ton der Offiziere war nicht lustig.

Warum herrschte gegenüber dem Kader strenger Gehorsam?

Man wollte gegenüber dem Kader keine Schwäche zeigen. Wir haben uns ja alle freiwillig für das Projekt gemeldet. Uns stand auch immer frei zu gehen. Man hätte sich allerdings vor der Presse verantworten müssen.

Sie haben sich die Berichterstattung angeguckt. Wie würden Sie diese bewerten?

Alles ist authentisch. Klar wurden nur die Highlights gezeigt - in 30 Minuten kann man auch nicht alles zeigen. Für mich stimmt die Berichterstattung. Eine gelungene Arbeit.

Die Sendung geriet mehrfach in Kritik. Können Sie diese nachvollziehen?

Nein. Die Sendung wollte das harte Leben zu dieser Zeit nachzeichnen, nicht die Bedrohungslage. Viele Kritiker schossen sich auf Details ein. Dabei ging es doch darum zu zeigen, wie heutige Personen mit den Mitteln von 1942 zu recht kommen. Ich sehe die Sendung als Würdigung unserer Grossväter, die wirklich ein hartes Leben führten.

Reden wir über eine heikle Phase im Bunker. Ein Soldatenrat soll angeblich nach zwei Wochen Forderungen an das Kader gestellt haben. Leider erwähnte die Redaktion den Vorfall nur in drei Sätzen. Was war da passiert?

Der Soldatenrat versuchte ein paar kritische Gedanken der Soldaten in einem Rapport zusammenzufassen. Dieser wurden am Freitag in der zweiten Woche formuliert. Das Kader hat sich dann sofort für ihr fragwürdiges Benehmen entschuldigt. Am Samstag und Sonntag wurden uns auch die anderen Punkte des Rapports, ausser die Bierrationierung, eingestanden. Somit war das Kommunizieren nicht mehr nötig. Man kann sagen, das Kader hatte rechtzeitig reagiert.

Ein ehemaliger Aktivdienstler bezeichnete den Rapport als Meuterei.

Ach was. Eine Meuterei ist ein gewalttätiger Streik der Belegschaft. Im Rapport wurden keine Sanktionen angedroht. Eher wurde an die patriotische Pflicht appelliert.

Wie stand die SF-Redaktion zur Sache?

Ein Journalist war von der Idee des Soldatenrates angetan. Er wollte einen Wochenschaubericht daraus machen. Liess es aber aus mir unbekannten Gründen bleiben.

Würden Sie wieder an einem solchen Projekt teilnehmen?

Also ich habe definitiv genug. Es war ohne Zweifel eine interessante Erfahrung. Mein Hunger nach Geschichte ist aber für lange Zeit gestillt.

(Interview: Christian Lüscher)


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