Die WoZ macht neu auf Kapitalismus. Erklären Sie einem Finanzmuffel, was sich mit einem Agio anstellen lässt.
Das 500-Franken-Agio auf unseren Partizipationsscheinen hat unsere Geschäftsleitung so festgelegt, weil Finanzvehikel kompliziert sein sollen. Zudem soll so etwas rechtliche Vorteile bringen.
Für Ihre Partizipationsscheine gibt es keinen finanziellen Gegenwert. Kann die WoZ nur mit Geschenken überleben?
Die WoZ hat seit 15 Jahren eine Auflage zwischen zwölf- und vierzehntausend Exemplaren. Das führt zu einem strukturellen Defizit von jährlich rund hunderttausend Franken. Auch wenn das bei anderen Verlagen gerade mal der Portokasse entspricht, ist es doch lästig und unangenehm. Mit dem Ausbau der WoZ wollen wir aus unserer Nische ausbrechen und bewirken, dass wir in Zukunft nicht mehr von Kapitalerhöhungen abhängig sind. Das Ziel ist nicht nur ein besseres, sondern auch ein besser verkauftes Blatt. Dazu brauchen wir aber erst mal eine moderate Anschubfinanzierung. Geld spricht ja nicht per se gegen Qualität, auch wenn man das Gefühl hat, dass andere Medienkonzerne viel Geld sinnlos verbraten, nicht zuletzt für Wochenpublikationen.
Worin bestehen die "Teilnahme- und Informationsrechte", die man sich mit dem PS erwirbt?
Es gibt bestimmte Vorzugsaktionen für InhaberInnen von Partizipationsscheinen. Wir hoffen doch, dass wir gelogen haben, als wir schrieben: Keine Aktionärsessen. Aber wenn wir so etwas machen, wollen wir Überraschung, nicht Routine.
Noch nicht mal beim schwerreichen Tettamanti glaubt man, dass er allein zur Erhaltung der Schweizer Medienvielfalt in die Jean Frey investiert hat. Weshalb soll Vielfalt an sich förderungswürdig sein?
Medien sind heute notwendiger denn je, weil die Zeiten, leider, interessant sind. Du sollst in interessanten Zeiten leben, lautete ein chinesischer Fluch. Viele Fragen sind offen, teilweise weiss man noch nicht mal, wie sie eigentlich lauten, geschweige denn, welches die Antworten sind: Was wird aus den USA? Wie sollen Firmen noch geführt und beurteilt werden? Was passiert in der Schweiz mit den Liberalen? Angesichts einer wirklich geänderten Welt sollte weniger Routine-Journalismus stattfinden. Vielmehr braucht es eine Vielfalt von Vorgehensweisen, Standpunkten und Medien. Man kann Einiges gegen die WoZ sagen, verwechselbar ist sie nicht.
Weil es so eine Zeitung gar nicht braucht?
Immerhin haben wir das Monopol und die Ehre, für die Schweizerische Linke zu schreiben.
Mit dem entsprechenden finanziellen Erfolg...
Wir in der WoZ werden traditionell nicht mit Geld, sondern mit Freiheit bezahlt. Hier sind wir Millionäre. Das ist unser -- zugegebenermassen nicht sehr lukratives -- Monopol.
Bisher war die WoZ mit ihren wirtschaftlichen Experimenten keine Referenzgrösse: Der Luzern-Split scheiterte ebenso wie die angestrebte Übernahme der Weltwoche. Warum soll es diesmal klappen?
Weil seit der Gründung der Zeitung noch kein derart gründlich durchdachtes Gesamtpaket geschnürt worden ist: Wir haben ab September neu einen Businessplan, vier neue Ressorts, ein neues Layout, eine frische Werbeagentur und ein neues Sitzungsschema -- das einzige, was gleich bleibt, ist die Kaffeemaschine. Gleichzeitig versuchen mit einer neuen Redaktionsstrategie, die nötigen Diskussionen schnell und offen zu führen, damit die Zeitung intern nicht mehr aus lauter Gärtchen besteht. Wir wollen durch effizientes Themenmanagement schneller, entschlossener, fokussierter werden. Und bis anhin war die WoZ manchmal eine sehr kalte, betont intellektuelle Zeitung, mit einem Leben-Teil wollen wir mehr Wärme, mehr Junge, mehr Alltag. Zudem müssen wir die anderen Zeitungen künftig auch auf dem Gebiet des Mainstreams schlagen: Wir können die Diskussionen, die alle führen, viel cleverer machen.
Wenn alles gut läuft, soll die WoZ Internationale Medienerzeugnisse AG (IMAG) Anteilsscheine der Genossenschaft Infolink zeichnen -- diese Struktur ist etwa so transparent wie das Kirch-Imperium zu seinen besten Zeiten. Wie verhält es sich genau?
Die IMAG wird als Kollektiv-Mitglied aufgenommen. Neu sitzt also am Redaktionstisch eine AG mit Stimmrecht. Sie wird bei Stimmengleichheit entscheiden.
Warum so kompliziert?
Auch wir haben aus den neunziger Jahren gelernt. Im Grunde geht es darum, bei der Kapitalerhöhung nicht selber vom Kapital übernommen zu werden. Für die Details sind unsere Anwälte verantwortlich.
Was geschieht, wenn die Kapitalaufnahme scheitert?
Dann müssten wir weiter machen wie bisher oder besser nachts in die Portokasse der Tamedia einbrechen. Doch so weit wird es nicht kommen. Bereits bestehen verschiedene Vor-Zusagen, die Geschäftsleitung ist überaus optimistisch.

