03.09.2009

Tamedia trotz deutlichem Umsatzrückgang zuversichtlich

Erstaunlich gelassen präsentierten die Tamedia-Verantwortlichen Pietro Supino, Martin Kall und Sandro Macciacchini am Donnerstag die Halbjahreszahlen des Medienkonzerns. Dabei mussten sie einen Umsatzrückgang von 16 Prozent, die Einstellung des "Solothurner Tagblatts" samt dem Abbau von 13.8 Vollzeitstellen und mehrere Problembereiche thematisieren. Man sei zuversichtlich, weil man sehr gut aufgestellt sei für die Zukunft, sagte Verwaltungsratspräsident Supino, und meinte damit vor allem die neuen Konzernbeteiligungen in Bern und der Welschschweiz. Zur Story:
Tamedia trotz deutlichem Umsatzrückgang zuversichtlich

16 Prozent Umsatzrückgang vermeldete Tamedia am Donnerstagmorgen für das erste Halbjahr 2009. „So wie es jetzt aussieht, werden die Aktionäre diese Jahr keine Dividende erhalten“, erklärte Verwaltungsratspräsident Pietro Supino. "Wir haben nun Massnahmen getroffen, damit sich das Ergebnis im nächsten Jahr deutlich verbessern soll", sagte Konzernchef Martin Kall. "Alle Massnahmen sind auf die nachhaltige, langfristige Entwicklung von Tamedia ausgelegt." Dieses Jahr wurden bereits Kostensenkungsmassnahmen in der Höhe von 48 Millionen Franken vorgenommen. Doch das reiche kaum. Niemand wisse, was noch auf die Branche zukomme. "Wir müssen in jedem Fall noch erheblich einsparen", sagte Kall weiter. "Wahrscheinlich im zweistelligen Millionenbereich." Wo dies geschehe, konnte oder wollte der Tamedia-CEO nicht sagen.

An der Pendlerzeitung News, die seit wenigen Tagen nur noch im Raum Zürich erscheint, will man jedenfalls vorläufig festhalten. "Das Grundkonzept von News bleibt auch mit der verringerten Auflage unverändert", sagte er später gegenüber "persoenlich.com". Das Team soll vorerst nicht reduziert werden. Man werde nun sehen, wie sich die ganze Sache entwickle. Generell gelte es, die Leute auf allen Ebenen mit dem Medienverbund von Tamedia in Kontakt zu bringen. Und da erfülle News nach wie vor eine sehr wichtige Rolle. News jedoch weiter auf dem Platz Bern zu betreiben, auf dem Tamedia bereits zwei starke Tageszeitungen besitze, mache keinen Sinn, sagte Kall weiter.

Als Sorgenkinder wurden die Berner Medien – Print-, Radio- und Lokalfernsehprodukte – hervorgehoben, als Erfolgsgeschichte die gratis aufliegende, vor allem an eine junge, weibliche Leserschaft gerichtete Zeitschrift "20 Minuten Friday" genannt. "Im Leser- und Werbemarkt entwickelt sich die Zeitschrift besser als erwartet", sagte Kall zufrieden. "Sie sehen also: Auch in der Krise kann man, wenn man die richtigen Entscheidungen trifft, erfolgreich sein." Wegen Erfolgsgeschichten wie dieser und richtiger strategischer Entscheide, blicke man deshalb auch zuversichtlich in die Zukunft: "Unsere Annahme ist, dass die Konjunktur wieder aufspringt", betonte Kall. Für die Zukunft von Tamedia seien mit der Übernahmen von Espace Media und dem Schweizer Geschäft von Edipresse wichtige Weichen gestellt worden. "Wenn diese beiden Elemente fehlen würden, dann würden wir nicht so zuversichtlich vor ihnen sitzen", fügte sein Chef Pietro Supino abschliessend an – ehe er noch kurz gegen den Staat ausholte und mit ernster Miene sagte, Tamedia benötige keine Staathilfe, doch der Staat mache dem Konzern das Leben schwer.

Wie Tamedia bereits am frühen Donnerstagmorgen in einem Pressecommuniqué mitteilte, soll das "Solothurner Tagblatt", eine Regionalausgabe der "Berner Zeitung", in der zweiten Hälfte des Septembers 2009 eingestellt werden. Die Espace Media Groupe hatte das "Solothurner Tagblatt" 2001 als Ergänzung zu den bestehenden Regionalausgaben lanciert. Die Leserschaftsentwicklung des Titels blieb jedoch deutlich hinter den ursprünglichen Erwartungen zurück.

In den letzten Jahren schrieb das "Solothurner Tagblatt" konstante Verluste in Millionenhöhe. Die Einstellung, die unter dem Vorbehalt des gesetzlichen Mitwirkungsverfahrens steht, führt zum Abbau von 13.8 Vollzeitstellen, wovon 17 Mitarbeitende betroffen sind. Für die betroffenen Mitarbeitenden besteht ein Sozialplan. Es soll der gleiche zur Anwendung kommen wie bei der "Berner Zeitung" und der Zeitung "Der Bund". Dieser Sozialplan gelte bis Ende 2010. An der Pressekonferenz verloren die Tamedia-Oberen nur drei, vier kurze Sätze zur Einstellung des Blattes.

impressum kritisiert Tamedia

Der Medienberufsverband impressum kritisiert den Zürcher Medienkonzern Tamedia wegen der Einstellung des "Solothurner Tagblatts". Der Verband fordert, dass die 17 betroffenen Mitarbeitenden im Unternehmen weiterbeschäftigt werden. Um soziale Härten zu mildern, solle für die Betroffenen der Sozialplan des "Tages-Anzeigers" angewendet werden, teilte impressum am Donnerstag mit. In der gegenwärtigen Krise sei es für die betroffenen freien und fest angestellten Mitarbeitenden schwierig, ein neues existenzsicherndes Auskommen zu finden.

Mit der geplanten Einstellung des "Solothurner Tagblatts" als Regionalausgabe der "Berner Zeitung" endet ein harter Verdrängungskampf. Das Tagblatt war 2001 als Konkurrenzprodukt zur "Solothurner Zeitung" gegründet worden. Die Berner Strategie, in der Region Solothurn Fuss zu fassen, sei gescheitert, sagte Peter Buri, Unternehmensleiter der Vogt-Schild, am Donnerstag auf Anfrage. Vogt-Schild, die seit Anfang Jahr zu 100 Prozent den AZ Medien des Verlegers Peter Wanner gehört, gibt die "Solothurner Zeitung" heraus.

Er bewundere die Offenheit, wie die Fehleinschätzung "Experiment Solothurn" eingestanden werde, betonte Buri. Der Einstellungsentscheid sei nachvollziehbar. Die Wirtschaftskrise treffe die Zeitungsbranche sehr hart. Der Preiskrieg habe sich nicht auszahlen können. Trotz guter redaktioneller Leistung habe das "Solothurner Tagblatt" innerhalb von acht Jahren die Ziele nicht erreicht, sagte Christoph Zimmer, Leiter Unternehmenskommunikation Tamedia. Die kumulierten Verluste beliefen sich auf 35 Millionen Franken.

Das "Solothurner Tagblatt" zählt gemäss Zimmer 4500 voll bezahlte Abos. Gedruckt wird die Zeitung in einer Auflage von rund 10'000 Exemplaren. Bei der Lancierung der Regionalausgabe habe die Espace Media Groupe ("Berner Zeitung") den Raum Solothurn zum Espace-Gebiet gezählt, sagte Zimmer. Die Espace Media Groupe gehört seit 2007 Tamedia.

Bereits der Start des "Solothurner Tagblattes" im Oktober 2001 war mit vielen Nebengeräuschen verbunden gewesen. Die "Solothurner Zeitung" warf dem neuen Konkurrenten vor, er habe weder einen publizistischen noch einen wirtschaftlichen Zweck. Es gehe einzig darum, die "Solothurner Zeitung" zu ruinieren und diese zu zwingen, sich der Espace Media Groupe anzuschliessen. Die "Solothurner Zeitung" erscheint seit 2002 jedoch im Medienverbund "Mittelland Zeitung" unter der Federführung der "Aargauer Zeitung" (AZ).

Seit Anfang gehört die "Solothurner Zeitung", die unter dem Titel "Sonntag" auch als siebte Ausgabe erscheint, zu 100 Prozent den AZ Medien. Das Medienunternehmen des Verlegers Wanner war anfänglich zu 35 Prozent an Vogt-Schild beteiligt gewesen. Der Kampf um Abonnenten wurde bis zuletzt verbittert ausgetragen. Vogt-Schild hatte Tamedia in einer Klage vorgeworfen, mit einem "Dumping-Preis" von 100 Franken für ein gemeinsames Jahresabo des Tagblattes und der "SonntagsZeitung" unlauteren Wettbewerb zu betreiben. Das Amtsgericht Solothurn-Lebern wies die Klage Anfang 2009 ab. (ads/sda)


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