08.04.2009

Tamedia wird zum nationalen Medienhaus

Das Geschäftsjahr 2008 war bei Tamedia geprägt von Übernahmen, Beteiligungen, Neulancierungen und Umstrukturierungen. Der Weg zum nationalen Medienhaus ist geebnet, doch die düsteren Konjunkturaussichten für 2009 fordern ihren Tribut. "Vergessen wir, was 2008 war", meint Tamedia-CEO Martin Kall. Anlässlich der Bilanzmedienkonferenz skizzierte er auch die Vier-Säulen-Strategie des "Tages-Anzeigers" als Zukunftsformel.
Tamedia wird zum nationalen Medienhaus

Das Medienhaus Tamedia hat in den letzten zwei Jahren unter anderem die Espace Media Groupe übernommen, die Gratistitel „News“, „L’essentiel“ und „20 Minuten Friday“ sowie den Online-Verbund Newsnetz aus der Taufe gehoben, das Online-Portfolio durch diverse Beteiligungen enorm ausgebaut und zuletzt auch noch die Fusion mit Edipresse angekündigt. Bei all diesen Investitionen wurde gleichzeitig Gewinn geschrieben.

Da darf man sich bei seinem CEO auch mal bedanken, hat sich wohl Verwaltungsratspräsident Pietro Supino gedacht. Er lobte Martin Kall gleich zu Beginn der Jahresmedienkonferenz explizit. Nette Worte sind aber nicht die einzige Belohnung, die der Tamedia-CEO entgegen nehmen darf. Die Mitglieder der Unternehmensleitung erhalten erstmals die Hälfte ihrer Gewinnbeteiligung in Form von Tamedia-Aktien.

Im Zeichen der Integration

In nächster Zeit sind beim Zürcher Medienunternehmen keine weiteren Grosseinkäufe geplant. Laut Pietro Supino stösst Tamedia mit dem Edipresse-Deal an die finanziellen Grenzen. Der Kaufpreis von 226 Millionen Franken für die ersten beiden Beteiligungsschritte wird Tamedia weitgehend eigenfinanzieren. Der Kaufpreis der dritten Tranche ist abhängig von der Geschäftsentwicklung von Edipresse Schweiz. Tamedia geht davon aus, dass für den dritten Beteiligungsschritt die Aufnahme von Fremdkapital in deutlich höherem Umfang notwendig sein wird.

Für Supino kommt dieser Zusammenschluss nach der Übernahme der Espace Media Groupe eigentlich zu früh. Doch nach konstruktiven Gesprächen, die seit dem Sommer 2008 mit Edipresse geführt wurden, habe man die Gelegenheit beim Schopf packen müssen. So werde nach Zustimmung der Wettbewerbskommission (Weko) ein nationales Medienhaus entstehen.

Für Supino kommt dieser Zusammenschluss nach der Übernahme der Espace Media Groupe eigentlich zu früh. Doch nach konstruktiven Gesprächen, die seit dem Sommer 2008 mit Edipresse geführt wurden, habe man die Gelegenheit beim Schopf packen müssen. So werde nach Zustimmung der Wettbewerbskommission (Weko) ein nationales Medienhaus entstehen.

Bei Tamedia kehrt nun aber keine Ruhe ein. Der Zusammenschluss von Espace Media und Tamedia ist zwar weit vorangeschritten, aber dennoch nicht ganz verdaut. Vor allem steht noch aus, ob die Berner Tageszeitung "Der Bund" mit dem "Tages-Anzeiger" oder der "Berner Zeitung" zusammengelegt wird. Der Entscheid soll laut Supino und Kall bis im Sommer gefällt sein.

Ins Haus steht auch die Zusammenführung des Schweizer Geschäfts von Tamedia und Edipresse bis 2013. Auch dies mit einer bereits angekündigten ersten Auswirkung auf Zeitungstitel. Die Gratisblätter "20 Minutes" und "Le Matin bleu" werden vereint. Allerdings können laut Martin Kall vor dem Entscheid der Weko keine Massnahmen eingeleitet werden. Damit bleibt auch weiterhin ungewiss, welche Zeitungsmarke überleben wird. Sowohl "20 minutes" als auch "Le Matin bleu" kämpfen trotz Erfolg im Lesermarkt mit anhaltenden Verlusten.

Vier-Säulen-Strategie als Zukunftsformel

Nicht nur durch Beteiligungen und Neulancierungen von Titeln wurden bei Tamedia Baustellen eröffnet. Auch beim publizistischen Flaggschiff "Tages-Anzeiger" stehen grössere Veränderungen an. Nachdem mit Markus Eisenhut und Res Strehle das neue Chefredaktorenduo bestimmt wurde, wird die Zeitung ab Herbst 2009 auf ein neues Vier-Bund-Konzept umgestellt.

Diese Neuerungen gehen einher "mit einer Anpassung der Kostenstruktur an deutlich zurückgegangene Erlöse", wie den Presseunterlagen zur Bilanzmedienkonferenz zu entnehmen ist. Auf gut Deutsch: Das Budget wird gekürzt und Stellen werden abgebaut. Zum Umfang der Kürzungen wollte die Tamedia-Führungsspitze keine Angaben machen.

Als Zukunftsformel für den "Tages-Anzeiger" baut man aber nicht nur auf ein neues Konzept mit vier Zeitungsbünden. Martin Kall sprach an der Jahresmedienkonferenz von einer Vier-Säulen-Strategie. So soll unter dem Dach des "Tages-Anzeigers" ein Medienverbund aus "Qualitativ hochwertigem Mantel", "Regionaler Verankerung" (Splits), Pendlerzeitung "News" und Online-Netzwerk mit tagesanzeiger.ch entstehen.

Ziel ist es laut Kall, mit dem Medienverbund insgesamt schneller Leser zu gewinnen, als sie beim "Tages-Anzeiger" verloren gehen. Zudem gelte es, die Reichweite des Medienverbundes zu kommerzialisieren. Bei den Online-Portalen sieht der Tamedia-CEO vor allem den Vorteil, dass eine steigende Nutzung nur minim mehr Kosten pro Leser verursachen. Dies im Gegensatz zu Zeitungen, wo eine höhere Auflage ungleich mehr Kosten verursache.

Düstere Aussichten für Werbemarkt

"Vergessen wir, was 2008 war." Mit diesen Worten leitete Martin Kall den Ausblick auf das wirtschaftliche Umfeld im laufenden Jahr ein. Tamedia erwartet für 2009 keine wirtschaftliche Erholung und rechnet mit einem deutlichen Rückgang der Werbeinvestitionen. Das Medienhaus geht davon aus, dass diese Entwicklung den Strukturwandel in der Medienbranche vorantreiben sowie zu einer steigenden Kostensensibilität der Werbekunden führen wird.

Einen ersten Eindruck von der härteren Gangart der Werbeauftraggeber hat "20 Minuten" erhalten. Der grösste Schweizer Detailhändler schaltet keine Werbung mehr im Gratisblatt, weil man sich über die Tarife nicht einig wurde. Dem Vernehmen nach entfallen "20 Minuten" dadurch Werbeeinnahmen in zweistelliger Millionenhöhe. Der neue Migros-Slogan "Ein M besser" bedeutet also für die Pendlerzeitung aktuell "Mehrere M weniger".

Darauf angesprochen meint Martin Kall, dass die Kunden an Macht und Einfluss gewinnen, weil sie im Markt insgesamt ein grösseres Angebot für ihre Werbeplatzierungen finden. Zudem herrsche momentan die Erwartungshaltung, dass für das gleiche Geld, mehr Leistung eingefordert werden kann. Man könne aber nicht unendlich Rabatte gewähren. Jedes Medienunternehmen müsse für sich entscheiden, wo die Grenze des Erträglichen liege.

Dass Tamedia im Gegenzug Werbeauftraggebern als Druckmittel mit Null-Publizität in den eigenen Medien droht, ist laut Kall unmöglich. "Wir sind in erster Linie dem Leser verpflichtet und können ihm nicht Informationen vorenthalten, nur weil wir uns in Tarifgesprächen mit einem Unternehmen befinden." Mit einer Erholung der Werbeinvestitionen im geringen Umfang rechnet Tamedia erst ab Herbst 2010.

(Text: Stefan Wyss)

--> Tamedia: Expansion führt zu Gewinnrückgang


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