03.06.2010

"Britain's Got Talent"

TV-Show im Kreuzfeuer der Kritik

Suizidgefährdeter Kandidat öffentlichem Hohn ausgesetzt.

Die TV-Castingshow "Britain's Got Talent" hat sich den Zorn der britischen Psychologen- und Gesundheitsorganisationen zugezogen. Hintergrund für die aktuelle Aufregung ist der Auftritt eines 60-jährigen Mannes, der als Kandidat in der als Pendant zu "Deutschland sucht den Superstar" angelegten Sendung zugelassen wurde, obwohl bereits im Vorfeld bekannt gewesen war, dass er unter schweren Depressionen leidet. In einem "Guardian"-Interview wirft der als suizidgefährdet eingestufte Mann nun den verantwortlichen Produzenten vor, dass sie ihn nur deshalb ausgewählt hätten, da sie mit einem spektakulären Nervenzusammenbruch rechneten.

"Ich habe die Sendungsproduzenten mehrfach darüber informiert, dass ich bereits des Öfteren als stark suizidgefährdet eingestuft worden bin", stellt Alyn James, pensionierter Zahnarzt aus South Wales, klar. Einmal habe er seinen medizinischen Werdegang sogar eineinhalb Stunden ausführlich einem an der Sendung beteiligten Mitarbeiter geschildert. "Das hat sie am meisten interessiert", berichtet James. Trotzdem sei er ohne Probleme zugelassen worden. Nachdem sein Auftritt aber unter lauten Buhrufen des Publikums ein jähes Ende fand, ist James wieder in einer tiefen Depression versunken.

Bei den Psychologen- und Gesundheitsorganisationen des Landes hat das Bekanntwerden des Falles eine regelrechte Protestlawine ausgelöst. "Die Schilderungen des Betroffenen haben einige sehr ernste Fragen aufgeworfen, was den Umgang von TV-Sendern mit ihren Show-Kandidaten betrifft", meint etwa Andrew McCulloch, Leiter der Mental Health Foundation, einer karitativen Organisation, die Menschen mit seelischen Problemen in Grossbritannien unterstützt.

Nach Auffassung des Experten sind die ethisch-moralischen Grenzen im vorliegenden Fall eindeutig überschritten worden. "Ich befürchte das Schlimmste. Wenn verletzliche Menschen dazu ermutigt werden, sich einer derartigen öffentlichen Schmach auszusetzen, ist das zutiefst abstossend. Es ist eine statistische Tatsache, dass solch ein Verhalten irgendwann zwangsläufig damit endet, dass sich tatsächlich jemand das Leben nimmt", kritisiert McCulloch.

Sender weist Kritik zurück

Bei Talkback Thames, der Produktionsfirma, die für "Britain's Got Talent" verantwortlich zeichnet, kann man die Aufregung nicht verstehen. "Jeder hat das Recht, in einen Talentwettbewerb einzusteigen. Unsere Show zielt darauf ab, das breite Spektrum der Leute abzubilden, die sich hierfür anbieten", so ein Sprecher. Es ist jedoch nicht das erste Mal, dass sich die britische Casting-Show im Kreuzfeuer der öffentlichen Kritik wiederfindet. Schon im Fall von Susan Boyle, der späteren Zweitplatzierten der letzten Sendungsstaffel, wurde vor dem Finale heftig über mögliche seelische Schäden diskutiert, denen sich die Kandidatin aufgrund des enormen psychischen Drucks und öffentlicher Häme gegenübersah. (pte)


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