Unerwartete Anerkennung in der Heimatstadt: Der in Berlin lebende Autor Milo Rau hat am Mittwoch den Ostschweizer Medienpreis 2010 erhalten - einen Monat nachdem auf öffentlichen Druck hin sein Theaterprojekt um den St. Galler Lehrermord abgesetzt wurde. Öffentlichkeit als Raum für Debatten - diesen Anspruch verfolgte Rau bei seinem Projekt "Der St. Galler Lehrermord" im Auftrag des Theaters St. Gallen. Ausgehend von einer dokumentarischen Recherche wollte der Leiter des International Instituts of Political Murder (IIPM) die Folgen der Ereignisse von 1999 durchleuchten.
Noch heute bewegt der Mord an einem St. Galler Lehrer die Bevölkerung. Die blosse Ankündigung der "Theatralen Ausstellung" löste einen Sturm der Entrüstung aus. Die Theaterleitung beugte sich dem massiven Druck und nahm das Stück vom Spielplan. Die St. Galler scheinen sich schwer zu tun mit unbequemen Zeitzeugen. Niklaus Meienberg, bekannt geworden durch seine literarischen Reportagen, wurde erst 1990, drei Jahre vor seinem Tod, mit dem St.Galler Kulturpreis ausgezeichnet. Die Kantonsregierung glänzte durch Abwesenheit. Meienberg hatte sich immer wieder kritisch mit seiner Heimatstadt auseinander gesetzt.
13 Jahre nach seinem Tod setzte ihm die Stadt St. Gallen ein Denkmal: Die neue Erschliessungsstrasse entlang des Birnbäumenhangs wurde zu Ehren des berühmten Schriftstellers und Journalisten auf den Namen Meienbergstrasse getauft.
Ein Denkmal, das einst an ihn erinnern wird, hat der 33-jährige Journalist Milo Rau kaum im Sinn, vielmehr will er mit seinen Projekten eine Diskussion über den Umgang mit Geschichte entfachen. Milo Rau hat sich dem Reenacment verschrieben, der Re-Inszenierung historischer, politischer oder auch kultureller Ereignisse. Im Ostschweizer Kulturmagazin "Saiten" berichtete der Journalist im April vergangenen Jahres über seine Recherche für das Theater- und Filmprojekt "Die letzten Tage der Ceausescus".
"Ein packender und differenzierter Zustandsbericht über Rumänien, dessen kontroverse beurteilte Vergangenheit die Gegenwart und nächste Zukunft des Lands bestimmt", fand die Jury des Ostschweizer Medienpreis und zeichnete Milo Rau mit dem Reportage-Preis aus. Umfangreich, sorgfältig und vorurteilslos seien die Recherchen. "Wer sich recherierend aufmacht, wohin auch immer, in die Nähe oder Ferne, sollte vorher einen Text wie diesen von Milo Rau lesen", hält die Jury fest, welche vier von 43 eingereichten Arbeiten in der Sparte Reportage in die engere Wahl einbezogen hatte.
Der Ostschweizer Medienpreis wurde am Mittwoch bereits zum zehnten Mal in den Kategorien Fernseh-Beitrag, Pressefotografie, Reportage/Hintergrund, Radiobeitrag und Tagestext verliehen. Die Preissumme beträgt pro Kategorie jeweils 5000 Franken. Die Fernsehjury hat die "Kleine Winterreise" von Eveline Falk ausgezeichnet, ein Porträt für SF DRS über die Schauspielerin Stephanie Glaser. Den Fotopreis erhielt die "Tagblatt"-Fotografin Carolie Wenger für ihre Porträtreihe "Tattoo- Menschen".
Riccarda Simonett (Regionaljournal Graubünden von Schweizer Radio DRS) begleitete für ihren Radiobeitrag "The last songs of the glacier" am Rheinwaldhorn ob Vals die amerikanische Fotografin Julia Calfee. Der Ostschweizer Medienpreis in der Kategorie Tagestext ging an Roger Berhalter und Katja Fischer vom "St. Galler Tagblatt" - für eine "Bieridee": Die beiden "Zoom"-Redaktoren hatten acht Biersorten im Blindtest miteinander verglichen. (sda)

