21.01.2009

"Unser Ziel sind nicht Nachrichtenprimeurs, sondern Ideenprimeurs"

Seit Dezember 2008 ist Peer Teuwsen für den neuen Schweiz-Teil der deutschen Wochenzeitung "Die Zeit" verantwortlich. "persoenlich.com" hat sich mit dem ehemaligen Kulturchef der "Weltwoche" über den Launch in der Alpenrepublik unterhalten. Zudem erzählt der Vollblutjournalist, was die heimischen Zeitungsmacher vom grossen Nachbarn lernen können und was er von den Schweizer Sonntagszeitungen hält. Teuwsen: "Durch die Jagd auf Schlagzeilen scheint der Blick für das Wesentliche etwas verloren gegangen zu sein". Das Interview:
"Unser Ziel sind nicht Nachrichtenprimeurs, sondern Ideenprimeurs"

Herr Teuwsen, Anfang Dezember wurde der Launch der Schweizer Ausgabe der "Die Zeit" mit einer Party gefeiert. Sind Sie immer noch in Festlaune?

Ist Arbeit nicht auch ein Grund zur Freude? Mir jedenfalls geht es gut. Etwas überrascht war ich von den gewaltigen Erwartungen der Branche an den Schweiz-Teil der "Die Zeit".

Hätten Sie den Start lieber gar nicht so gross angekündigt und gefeiert, um keine falschen Erwartungen zu schüren?

Wir haben gar nicht so grosse Ankündigungen gemacht. Das Fest fand ich sehr gelungen. Man konnte den Eindruck gewinnen, dass jeder Journalist aus der Deutschschweiz, der etwas zu sagen hat, anwesend war. Das hatte sicher mit der "Die Zeit", aber auch mit dem Zustand der Branche in der Schweiz zu tun. Die Leute, so schien mir, haben den Schweiz-Split als Lichtblick in einer schwierigen Zeit wahrgenommen.

Welche Feedbacks haben Sie aus der Branche bekommen?

Viele Journalisten schicken mir eine Blindbewerbung als Autor. Auch auf den Inhalt bekomme ich viele Reaktionen. Das zeigt mir, dass "Die Zeit" eine gute Marke ist und wir nicht soviel falsch machen. Am Anfang entsprach sicherlich noch nicht alles meinen Vorstellungen, die Vorlaufzeit war auch sehr kurz gewesen. Die letzten Ausgaben haben sich mit meinen Zielen aber immer mehr gedeckt.

Können Sie das an einem Beispiel erklären?

Wirklich gut finde ich die Europa-Debatte, die wir jetzt im Hinblick auf die Abstimmung über die Personenfreizügigkeit gestartet haben. Dabei verhandeln wir aber nicht über die Vorlage, sondern thematisieren die Beziehung zwischen der Schweiz und der EU auf einer übergeordneten Stufe: Gibt es Alternativen zu einem bilateralen Weg mit der EU? Bis jetzt haben Nationalrat Andreas Gross und Privatbankier Konrad Hummler kluge Vorschläge gemacht. In dieser Woche folgt Rudolf Strahm. Hervorragend fand ich auch die Texte von Lukas Bärfuss zur Bundesratswahl oder von Thomas Hürlimann zum Tod von Johannes Mario Simmel. So was kann man nur bei uns lesen.

Wie würden Sie die allgemeinen Ziele definieren, die Sie mit dem Schweiz-Teil der "Die Zeit“ haben?

Es soll eine Plattform für wirklichen Liberalismus sein. Ich möchte aus diesem Blickwinkel die Grundprobleme der Schweiz diskutieren -- mit den journalistischen Mitteln der Analyse, des Porträts, der Reportage. Wir können aufgrund der personellen Ressourcen sicher seltener Primeurs liefern. Wollen wir aber auch nicht. Ich bin kein Fan der Primeur-Kultur. Diese ist meiner Meinung nach gefährlich für den Zustand des Journalismus in der Schweiz. Durch die Jagd auf Schlagzeilen scheint mir der Blick für das Wesentliche etwas verloren gegangen zu sein.

Sie kritisieren die Schweizer Sonntagszeitungen?

Ein Slogan der "Die Zeit" lautet: "Nachrichten allein bedeuten gar nichts". Man muss Nachrichtengeschichten, aber auch Analysen und Hintergründe liefern, die grundsätzliche Fragen ansprechen. Die Primeurjagd führt dazu, dass man sich in Details verliert und Nebensächlichkeiten aufbauscht.

Widerspricht das nicht dem Zeitgeist? Die Gratiszeitungen oder die Online-Medien setzen immer mehr auf Kurzfutter – was mit einem Blick auf die Leserzahlen vom Publikum auch goutiert wird.

Wir setzen auf Nachhaltigkeit. Da müssen wir uns als Wochenzeitung von tagesaktuellen Medien unterscheiden. Aber gerade die Popularität des Kurzfutters ist auch eine Chance für uns. Wer nämlich eine vertiefende Lektüre zu den Geschehnissen will, erhält diese quasi komplementär von der "Die Zeit". Unser Ziel sind nicht vorwiegend Nachrichtenprimeurs, sondern Ideenprimeurs.

Sie haben gleich in der ersten Schweiz-Ausgabe in einem Artikel gegen die SVP gepoltert. Wäre das bei der "Weltwoche“ auch möglich gewesen?

Ich habe schon in der "Weltwoche" einen Blocher-kritischen Kommentar geschrieben.

Trotzdem sprachen Sie vom "wirklichen Liberalismus", den Sie bei der "Die Zeit" verfolgen. Stimmt es also doch, wenn immer wieder behauptet wird, dass die "Weltwoche" der SVP nahe steht?

Die politische Haltung der "Weltwoche" deckt sich oft mit der Haltung dieser Partei. Das hat aber vor allem damit zu tun, dass man versucht, gegenüber den anderen Medien eine gegenteilige Meinung zu vertreten. Und da bietet sich halt oft die Sichtweise der SVP an. Dass die "Weltwoche" eine SVP-Zeitschrift sein soll, ist aber zum Teil auch ein Cliché.

Wie unterscheidet sich die Arbeit bei der "Weltwoche" von derjenigen bei der "Die Zeit"?

Beim Schreiben gibt es keine Unterschiede. Bei der "Die Zeit" gibt es aber in der Redigatur, der Produktion und der Korrektur mehr Instanzen und somit mehr Qualitätskontrolle. Das leistet man sich.

Wie lautet ihr Fazit nach dem Erscheinen der ersten Schweiz-Ausgaben der "Die Zeit"?

Das Ziel von 10.000 Exemplaren wurde erreicht, teilweise sogar übertroffen. Und auch die Zahl der Abonnemente hat einen Sprung gemacht.

Wurden die Ziele aufgrund des Erfolgs nun höher gesteckt?

Nein. Zuerst einmal müssen wir die erfreuliche Zahl auch halten können.

Falls der Start nicht geglückt wäre, haben Sie aus Deutschland eine Garantie für eine Mindestlaufzeit des Schweiz-Splits?

Nein, eine solche Garantie gibt es nicht. Es wurde mir aber klar gesagt, dass es sich um ein längerfristiges Engagement und nicht einen Schnellschuss handelt. Da dürften auch die guten Erfahrungen, die man mit der Österreich-Ausgabe der "Die Zeit" macht, eine Rolle spielen.

Abschlussfrage: In der ersten Split-Ausgabe der "Die Zeit" wurde aufgezeigt, was die Deutschen von den Schweizern lernen können. Was können denn die Schweizer Zeitungsmacher von den Deutschen lernen?

Die Märkte sind eigentlich nicht vergleichbar. Aber kulturell kann man lernen. Die Deutschen debattieren oft in ihren Medien, manchmal vielleicht zu oft, aber es herrscht eine Lust an der Auseinandersetzung. Diese Lust pflegen die Schweizer sicher zu selten. Darum versuche ich bei uns, eine Debattenkultur einzuführen.

(Interview: Stefan Wyss)


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