03.03.2006

"Unsere Enthüllungen könnten der Bild-Zeitung nützen"

"Bild lügt", hiess die Kampfparole der Sechzigerjahre. Die deutsche Boulevardzeitung stand immer im Brennpunkt politischer Kontroversen, so auch bei der 68er-Revolte. In seinem Bestseller “Der Aufmacher” demaskierte Autor Günter Wallraff 1977 die fragwürdige Arbeitsweise der Bild-Zeitung. Doch ist dies alles Vergangenheit? Die Internetseite www.bildblog.de listet täglich die aktuellen Fehler der Boulevardzeitung auf. Ein sinnvolles Unterfangen oder mediale Hysterie?
"Unsere Enthüllungen könnten der Bild-Zeitung nützen"

Herr Niggemeier, Sie haben mit www.bildblog.de einen täglichen Internetdienst eingerichtet, der die aktuellen Fehler der Bild-Zeitung auflistet. Für viele Leser bedeutet die Lektüre der Bildzeitung ein tägliches Happening --- nicht zuletzt wegen deren Zuspitzungen. Vergällen Sie denen dadurch nicht den Spass?

Na, hoffentlich. Natürlich kann man sich über eine Schlagzeile wie 'Aus toten Katzen mache ich Benzin' amüsieren. Allerdings stecken dahinter ein echter Erfinder und eine echte Firma, nur dass beide weder mit Katzen noch mit Benzin etwas zu tun haben. Der Preis, den sie für die spassige Bild-Berichterstattung zahlen, ist die Bedrohung ihres Geschäftes. Ein echtes Happening war für Bild auch die Forderung eines Hamburger Politikers, Schulkinder, die auf dem Pausenhof nicht deutsch sprechen, sollten den Hof fegen müssen. Tagelang berichtete Bild über diesen angeblichen Vorschlag und die empörten Reaktionen darauf, andere Medien stiegen darauf ein -- wirklich spassig ist aber, dass der Politiker diese Forderung nie aufgestellt hat. Aber wir sind auch keine Spassbremsen. Wir wollen nur nicht auf Kosten unschuldiger Menschen oder der Wahrheit lachen -- sondern im Zweifelsfall über Bild.

Was war die Motivation, ein solches Portal zu gründen?

Zu unserer Arbeit als Medienjournalisten gehört es, täglich die Bild-Zeitung zu lesen. Häufig haben wir uns über ihre Berichterstattung geärgert: über die Fahrlässigkeiten, die bewussten Lügen, über die Bigotterie, kurz: darüber, dass Bild der Verantwortung, die sie als Zeitung mit vielen Millionen Lesern hat, nicht gerecht wird. In den klassischen Medien kann man natürlich nicht jede Geschichte, auf die man so stösst, aufbereiten -- die Leser der Medienseite einer Tageszeitung haben ja ein Recht, auch über andere Themen als die neuen Entgleisungen der Bild-Zeitung informiert zu werden. Die Form als Weblog erschien uns dagegen ideal, ganz aktuell und spezialisiert die alltäglichen 'kleinen Merkwürdigkeiten und das grosse Schlimme' festzuhalten. Auf diese Weise können wir die Falschmeldungen zeitnah korrigieren. Gleichzeitig entsteht eine Art Archiv über die Fehlleistungen von Bild. Wir liefern damit auch den ohnehin Bild-kritischen Lesern viele konkrete Argumente, warum ihre Vorbehalte berechtigt sind.

Welches waren bis anhin die krassesten Falschinformationen?

Im Zweifelsfall sind die krassesten Falschinformationen die gewesen, die wir überhaupt nicht entdeckt haben -- weil es keine andere Quelle und keine Möglichkeiten zur Nachrecherche gab.

Gehören Überspitzungen und Verdrehungen nicht zum Wesen einer Boulevardzeitung?

Verdrehungen ganz sicher nicht -- die journalistischen Grundregeln gelten ja auch für Boulevardzeitungen. Zuspitzungen und Verkürzungen gehören dagegen möglicherweise tatsächlich zum Wesen einer Boulevardzeitung, aber es gibt eine Grenze, ab der aus einer sehr pointiert formulierten Aussage eine schlichte Unwahrheit wird, an der eine Tatsache nicht mehr vereinfacht, sondern falsch dargestellt wird. Bild ist häufig weit über dieser Grenze. Chefredakteur Kai Diekmann spricht gerne von der 'inneren Wahrheit', die eine Geschichte haben muss. Er meint damit vermutlich, dass sie bei aller Zuspitzung und Grösse der Schlagzeile den Kern treffen muss. Leider scheint diese 'innere Wahrheit' für Bild eine sehr theoretische Idee zu sein, die im Alltag keine Rolle spielt. Eine Nachrichtenagentur hat uns mal ein 'boulevardkritisches Blog' genannt. Das trifft nicht zu. Wir haben kein Problem mit grossen Schlagzeilen, bunten Geschichten und unterhaltenden Darstellungsformen. Sie sollten allerdings keine Ausreden für das Verletzen von journalistischen Pflichten sein.

Bildblog.de wurde mittlerweile mit einigen Preisen ausgezeichnet, unter anderem dem renommierten Grimme-Preis. Wie reagiert der Axel-Springer-Verlag darauf?

Offiziell und öffentlich gar nicht. Der Pressesprecher der Bild-Zeitung hält nach eigener Aussage Bildblog nicht einmal für ein journalistisches Angebot.

Gab es bereits juristische Druckversuche gegen Sie?

Nein.

Günter Wallraff hat vor bald 30 Jahren seinen Bestseller 'Der Aufmacher' über die Arbeitsweise der Bild-Zeitung publiziert. Beim Lesen Ihrer Homepage hat man den Eindruck, dass sich seither nichts geändert hat.

Den Eindruck haben wir auch manchmal. Wir sind alle zu jung, um die Bild-Berichterstattung vor 30 Jahren wirklich miterlebt zu haben, deshalb können wir das nicht vergleichen. Aber viele Arbeitsweisen, die Wallraff beschreibt, scheinen sich nicht verändert zu haben. Und der Wille, die Leser möglichst wahrheitsgetreu und unbeeinflusst von fremden Interessen zu informieren, scheint uns nach wie vor nicht sehr ausgeprägt zu sein.

Ist der Stellenwert der Bild-Zeitung immer noch so gross wie zu Wallraffs Zeiten?

Schwer zu sagen, aber der Stellenwert ist zweifellos gross. Kai Diekmann nennt seine Zeitung 'DAS LEITMEDIUM' (in Grossbuchstaben), und die Einschätzung ist trotz sinkender Auflage nicht ganz abwegig. Die Bild-Zeitung schafft es immer noch, Themen zu setzen, Kampagnen zu fahren und erheblichen Druck zum Beispiel auf Politiker auszuüben. Ein eindrucksvolles Beispiel war im Sommer 2003 die wochenlange Berichterstattung über einen Mann, der in Miami lebte, aber Sozialhilfe aus Deutschland bezog. Bild nannte ihn 'Florida-Rolf' und erreichte es, die Politik zum Handeln zu bewegen: Das Kabinett beschloss, die entsprechenden Richtlinien zu verschärfen, obwohl sie nicht einmal 1000 Menschen betrafen.

Umgekehrt gefragt: Inwiefern schaden Ihre Enthüllungen der Bild-Zeitung?

Sie könnten ihr sogar nützen. Bei Bild.de werden Fehler, die wir aufdecken, inzwischen häufig in kürzester Zeit korrigiert. So gesehen tragen wir dazu bei, dass Bild.de besser wird. Und die Verantwortlichen bei Bild und an der Spitze des Axel-Springer-Konzerns könnten sich anhand unserer Einträge fragen, warum so viele Fehler geschehen und ob es nicht möglich wäre, so über Leute zu berichten, dass die nicht hinterher gleich den Anwalt einschalten oder überlegen, sich etwas anzutun. Eigentlich aber geht es uns nicht darum, Bild zu schaden oder zu nutzen, sondern über die Arbeitsweisen und Fehler der Bild-Zeitung aufzuklären.


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