10.05.2010

"Unsere Redaktion in Zürich bekommt selbstverständlich einen ordentlichen zusätzlichen Honoraretat"

Andere sparen angesichts der Krise, die deutsche Wochenzeitung "Die Zeit" jedoch baut aus. Vor eineinhalb Jahren startete sie mit einem zweiseitigen Schweizer Split, den sie diese Woche nun auf drei Seiten erweitert. Einen Teil ihrer Split-Erfolge geht zweifellos auf die neuzugezogenen Deutschen zurück. Aber nicht nur, meint "Zeit"-Geschäftsführer Rainer Esser im Gespräch mit "persoenlich.com". Der Schweizer Split habe seit seinem Bestehen eben immer wieder konsequent zu verschiedenen Themen Stellung bezogen. Zum Interview:
"Unsere Redaktion in Zürich bekommt selbstverständlich einen ordentlichen zusätzlichen Honoraretat"

"Die Zeit" hat nun seit bald eineinhalb Jahren einen zweiseitigen Schweizer Split. Welche Zwischenbilanz ziehen Sie?

Wir stehen schon heute da, wo wir geplant hatten, in ein paar Jahren zu stehen. Die Entwicklung unserer Schweizausgabe ist ausgezeichnet. Wir sind glücklich und dankbar über diese Entwicklung. Wir verkaufen heute von jeder Ausgabe über 10 000 Exemplare, von manchen Ausgaben sogar mehr. Am Kiosk konnten wir rund 50 Prozent hinzugewinnen, im Abonnement sogar noch ein wenig mehr. Wir sind sehr zuversichtlich, dass die Schweiz Ausgabe der "Zeit" auch weiterhin so gute Themen bringt, und wir weiter wachsen können.

Ist der Schweizer Split auch kommerziell ein Erfolg?

Auch der Anzeigenverkauf läuft gut. Die Schweizausgabe trägt sich deshalb voll.

Nun bauen Sie den Split ab dieser Woche von zwei auf drei Seiten aus. Weshalb und mit welchem Ziel?

Die Ausweitung auf drei Seiten ist nur eine von mehreren neuen Massnahmen: Es wird künftig viel häufiger eigene Titelseiten geben und wir bauen unsere Veranstaltungen in der Schweiz weiter aus. Damit wollen wir unseren Schweizer Lesern noch mehr interessante Themen und Begegnungen mit der "Zeit" und unseren Redakteuren bieten.

Trotz allgemeinem Inseraterückgang glauben Sie offenbar, dass auch drei Seiten finanzierbar sein werden? Weshalb? Und was kostet eine vierfarbige Anzeigenseite im Schweizer Split (brutto)?

Ab 1. Juni wird eine halbe 4c-Anzeigenseite 1600 Euro kosten. "Die Zeit" ist eine für Schweizer Unternehmen sehr interessante Plattform. "Zeit"-Leser sind Multiplikatoren, sie sind gebildet und einkommensstark: eine ideale Werbeplattform für hochwertige Markenartikel.

Hat der Ausbau auch eine personelle Verstärkung zur Folge?

Unsere Redaktion in Zürich bekommt selbstverständlich einen ordentlichen zusätzlichen Honoraretat.

Sie bauen auch Ihren Österreich-Split aus. Wo steht "Die Zeit" dort?

In Österreich gibt es die Regionalausgabe der "Zeit" seit 2005. Wir liegen dort momentan bei über 15 000 verkauften Exemplaren. Wie in der Schweiz haben wir auch in Österreich zwei Korrespondenten vor Ort. In Österreich regt "Die Zeit", wie auch in der Schweiz und in Deutschland, immer wieder gesellschaftliche Diskurse an. Sie ist eine feste Grösse in der österreichischen Medienlandschaft.

Wer ist eigentlich das Hauptzielpublikum des Schweizer Splits - doch wohl die gut 100 000 meist gutgebildeten Deutschen, die in den letzten sechs Jahren neu hierher gezogen sind?

Die zugezogenen Deutschen und alle deutschsprachigen Schweizer, die sich für die Gesellschaft engagieren und die Debatte lieben in der Politik, der Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur.

Dennoch: Schweizer Tageszeitungen - von der "NZZ" abgesehen - gelingt es offensichtlich kaum, Deutsche als Abonnenten zu gewinnen. "Die Zeit" scheint dies besser zu schaffen – wohl weil sie deutsch ist und mit dem Split auch noch die Schweiz erklärt?

"Die Zeit" besetzt in der Schweiz als liberale Wochenzeitung eine Nische, die seit der Kursänderung der Weltwoche nicht mehr ausgefüllt war. Wir bieten Meinungsvielfalt, viel Hintergrund, ausführliche Reportagen, Orientierung und Einordnung der Nachrichten in grössere Zusammenhänge. Wir wollen den Schweizer Lesern mit Sicherheit nicht die Schweiz "erklären". Auf den Regionalseiten behandelt "Die Zeit" vor allem Themen, die sich auf die Schweiz beziehen. Die Artikel der restlichen "Zeit" beschäftigen sich häufig mit gesellschaftlichen Phänomenen, die in vielen Ländern zu beobachten sind. Bestes Beispiel ist das aktuelle Thema des Dossiers, das moderne muslimische Frauen zeigt, die Kopftuch tragen.

Nichts gegen Peer Teuwsen - aber wäre es nicht besser gewesen, einen frisch in die Schweiz gezogenen Deutschen als Split-Verantwortlichen zu bestimmen statt jemanden, der schon lange in der Schweiz ist und eine starke Innensicht hat?

Das wäre ein grosser Fehler gewesen. Denn es war nie unser Ziel, nur die zugezogenen Deutschen zu erreichen. Die Schweizseiten sollen vor allem die Schweizer Leser erreichen und ihnen einen Mehrwert in der Auseinandersetzung mit ihrem eigenen Land bieten. Und das kann niemand besser als ein Schweizer Journalist, vor allem wenn es ein so exzellenter ist wie Peer Teuwsen.

Der Zeitpunkt Ihres Split-Ausbaus ist kaum zufällig gewählt: Ringier denkt bekanntlich über die Lancierung eines weltanschaulich ähnlich gelagerten Schweizer Nachrichtenmagazins nach. Jetzt markieren Sie frühzeitig Präsenz. Machen Sie sich wegen des Ringier-Projektes Sorgen?

"Die Zeit" hat keinen Grund, sich Sorgen zu machen. Wir haben eine hervorragende Redaktion und eine Mannschaft im Verlag, die sich sehr gut mit den Redakteuren versteht. Es besteht überhaupt kein Grund, bei der Ankündigung eines neuen Titels kalte Füsse zu bekommen.

Was hat der Schweizer Split der Zeit Ihrer Meinung nach in der Schweiz ausgelöst? Was konnte er zu den Diskussionen über EU, Isolation, Minarette, Bankgeheimnis, Krise, Deutsche in der Schweiz, Lybien, Freizügigkeitsabkommen... Wesentliches beitragen?

Wir haben seit Bestehen des Splits konsequent zu diesen Themen Stellung bezogen. So beleuchteten wir schon Anfang des vergangenen Jahres das zukünftige Verhältnis der Schweiz zur EU in einer Serie, mit pointierten Beiträgen von Konrad Hummer, Rudolf Strahm und Andreas Gross. Oder wir publizierten ein viel beachtetes Gespräch mit dem damaligen Bundespräsidenten Hans-Rudolf Merz, in dem er so klar wie nie zuvor Stellung bezog zu seinem politischen Wirken. Wir erhalten auch viele Leserreaktionen und werden oft in anderen Medien zitiert.

(Interview: Markus Knöpfli)


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