29.11.2020

Serie zum Coronavirus

«Viele Reiche wollen in die Liste hinein»

Die Bilanz hat die 300 Reichsten publiziert. Chefredaktor Dirk Schütz spricht in der Folge 141 unserer Serie über die Gewinner und Verlierer. Und er sagt, wie es um die Medienbranche steht.
Serie zum Coronavirus: «Viele Reiche wollen in die Liste hinein»
«Wenn die Gold-Bilanz fertig ist, ist das Echo jedes Mal wieder sehr gross», so Bilanz-Chefredaktor Dirk Schütz. (Bild: zVg.)
von Matthias Ackeret

Herr Schütz, hat es aufgrund der Pandemie viele Veränderungen bei den 300 Reichsten gegeben?
Die wichtigste Botschaft ist, dass die 300 Reichsten selbst in diesem Jahr wieder reicher geworden sind, zum zehnten Mal in Folge. Wenn uns das jemand nach der Börsenschmelze im März prophezeit hätte, hätten wir ihn als Kandidaten für die Hospitalisierung gehandelt.

Wer sind generell die Aufsteiger, wer die Absteiger?
Zugelegt haben dieses Jahr die Pharma- und Chemiefirmen: Der Roche-Clan um die Familien Hoffmann und Oeri um zwei Milliarden Franken oder die Blocher-Familie mit der starken Ems-Chemie um sogar vier Milliarden. Verlierer sind die Bierbrauer: Jorge Paolo Lehmann, wohnhaft in Jona und Grossaktionär beim weltgrössten Bierkonzern AB InBev, musste einen Rückgang von sieben Milliarden hinnehmen, bei Charlene Carvalho Heineken, die in St. Moritz wohnt, ist es eine Milliarde weniger. Der Bierkonsum ist eben weltweit um einen Drittel eingebrochen.

Gibt es eine Branche, die in diesem Jahr besonders zugelegt hat?
Der grösste Einzelgewinner ist der Romand Guillaume Poussaz – er ist von 1 Milliarde auf 4,5 Milliarden Franken hochgeschossen. Seine Firma Checkout.com erledigt für Onlinehändler die Zahlungsabwicklung. Das war in diesem Jahr natürlich besonders gefragt.

«Die Verlagshäuser haben in den letzten Jahren geschickt diversifiziert»

Wie sieht es bei der Kommunikations- und Medienbranche aus? Kann man damit noch reich werden?
Reicher ist dort dieses Jahr keiner geworden, aber zumindest hat auch keiner unserer Reichen aus diesem Bereich massiv Geld verloren. Die Verlagshäuser haben ja in den letzten Jahren geschickt diversifiziert, dadurch lassen sich die Rückgänge im klassischen Mediengeschäft etwas auffangen.

Man spricht immer davon, die Mittelschicht allmählich verschwinde. Haben Sie dies bei Ihren Recherchen auch festgestellt?
Im Vergleich zu anderen Ländern hat die Schweiz noch immer eine relativ ausgeglichene Vermögensverteilung. Das liegt auch an unserem progressiven Steuersystem: Ein Prozent der Bevölkerung zahlt ein Viertel der Einkommenssteuer. Aber Corona verschiebt auch hier etwas: Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit und Konkurse steigen, die Reichen werden aber noch reicher. Das liegt vor allem daran, dass sich die Börse fast schon von der Realwirtschaft abgekoppelt hat. Die Mittelschicht ist bei uns also noch deutlich robuster als in vielen anderen Ländern, aber sie leidet zunehmend.

Bekommen Sie jeweils viel Reaktionen auf Ihre Recherche?
Sehr viel läuft schon im Vorfeld: Viele Reiche wollen in die Liste hinein, einige wenige auch hinaus. Da ist es wichtig, dass wir unseren seit Jahren bewährten Standards treu bleiben – es ist ja bereits unsere 32. Gold-Bilanz. Und wenn die Ausgabe dann fertig ist, ist das Echo jedes Mal wieder sehr gross.

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Wie erleben Sie die ganze Coronazeit?

Journalistisch droht die Gefahr, dass alle nur noch vom Homeoffice aus voneinander abschreiben und die Originalität verloren geht. Wir bei Bilanz profitieren aber davon, dass wir uns über Jahr ein solides Netzwerk aufgebaut haben und für unsere Recherchen gezielt auf die entscheidenden Personen zugehen können. So haben wir auch für die aktuelle Ausgabe zwei sehr spannende Projekte realisieren können: Unsere «Frau des Monats» ist die Amag-Erbin Eva-Marie Bucher-Haefner, die sich erstmals für ein grosses Porträt zur Verfügung gestellt hat. Und das grosse Bilanz-Gespräch haben wir mit dem grössten Schweizer Spender geführt: dem Berner Multimilliardär Hansjörg Wyss, der in den USA lebt und dort als einziger Schweizer der «Giving Pledge» der Milliardäre Bill Gates und Warren Buffet beigetreten ist. Er hat bereits mehr als drei Milliarden Dollar für Umwelt- und Sozialprojekte gespendet. 40 bis 50 Millionen verteilt er auch jedes Jahr in der Schweiz.

Wie ist die Stimmungslage in der Schweizer Wirtschaft?
Natürlich je nach Branche unterschiedlich, es gibt ja neben den bekannten Krisenbranchen auch Corona-Gewinner wie etwa die Onlinehändler oder die Pharmaindustrie. Aber grundsätzlich ist der Tenor: Erstmal abwarten. Es ist nicht die Zeit für grosse strategische Weichenstellungen. Alle fahren auf Sicht.

«Natürlich hat die Digitalisierung massiv an Kraft gewonnen»

Was wird sich nach der Pandemie in der Wirtschaft verändern?
Ich bin immer skeptisch bei den grossen Prognosen, dass nach einem derartigen Schock alles anders wird. Alles, was wir vor der Krise getan haben, entsprach einem Bedürfnis, und das ist weiterhin da und wird auch wieder zurückkommen, wenn auch vielleicht in anderer Ausprägung. Natürlich hat die Digitalisierung massiv an Kraft gewonnen, aber sie war ja vorher auch schon stark. Und ja: Vor der Krise war vieles überhitzt. Vielleicht setzen viele Menschen ihre Prioritäten jetzt etwas grundlegender – das könnte ein Vorteil sein.

Machen Sie bei der Bilanz momentan Homeoffice?
Ja, der Grossteil des Teams arbeitet von zu Hause aus, das klappt mittlerweile sehr gut.

Wird dies langfristig so bleiben?
Ich hoffe nicht. Kreativität gedeiht bei ungeplanten und unstrukturierten Treffen häufig besser. Und dass wir auf unsere Reichsten-Bilanz mit sogar mehr Anzeigenseiten als im Vorjahr – ein grosses Dankeschön an unserer Vermarktungsteam – nicht zusammen anstossen können, ist hart.  

Was war für Sie das prägendste Erlebnis der letzten Monate?
Natürlich hat uns alle die Heftigkeit der zweiten Welle überrascht. Ich finde allerdings den Umgang des Bundesrats damit gerade im Vergleich zu anderen Ländern sehr gut: Unaufgeregt, nüchtern und pragmatisch, dabei stets auch die Belange der Wirtschaft im Visier. Hoffen wir, dass wir das den Winter durchhalten. 



Was bedeutet die Corona-Pandemie für die verschiedenen Akteure der Schweizer Medien- und Kommunikationsbranche? Bis auf Weiteres wird persoenlich.com regelmässig eine betroffene Person zu Wort kommen lassen. Die ganze Serie finden Sie hier.

 



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