07.03.2010

"Wenn der K-Tipp in der Schweiz eine Macht wäre, stände es nicht so schlecht um die Schweizer Konsumentenrechte"

René Schuhmacher, Herausgeber des K-Tipp, einer der lesestärksten Zeitschriften der Schweiz, befindet sich seit Jahren auf Erfolgskurs; nur weiss es fast niemand. Im Verband der Schweizer Presse ist er nicht einmal Mitglied. Dabei hat er die "Rentenklau"-Initiative praktisch im Alleingang durchgedrückt. "persoenlich" sprach mit dem unbekannten Mediengiganten, der sich sich weniger als Verleger, sondern eher als Publizist und Anwalt sieht. Das Interview:
"Wenn der K-Tipp in der Schweiz eine Macht wäre, stände es nicht so schlecht um die Schweizer Konsumentenrechte"

René Schuhmacher, Sie besitzen kein eigenes Handy. Ist das nicht ein bisschen Koketterie?

Ich bin im Besitz eines Handys, benutze dieses jedoch nur in den Ferien oder auf Geschäftsreisen im Ausland. Wenn ich den ganzen Tag im Büro bin, bevorzuge ich das Festnetz. Es funktioniert auch, ohne dass ich immer daran denken muss, einen Akku zu laden.

Trotzdem ist es eher ungewöhnlich, dass ein Verleger nicht mit modernen Kommunikationsmitteln arbeitet.

Ich telefoniere nicht gerne im Tram, Zug oder Restaurant. Ich kann auch den direkten Nutzen daran nicht erkennen.

Diese Denkweise passt ein Stück weit zu Ihrem Image. Sie gehören zu den wenig bekannten Schweizer Erfolgsverlegern. Zelebrieren Sie dies bewusst?

Nein. Ich lebe gerne wie ein ganz normaler Mensch und möchte auch so behandelt werden. Ich verspüre nicht das Bedürfnis, mich in den Mittelpunkt zu drängen. Auch beruflich ist das nicht nötig: Die Leserinnen und Leser interessieren sich für den Inhalt unserer Zeitschriften. Die Personen dahinter sind für sie unwesentlich.

Das sagen doch alle, oder?

Wenn alle derselben Meinung sind, ist möglicherweise ein Körnchen Wahrheit dran.

Wenn man Ihren Verlag betrachtet, fällt auf, dass Sie gleich viele Leser erreichen wie der Ringier-Verlag, also schätzungsweise 2 Millionen.

Ich weiss nicht, wie hoch die Leserzahl bei Ringier ist, aber Fakt ist, dass wir mit dem KTipp über eine Million Leser erreichen. Zudem bewegen sich noch weitere Zeitschriften wie Gesundheitstipp, Saldo oder Bon à Savoir in der Grössenordnung von einer halben Million Leser. Es gibt aber Überschneidungen, deshalb kann ich nicht sagen, ob wir tatsächlich die 2-Millionen-Grenze erreichen.

Trotzdem befinden Sie sich in einer gewissen Machtposition, vor allem, was den K-Tipp angeht.

Wenn der K-Tipp in der Schweiz eine Macht wäre, stände es nicht so schlecht um die Schweizer Konsumentenrechte. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern konnten hier in den letzten zwei Jahrzehnten nur wenige konsumentenpolitische Anliegen durchgesetzt werden. Die Schweiz verfügt beispielsweise nicht einmal über ein Gesetz zur Regelung der Allgemeinen Geschäftsbedingungen. Das Gesetz über den unlauteren Wettbewerb ist schwach. Die Lebensmittelpreise sind hoch, die Schweizer Handytarife sind die teuersten in Europa, das Gleiche gilt weitgehend auch für Versicherungen und Bankdienstleistungen. Der K-Tipp kann in dieser Situation nicht mehr tun, als Preise zu vergleichen und die Produktqualität zu testen, damit die Leser in der Lage sind, sich auf dem Markt sinnvoll zu verhalten.

Haben Sie nie das Bedürfnis verspürt, einen Schritt weiter zu gehen? Ich denke beispielsweise an den politisch aktiven Verbraucherschutzanwalt Ralph Nader in Amerika, der in den letzten Jahren unter anderem den Software-Riesen Microsoft bekämpft hat.

Da fehlt es uns etwas an den finanziellen Mitteln … Politisch aktiv sind in der Schweiz vor allem die Konsumentenschutzorganisationen wie die Stiftung für Konsumentenschutz und das Konsumentenforum. Das Problem: Bei der Bevölkerung beliebte Politikerinnen wie etwa Alt-Ständerätin Monika Weber oder Ständerätin Simonetta Sommaruga sind im Parlament nicht mehrheitsfähig.

Sie haben im Fall der Rentenkürzungsinitiative selbst eine aktive Rolle übernommen.

Das stimmt. Der K-Tipp hat das Referendum beschlossen, weil die Leser von uns verlangten, "nicht mehr nur immer zu schreiben, sondern etwas zu tun". Das Thema Pensionskassen haben wir in den letzten 19 Jahren stetig verfolgt, und unter anderem den ersten Pensionskassenratgeber herausgegeben. Obwohl es sich um ein abstraktes Thema handelt, wurde daraus ein Bestseller. Innerhalb von 17 Jahren haben wir rund 120 000 Exemplare davon verkauft. Der Vergleich der Prämien und Leistungen von Versicherungen gehört zu unserm Kerngeschäft, deshalb untersuchen wir auch das Preis-Leistungs- Verhältnis der Sozialversicherungen.

Sie sind also der Meinung, dass der Rentenbezüger das letzte Wort haben sollte?

Ja, denn bei der Zweiten Säule hat der Angestellte, der obligatorisch versichert ist, sonst nichts zu sagen. Er hat zu bezahlen, und zwar jeden Monat. Wie viel er als Gegenwert für seine Lohnabzüge erhält, bestimmt die Politik. Der Bundesrat definiert die Höhe der Verzinsung der Einlagen, das Parlament die Höhe der Rente. Immerhin gibt es die Möglichkeit des Referendums. Wir sind der Meinung, dass die Leute selber entscheiden sollen, ob sie sich die Renten kürzen lassen wollen oder nicht. Mathematisch gibt es heute dazu keinen Grund. Angesichts der aktuellen Sterbetafeln und der Durchschnittsrendite auf den Anlagen sind die Renten mit dem bereits einmal reduzierten Umwandlungsatz gesichert. Und das Geschäft mit der Zweiten Säule ist immer noch sehr lukrativ. Das beweisen die rund 2500 Pensionskassen, die sich zurzeit um den Kuchen streiten. Das Thema Renten ist für die K-Tipp-Leser relevant. Das zeigen die 75 000 Unterschriften, die wir zurückerhalten haben.

Das ist Ihnen mit einer einzigen Beilage im K-Tipp gelungen?

Wir haben den Umwandlungssatz im K-Tipp thematisiert und einen Unterschriftenbogen dazu publiziert. Das Gleiche in der Romandie in Bon à Savoir. Die Leser haben offenbar realisiert, dass es um ihr eigenes Geld geht, und so viele Unterschriften zurückgeschickt.

Ist ein solches Thema mit einem kommerziellen Antrieb verbunden, oder steckt ein politisches Bedu¨rfnis dahinter?

Beruflich arbeite ich als Anwalt und verstehe mich als Problemlöser. Das hat sich in meinem Berufsleben so ergeben. Nach meinem Jurastudium war ich als Rechtsberater bei der Tat und beim Tages-Anzeiger tätig. 1983 eröffnete ich gemeinsam mit dem heutigen Datenschützer Hanspeter Thür ein Advokaturbüro und verfasste weiterhin Beratungsartikel und Bücher.

Verstehen Sie sich als Verleger oder Jurist?

Ich verstehe mich weniger als Verleger, sondern eher als Publizist und Anwalt. Bisher ist es mir im Leben leider noch nicht gelungen, mich für eines dieser Gebiete zu entscheiden. Das reduziert die Freizeit. Die Tätigkeit eines Verlegers habe ich übernommen, weil unsere Art von Literatur vor allem dann Sinn macht, wenn man sie vervielfältigt.

Wie ist die Idee hierfür entstanden?

Die erste Zeitschrift war 1983 das juristische Fachmagazin Plädoyer. Als Anwalt habe ich, wie gesagt, aber auch häufig Beratungsartikel geschrieben und dabei die "Kassensturz"-Redaktion beraten. Aus dieser Tätigkeit heraus ist schliesslich die Idee für den K-Tipp entstanden. Damals konnten die TV-Zuschauer beim Schweizer Fernsehen Merkblätter bestellen. Das war kompliziert und mit hohem administrativen Aufwand verbunden. Insofern lag die Idee von abonnierbaren Merkblättern nahe.

Wie haben Sie das Geld für den Verlag aufgebracht?

Ich hatte überhaupt kein Geld (lacht). Die ersten vier Nummern des K-Tipp sind in der Freizeit entstanden, ohne Angestellte, ein Teil der "Kassensturz"-Mitarbeiter schrieb im Zeilenhonorar. Schon bald wurde klar, dass sich die Leser für Konsumthemen interessieren. Nach vier Nummern stellten wir für den administrativen Bereich eine Teilzeit- Mitarbeiterin an, nach zehn Monaten den ersten vollamtlichen Journalisten. Ernst Meierhofer leitet heute noch zusammen mit Thomas Vonarburg die K-Tipp-Redaktion.

Ihr Einstieg wurde Ihnen erleichtert, da Sie auf die Zusammenarbeit mit dem Schweizer Fernsehen zählen konnten.

Das Schweizer Fernsehen stellte damals folgende Bedingung: Eine Ausgabe des KTipp darf nicht mehr als einen Franken kosten. Grund: Die Zuschauer, welche sich für Merkblätter interessierten, mussten damals einen Brief an die TV-Redaktion schicken, mit 50 Rappen frankieren sowie einen mit 50 1/2 Inserat Real Clean Anzeige Rappen vorfrankierten Antwortbrief beilegen. So kam der Abopreis zustande: 20 Franken für 20 Nummern jährlich.

Die Schweizer Wissens- und Beratungszeitschrift Der Beobachter hat sich damals wohl kaum über die Konkurrenz gefreut.

Der K-Tipp war damals ein besseres "Pfadiheft", keine hoch professionelle Zeitschrift. Dazu fehlten uns die Mittel. Inserate wurden nicht angenommen. Das führte dazu, dass sich die Branche nicht für uns interessierte. Das änderte sich jedoch schlagartig, als es darum ging, Tests zu publizieren wie in Deutschland die Stiftung Warentest und in Österreich die Zeitschrift Konsument. Allerdings konnten wir die teuren Labortests nicht mit dem tiefen Abobetrag finanzieren. Deshalb entschieden wir uns, die Tests mit Inserateneinnahmen zu bezahlen. Das ist heute noch so. Wir sind heute noch die Einzigen, die in der Schweiz Warentests durchführen.

Wann wurde aus dem "Pfadiheft" ein kommerzieller Verlag?

Von einem kommerziellen Verlag im herkömmlichen Sinne kann man nach wie vor nicht sprechen. Die Konsumenteninfo AG, welche den K-Tipp herausgibt, ist nicht gewinnorientiert. Allfällige Ertragsu¨berschu¨sse werden wieder investiert. Dieses System kennt man von Genossenschaften her, etwa von Migros und Coop.

Ob kommerziell oder nicht: Ihr Unternehmen ist in den letzten Jahren stetig gewachsen.

Der Erfolg hat uns befügelt. 1994 erschien der erste Puls-Tipp – eine Anregung des Redaktionsleiters der Sendung "Puls" des Schweizer Fernsehens. 1996 trat das Radio DRS an mich heran mit dem Vorschlag eines Radioprogrammheftes. Daraus wurde das Radiomagazin. Drei Jahre später entstand die Zeitschrift Saldo, allerdings höchst ungeplant.

Wie kam es dazu?

Die ehemaligen "Kassensturz"-Redaktionsmitglieder Hans Räz und Urs P. Gasche hatten 1996 einen Drittel der Verlagsaktien u¨bernommen. Differenzen ergaben sich zwei Jahre später, als die beiden die Zusammenarbeit mit dem Privatsender TV3 suchten, während ich die Kooperation mit dem Schweizer Fernsehen fortsetzen wollte. Plötzlich war ich in der Minderheit, ich wurde aus meinem eigenen Verlag hinausgeworfen. So blieb mir halt nichts anderes u¨brig, als mit dem Grossteil der damaligen K-Tipp-Redaktion Saldo zu gründen.

Also haben Hans Räz und Urs P. Gasche den K-Tipp weiter herausgebracht?

Ja, im Jahr 2001 habe ich dann deren Aktien wieder zurückgekauft. Heute bin ich Mehrheitsaktionär. Weitere Aktionäre sind Hans-Ulrich Stauffer, Anwalt, Pensionskassenspezialist und Autor unseres Zweite- Säule-Beststellers, sowie Matteo Cheda, der im Tessin Konsumentenzeitschriften herausgibt. Beide sitzen auch im Verwaltungsrat.

(Interview: Matthias Ackeret)

Das vollständige Interview lesen Sie in der März-Ausgabe von "persoenlich".


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