17.05.2005

Harald Schmidt

"Wer Kritik übt, fliegt raus."

Harald Schmidt feierte Ende 2004 mit der gleichnamigen Show auf dem Sender ARD eine triumphale Rückkehr. Nun spricht er über seine Kritikfähigkeit, seine Sympathie für Schweizer Topmanager in Deutschland und erklärt, warum es in der Schweiz keine Late-Night-Show gibt. "persoenlich.com" bringt einen Ausschnitt aus dem Interview mit dem Migros-Magazin.
Harald Schmidt: "Wer Kritik übt, fliegt
raus."

Harald Schmidt, das Feuilleton hat Sie zu Sat1-Zeiten in den Himmel gelobt. Jetzt ist es eher ruhig um Sie geworden.

Ich fühle mich sehr wohl, wenn man mich lobt. Der Spass an der jetzigen Arbeit für die ARD besteht darin, die Ekstase der Kritiker zurückzuerarbeiten. Ich bin länger beim Fernsehen, als Helmut Kohl Kanzler war. Dabei durchlaufe ich ähnliche Wandlungen -- auch die Phasen, in der Kritik absolut unerwünscht ist.

Helmut Kohl war am Ende seiner Amtszeit absolut kritikunfähig.

Das ist bei mir gleich. Ich muss immer lachen, wenn Kritiker behaupten: 'Der Schmidt wird nur von Jasagern umgeben.' Das ist doch selbstverständlich!

Tatsächlich?

Man wird ja älter. Wer Kritik übt, fliegt raus. Kritik fordere ich höchstens mal aus einer Laune heraus ein.

Sie bekommen geschätzte 9 Millionen Euro Jahresgehalt. Da muss die Show 'Harald Schmidt' Ihnen ja Spass machen.

Ohne dass ich diese Zahl kommentiere, halte ich mich an Ludwig Erhard, an das Prinzip von Angebot und Nachfrage. Ich sage: Ich will 20 Millionen Schweizer Franken pro Tag. Der Sender sagt: Das ist uns zu wenig, du bist uns 25 Millionen wert. Schon ist man sich einig!

Sie bewegen sich in ähnlichen Lohngefilden wie der Schweizer Josef Ackermann, der als Chef der Deutschen Bank 10 Millionen Euro verdient.

(Laut) Joe! Der Joe! Der kommt aus Mels schräg gegenüber von Sargans. Wenn ich an den Joe denke, kommt mir immer die Migros in den Sinn. (Als Kind hat Schmidt Familienurlaube in Sargans verbracht, wobei in der Migros in Mels gegessen worden sei.)

Ackermann gibt Milliardengewinne bekannt und entlässt gleichzeitig 6400 Mitarbeiter. Ist das normal für Sie?

Der Joe hat ein Kommunikationsproblem. Ansonsten zieht er die Sache souverän durch. So wie alle Schweizer Topmanager. Sind das nicht alles Bergbauernsöhne, die sich im Abendgymnasium weitergebildet haben, nach New York gingen und sich dort zum Master of the Universe hochgearbeitet haben?

Ein anderer berühmter Schweizer ist Roger Schawinski.

Ein sehr sympathischer Typ.

Aber als er Chef von Sat1 wurde, haben Sie gekündigt.

Das war Zufall. Ich brauchte nach acht Jahren 'Harald Schmidt Show' ein Pause. Wissen Sie, wenn ein Schweizer in Deutschland die Karriereleiter hochklettert, finde ich das aus Prinzip gut. Es gibt keine unsympathischen Schweizer (Pause). In der Schweiz ist Schawinski nicht unumstritten, oder? Aber er ist sicher ein cleverer Geschäftsmann. Seit er Chef ist, läufts rund bei Sat1. 'Verliebt in Berlin' und 'Schillerstrasse' sind Strassenfeger.

Warum haben wir in der Schweiz keine Late-Night-Show?

Das Land ist zu klein. Ich glaube nicht, dass die Schweizer jeden Tag Witze über das eigene Land hören wollen. Letztlich haben sich die Schweizer doch zu lieb.

Sind die Schweizer nicht kritikfähig?

Was wollen Sie denn kritisieren? Die Late-Night-Show ist ursprünglich ein amerikanisches Format für Städte wie New York oder Los Angeles. Dort regnet es Prominente vom Himmel. In der Schweiz gibts höchstens zehn Prominente, und von diesen zehn sind drei unantastbar: Bernhard Russi, Pirmin Zurbriggen, Kurt Felix. Mit diesem Material wollen Sie eine Late-Night-Show machen?

SF DRS hat keine nationale Konkurrenz. Müssten sich die privaten Regionalsender nicht zusammenschliessen?

Was sollen die senden, was die Schweizer nicht schon mit den deutschen Privatsendern empfangen können? 'Verliebt auf der Alm' oder 'Alpöhi und seine Mätressen'?

Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

Ich mache Migros-TV, vom Frühstück bis zum Gutenachtkuss. Gesendet wird aus den Filialen und im Sommer aus dem Tessin und Engadin. Höhepunkt ist die Moderation der 1.-August-Feiern mit einem 30-stündigen Umzug und brennenden Schweizer Kreuzen auf der Alp.


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