Weniger Aufmerksamkeit für Facebook oder Twitter: Bei den Jugendlichen ist Snapchat der Social-Media-Star. 59 Prozent der Schweizer zwischen 14 und 19 Jahren nutzen die App laut dem Media Use Index 2015. Was bedeutet diese Entwicklung für die Verlagshäuser, die ihre Inhalte immer stärker über die sozialen Medien unter die Leute bringen? Welches Potenzial verbirgt sich für den Journalismus in der Anwendung?
Laut dem deutschen Journalisten und Blogger Richard Gutjahr ist das Potenzial enorm. Seiner Meinung nach erlebt die Branche in Bezug auf Snapchat gerade einen «Twitter-Moment», schreibt er in einem Blog-Beitrag. Und der Kurznachrichtendienst sei heute aus dem Journalismus kaum noch wegzudenken.
Tagi und NZZ fokussieren auf Facebook und Twitter
Ganz so weit gehen die Digitalchefs von Tagi und NZZ nicht. «Twitter wurde bereits in seinen Anfangszeiten sehr stark von Opinion Leadern und Journalisten genutzt», sagt Anita Zielina, Chefredaktorin Neue Produkte bei der NZZ. Snapchat hingegen sei – momentan – noch stark «Nicht-Fachmedium». Trotzdem sei es für jedes Medienunternehmen wichtig, sich damit auseinanderzusetzen, fügt sie an.
Beim «Tages-Anzeiger» fokussiert man sich zurzeit klar auf das Bespielen von Facebook und Twitter. «Der Link von Snapchat zu journalistischen Inhalten ist zurzeit kaum vorhanden», sagt der Leiter Digital, Michael Marti. Im deutschsprachigen Raum sei Snapchat als News-Lieferant irrelevant, dies trotz des Discover-Tools.

Bei Discover präsentieren offizielle Partner wie zum Beispiel CNN, «Vice» oder «National Geographic» täglich neue professionell aufbereitete Inhalte auf Snapchat (siehe Bild oben). Nach 24 Stunden werden sie von selbst gelöscht. Bisher beschränkt sich die App für Discover auf Medienpartner aus den USA. Die restlichen Medienhäusern können ein Konto eröffnen und ihre Inhalte über die Storys-Funktion verbreiten - wie jeder normale Nutzer übrigens auch. Auch hier verschwinden die Beiträge nach einem Tag wieder.
Backstage-Informationen bei «Joiz» und «20 Minuten Tilllate»
Unter den Schweizer Medien bewirtschaften der «Blick» (blickamabend und blicksport), «20 Minuten Tilllate» (teamtilllate) und «Joiz» (joiztv) einen solchen Snapchat-Account.
«Snapchat ist ein visuell starkes Medium und passt deshalb gut zu unseren Vorstellungen von modernem Storytelling», sagt Florian Scholl, Head of Social Media bei der «Blick»-Gruppe. Er bezeichnet Snapchat als eines von vielen «Experimentierfeldern». Die Form und Frequenz der Beiträge würden stark variieren.

«20 Minuten Tilllate» präsentiert sich seit drei Monaten auf der Anwendung, betreut wird der Kanal von einer Person. «Wir zeigen insbesondere Live-Momente aus der Redaktion sowie Teaser auf Stories und Interviews», sagt Redaktionsleiter Robin Brühlmann. Auch «Joiz» beliefert das Publikum auf Snapchat mit Backstage-Informationen. «Wir ermöglichen unseren Zuschauern einen Blick hinter die Kulissen und geben ihnen so einen persönlicheren Zugang als auf anderen Kanälen», sagt CEO Alexander Mazzara.
Das Social-TV für Jugendliche sammelt bereits seit dem letzten Sommer Erfahrungen mit der App. «Snapchat holt die Nutzer sehr direkt und schnell ab. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass sich der Dienst sehr vielseitig einsetzen lässt», sagt Mazzara dazu. Bei «Joiz» bestücken vier Personen von der Social-Media-Redaktion den Kanal tagsüber mit mehreren Beiträgen und speziell bei Grossevents.

«Watson» und SRF in der Testphase
Bei SRF hat man mit dem Unterhaltungsformat «Die grössten Schweizer Talente» erste positive Erfahrungen auf Snapchat gesammelt, wie Martin Oswald, Leiter Content SRF Online, sagt. Ein ausgesprochen junges Publikum habe grossen Gefallen gefunden an der persönlichen Ansprache des Snapchat-Moderators, der Nähe zur DGST-Jury und dem Einblick hinter die Kulissen einer Fernsehshow. Nun werden am Leutschenbach weitere Einsatzmöglichkeiten zur Begleitung des Programms gesucht.
Noch nicht zu den öffentlichen Snapchattern gehört überraschenderweise «Watson». Die Plattform, die bei Digitalthemen sonst an vorderster Front mitspielt, testet den Dienst erst mit ungebrandeten Accounts von Mitarbeitern und besitzt einen inaktiven offiziellen Zugang. «Wir lernen die Plattform kennen und üben Contenterstelllung sowie Kommunikation mit Nutzern», erklärt Steven Goodman, Leiter Strategie und Marketing bei «Watson».
Auch wenn die eingangs genannten Tageszeitungen «Neue Zürcher Zeitung» und «Tages-Anzeiger» zurzeit auf das Bespielen von Snapchat-Storys verzichtet, wollen die Digitalchefs die Tür nicht ganz zuschlagen. «Es ist für die NZZ durchaus ein Thema bei Snapchat ein Experiment zu starten», sagt Zielina. Und beim Tagi will man die Content-Distribution mit zusätzlichen Personalressourcen intensivieren – «gut möglich», so Marti, «dass dereinst auch Snapchat bespielt wird.
Bild: Keystone, Screenshots

