27.06.2005

"Wieviel Autonomie gewährt man Ihnen beim Blick, Nico?"

Viele Branchenkenner sind überzeugt: Die Anstellung Nicos bei Ringier kann nicht von Dauer sein. Doch einen Monat nach seinem Wechsel vom Tages-Anzeiger zum Blick, zeigt sich der Star-Karikaturist äusserst zufrieden mit seinem neuen Arbeitgeber. Die Stimmung auf der Blick-Redaktion sei lockerer als beim Tages-Anzeiger und man lasse ihm alle Freiheit, die er für seine kreative Arbeit brauche, sagt er gegenüber "persoenlich.com". Das Interview:
"Wieviel Autonomie gewährt man Ihnen beim Blick, Nico?"

Nico, wie geht es Ihnen beim Blick?

Ich wurde von meinen neuen Kolleginnen und Kollegen sehr nett empfangen. Die Arbeit in dieser kleinen und sehr effizient arbeitenden Redaktion gestaltet sich etwas anders als beim Tages-Anzeiger. Neu für mich ist, dass ich in einem Grossraumbüro arbeiten muss. Daran muss ich mich erst noch gewöhnen.

Sie arbeiteten 37 Jahre für den Tages-Anzeiger. Ist es da nicht schwierig, plötzlich kein eingespieltes Team mehr hinter sich zu wissen?

Die Abläufe funktionierten hier beim Blick vom ersten Moment an. Da ich verschiedene Aufträge vom Blick und Sonntagsblick erhalte, bin ich auf eine Bezugsperson angewiesen, welche die Koordination übernimmt. Das klappt heute schon sehr gut.

Beim Tages-Anzeiger genossen Sie viele Freiheiten. Wieviel Autonomie gewährt man Ihnen heute beim Blick?

Ich geniesse genauso viel Freiraum wie beim Tages-Anzeiger. Und was heisst schon Freiheit? Zwänge gibt es doch überall. Als Kreativer brauche ich den Freiraum am Morgen für den Input. Am Abend dann wird hart gearbeitet. Zwischen 18 Uhr bis 22 Uhr erlebe ich immer sehr intensive Stunden. Das war beim Tages-Anzeiger nicht anders als beim Blick.

Peter Hartmeier soll Ihnen untersagt haben, den kranken Papst zu zeichnen. Werner de Schepper wird Ihnen hinsichtlich des katholischen Kirchenoberhaupts noch strengere Auflagen machen...

Nein gar nicht. De Schepper gibt mir alle Freiheiten. Den früheren Papst habe ich in den Monaten vor seinem Tod im Übrigen aus eigenen Stücken nicht mehr gezeichnet. Er war ein alter kranker Mann, der im Sterben lag. Auch wenn Johannes Paul IV. der oberste Repräsentant kirchlichen Macht war -- Was sollte ich da noch zeichnen?

Der Presserat hat vor kurzem eine Beschwerde zu Ihrer Grill-Karikatur mit Blocher und Maurer abgelehnt. Das wird Sie in Ihrer Arbeit bestätigten. Dennoch die Frage: Wie weit können Sie mit Ihren Zeichnungen gehen? Wo liegen die Grenzen?

Eine Rüge erhalte ich, wenn ich etwas falsch darstelle und den Kern einer Geschichte verdrehe. Nur: Die Publikation einer misslungenen Zeichnung verhindern in aller Regel meine Kolleginnen und Kollegen auf der Redaktion. Es kommt vor, dass sie eine Karikatur nicht lustig finden oder sie nicht verstehen. Dann weiss ich, dass etwas mit der Zeichnung nicht stimmt. In meiner 37-Jährigen Karriere passierte mir das schätzungsweise jedes Jahr ein Mal.

Wo sehen Sie Unterschiede zwischen dem Betriebsklima des Tages-Anzeiger und des Blicks?

Die Stimmung auf der Blick-Redaktion ist viel lockerer. Der ganze Spardruck spürt man hier viel weniger als an der Werdstrasse. Genau dies werfe ich der Tamedia-Unternehmensführung vor: Für einen externen Berater werden Tausende Franken ausgegeben, die dann beim Budget der Sekretärin abgezogen werden.

Sie wurden auf zwei ganzen Zeitungsseiten von der Tamedia verabschiedet. Lässt Sie diese grosszügige Geste Ihren Ärger über Tamedia vergessen?

Es gibt keine Spannungen zwischen mir und der Tages-Anzeiger-Redaktion. Meine Unzufriedenheit richtete sich ja auch nicht auf Peter Hartmeier, sondern vielmehr auf die Unternehmensführung. Da wird ein Konzern kaputtgespart. 450 Personen wurden entlassen, diese gesamte Lohnsumme entspricht nun dem Reingewinn der Tamedia. Dies finde ich auch aus heutiger Sicht nicht in Ordnung.


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