12.08.2009

"Wir haben unsere Hausaufgaben erkannt"

Für die Verleger scheint die Publicitas immer weniger attraktiv zu werden. Nach der Edipresse nimmt nun auch die AZ Medien Gruppe die Anzeigenvermarktung selbst in die Hand. Im Interview mit "persoenlich.com" sagt Publicitas-CEO Robert Schmidli, was der Eigenregieplan der AZ Medien Gruppe für die P bedeutet. Schmidli: "Wir werden im Mittelland ein starker Vermarkter bleiben. Der Entscheid der AZ zwingt uns aber, die Strukturen zu redimensionieren und Stellen abzubauen." Das Interview:

Herr Schmidli, nach Edipresse steigt nun auch die AZ Medien aus dem Regievertrag aus. Was waren die Gründe für den Ausstieg?

Die AZ will wohl aus grundsätzlichen Überlegungen ihre Titel wieder selbst vermarkten. Das kann sie gemäss Verträgen für mehrere Titel ab 1.1.2010, der Vertrag für die "Aargauer Zeitung" läuft aber noch bis Ende 2012. Der Entscheid dazu ist vermutlich schon länger gefallen. Wir finden das bedauerlich, zumal wir für das Ensemble der Titel in dieser schwierigen Zeit eine sehr gute Performance bringen.

Was bedeutet der Ausstieg für Publicitas?

Wir werden im Mittelland ein starker Vermarkter bleiben. Der Entscheid der AZ zwingt uns aber, die Strukturen zu redimensionieren und Stellen abzubauen. Es ist uns ein grosses Anliegen für unsere Mitarbeitenden im Mittelland mit der AZ gemeinsam gute und zukunftsträchtige Lösungen zu finden.

Die Frage drängt sich auf: Wie gut kommt die Publicitas mit der neuen Strategie zu recht?

Die neue Strategie ist ein sehr umfassendes und langfristig ausgerichtetes Vorhaben und ist in der Detailumsetzung. Wir werden mit der AZ - wie mit vielen anderen Verlagen auch - bis Sommer 2010 neue Modelle verhandeln und dann auf einer neuen Basis zusammenarbeiten.

Haben die Verleger kein Vertrauen in die Publicitas?

Ich meine nicht, dass das einfach mit mangelndem Vertrauen zu tun hat. Der gesamte Markt verändert sich fundamental. Dass da einige Verleger unsicher werden und langjährige Zusammenarbeiten in Frage stellen ist - so weit sie die Verträge respektieren - normal und zu respektieren. Auch wir machen uns heute Gedanken, die sich unsere Vorgänger nicht machten.

Hans-Peter Rohner verglich die Neuerung der Publicitas mit einem Menu à la carte, aus dem sich die Verleger das gewünschte Angebot aussuchen können. Warum sind die Verleger nicht zufrieden?

Ich habe keinen Verleger getroffen, der mir sagte, das neue Modell gefalle ihm nicht. Im Gegenteil: Das Interesse ist gross und das Echo grundsätzlich positiv. Wie erwähnt, arbeiten wir mit Hochdruck an den Details. Die Arbeiten dazu sind seit längerem im Gang und wir liegen im Plan. Mit mehreren Verlagen haben wir deshalb auslaufende Regieverträge, um ein oder zwei Jahre verlängert, um nachhaltig gute Zusammenarbeitsformen zu finden. Und auch Peter Wanner schreibt in seiner Erklärung, dass er mit uns auf Basis des neuen Geschäftsmodells eine neue Lösung sucht.

Erwarten Sie in nächster Zeit weitere Ausstiege?

Fluktuation gehört zum Geschäft, denn wir haben ein umfangreiches Vertragsportfolio. Darunter sind rentable, wenig rentable und auch Verlust bringende Kooperationen. Neben Abgängen wie Edipresse oder AZ haben wir auch neue Verträge wie die beiden Tessiner Verlagshäuser oder neue Abschlüsse in der Westschweiz vermeldet, aber das gibt halt nicht so grosse Schlagzeilen. Und es gibt eine sehr grosse Gruppe von Verlagen, die mit der P sehr zufrieden sind. Im Übrigen verhandeln wir auch mit Verlagen, die heute noch nicht mit uns zusammenarbeiten über neue Verträge.

Was ist mit der "NZZ"?

Wir führen sehr gute und umsichtige Gespräche. Mit den Regionalverlagen der zur NZZ gehörenden FPH haben wir gerade Verlängerungen vereinbart, um Zeit für die Einführung des neuen Geschäftsmodells zu gewinnen. Aber auch für die "NZZ" gilt, was für alle Verlage gilt: Die P muss sich verkaufen und dann im Markt bewähren. Wir sind bereit dazu.

In der Mitteilung heisst es, dass man bis im Sommer 2010 eine neue Zusammenarbeitsform auf Basis des neuen Geschäftsmodells von Publicitas erarbeiten wolle. Wie könnte eine Zusammenarbeit mit der AZ Medien aussehen?

Das kann man noch nicht sagen. Die neuen Modelle werden sehr vielfältig sein und den Verlagen verschiedene Modelle offerieren. Wir werden also mit der AZ offen alle Möglichkeiten besprechen und dann erst nach aussen kommunizieren.

Ein Stellenabbau und die Schliessung von Niederlassungen könne nicht ausgeschlossen werden. Können Sie ungefähr skizzieren, wie stark abgebaut wird?

Nein, das kann ich heute noch nicht. Wir werden aber bis Mitte September darüber informieren. Im Vordergrund unserer Überlegungen steht die Aufrechterhaltung unserer Präsenz im Mittelland für die "Aargauer Zeitung" und allen anderen Partnerverlage. Dann schauen wir, wo und wie wir unsere Mitarbeitenden weiter beschäftigen oder Lösungen mit den AZ Medien gefunden werden können. Und dort, wo ein Stellenabbau unumgänglich wird, werden wir nach sozialverträglichen Lösungen suchen.

Wie geht es generell weiter mit Publicitas?

Die Entwicklung der P hängt - genau wie die Entwicklung aller Medien - stark von der Marktentwicklung ab. Wir haben unsere umfassenden Hausaufgaben erkannt und sind daran, sie zu lösen. So arbeiten wir intensiv an der neuen Strategie und kommen gut voran.

Können Sie uns sagen, wie weit das Projekt mit dem neuen Anzeigensystem ist?

Auch dieser sehr zentrale Teil des neuen Geschäftsmodells liegt im Plan. Das System wird nicht auf einen Schlag, sondern in Modulen lanciert.

Was für Umwälzungen erwarten Sie in der Branche generell in nächster Zeit?

Die weltweit zu beobachtenden Konzentrationsbewegung und der Preiszerfall machen auch vor der Schweiz nicht halt und werden mit Sicherheit zu weiteren Strukturanpassungen führen.

(Interview per Mail: Christian Lüscher)


Kommentar wird gesendet...

KOMMENTARE

Kommentarfunktion wurde geschlossen