Marcel Reif, was wird bei der WM 2006 anders sein als bei früheren Weltmeisterschaften?
Jede Weltmeisterschaft wird kommerzieller. Man mag dies beklagen, doch es ist die Realität. Von WM zu WM werden exponentiell höhere Summen erzielt und auch umgesetzt. Dies zeigt sich nur an den Beiträgen, die die Sponsoren zahlen, um dabei zu sein.
Ist diese Entwicklung grenzenlos?
Solange Geld rumliegt, wird es immer Menschen geben, die sich bücken, um es aufzuheben. Beim Fussball ist das Wachstum die einzige Konstante. Ständig generiert der Markt neue Einnahmequellen, denken wir nur an den Rechteverkauf. Natürlich gibt es bei jedem Business einen Punkt, bei dem alles umkippt. Doch bei der Fussballweltmeisterschaft sehe ich diese Gefahr nicht. Solange Firmen der Meinung sind, dass man mit Fussball die beste Werbung machen kann, funktioniert das Geschäft weiter. Fussball ist eine beispiellose Erfolgsstory. Ich kenne keine andere Sportart, die in den vergangenen fünfzig Jahren, also seit der WM 1954, so explodiert ist wie Fussball. Sobald Milliardensummen im Spiel sind, benötigt man auch Profis. Früher konnte man ein Geschäft noch mit einem Handschlag tätigen, heute ist eine ganze Industrie daraus geworden.
An deren Spitze die Fifa steht ...
Ja, die Fifa hat erkannt, welche kommerziellen Möglichkeiten sich aus dem ganzen Business ergeben und vermarktet die Rechte mittlerweile selber. Dadurch ist sie der grösste Player im Sportbusiness geworden. Sepp Blatter macht es sicher geschickt, hat aber auch die richtigen Leute um sich herum. Die Diskrepanz zwischen professionellem und weniger professionellem Auftreten sieht man aber bei den Vereinen, wo es gute und schlechtere Manager gibt. Die Erfolgsgeschichte des FC Bayern München ist sicher nicht gottgegeben, sondern das Resultat harter Arbeit von Profis, die dies seit 30 Jahren machen und die auch mit Erfolg umgehen können. Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Es ist weitaus leichter, einen Fehler zu orten und zu korrigieren, als sich ständig zu motivieren und den Erfolg als dauerhaften Faktor zu etablieren.
Lohnt sich für einen Sponsor die Teilnahme in diesem Business überhaupt noch?
Ich glaube nicht, dass Sponsoren wie McDonalds oder Mastercard bei der Weltmeisterschaft mitmachen würden, wenn sie keinen kommerziellen Nutzen daraus ziehen könnten. Die Aussichten, dass man mit Fussball Geld verdienen kann, sind nicht so schlecht.
Gibt es eine innere Affinität zwischen den Sponsoren und den Vereinen, oder ist dies eine reine Geldgeschichte?
Grosse Clubs sind mittlerweile lange Jahre an einen Sponsor gebunden. Wenn sich eine Firma für ein Engagement bei einem Fussballverein entscheidet, so muss man zuerst die bestehenden Verträge prüfen. Kann man diese nicht künden, so wendet er sich an den zweitfavorisierten Club. Wenn nicht, geht er zum nächsten Verein. Die Beziehung zwischen Sponsor und Verein ist in den wenigsten Fällen eine Liebesgeschichte. Der Sponsor stellt dabei die Frage nach dem Potenzial eines Clubs und nach den Zielen, welche er damit langfristig erreichen kann. Das Engagement von Öl-Milliardär Abramovich bei Chelsea kann man dabei vergessen, weil es alle Marktgesetze ausser Kraft setzt. Dieses Beispiel ist auch für die gesamte Branche gefährlich. Trainer Jose Mourinho kann sich problemlos jeden Spieler erwerben, den er haben will.
Sie haben vorhin die Fernsehrechte erwähnt. Wie funktioniert dieses Business?
Da Fussball jeden Boom überlebt, möchte auch jeder Sender die Rechte besitzen. Vor noch nicht allzu langer Zeit herrschten in Deutschland Verhältnisse wie bei Real Madrid, wo jede TV-Station, koste es, was es wolle, solche Rechte erwerben wollte. Aber als Geschäftsmodell eignet sich solches Gebaren nicht, wie wir am Beispiel von Leo Kirch sehen. Ich war lange Zeit bei RTL, wo wir uns als Champions-League-Sender etablierten. Irgendwann hat sich dies nicht mehr gerechnet. Die Möglichkeiten, die Summen einzuspielen, waren begrenzt. Heute weint man bei RTL über den Ausstieg bei der Champions League. Rückblickend gesehen war dieser Entscheid vom Image und vom Herzen her falsch, vom Verstand her völlig richtig. Auch die Bundesliga möchte für ihre Rechte mehr Geld. Doch woher soll es kommen? Deshalb möchte die Liga die Rechte grossflächig verteilen, was uns von Premiere nicht passt, weil wir diese Rechte eigentlich für uns alleine wollen. Das bedeutet aber, dass die anderen Sender das Geld kumuliert reinbringen müssen, welches die Liga verlangt.
Funktioniert das?
Nein, ich glaube, in Zukunft werden die Spiele in der Breite auf Pay-TV gezeigt, die Highlights auch im Free-TV. Dabei werden sicher die öffentlich-rechtlichen und weniger die Privatsender den Zuschlag erhalten. RTL sendet heute am Mittwochabend für einen lächerlichen Preis die Wiederholung einer Serie und erzielt fast dieselbe Quote, wie wenn Werder Bremen gegen Panathinaikos Athen spielen würde. Obwohl dies das attraktivere Programm wäre, rettet man damit sehr viel Geld vor dem Verbrennen. Diese Gesetzmässigkeiten darf man nicht ignorieren. RTL wird in näherer Zukunft keinen Fussball mehr senden.
Ist dann der Fussball für Ihren Sender überlebenswichtig?
Ja. Wir können kein Programm ohne Fussball machen, gleichzeitig kann der Fussball in dieser Form auch nicht ohne Premiere stattfinden. Momentan besteht noch eine Zwangsliebe.
(Interview: Oliver Prange und Matthias Ackeret Foto: Marc Wetli)
--> Bislang hatte der Bezahlsender Premiere die Fussballspiele der deutschen Bundesliga am Samstagnachmittag direkt übertragen: Am Mittwoch wurde bekannt, dass die Deutsche Fussball Liga (DFL) die wichtigsten Rechte für die Übertragung im frei empfangbaren Fernsehen für die nächsten drei Jahre an die ARD sowie im Pay-TV an ein Konsortium von Kabelnetzbetreibern vergeben hat. Premiere ging trotz dem besten Einzelangebot leer aus. Marcel Reif sagte im Interview -- wurde vor dem Entscheid geführt --, dass Fussball für seinen Sender Premiere überlebenswichtig sei. Diese Einschätzung scheinen die Anleger zu teilen. Nach dem Entscheid zur Rechtevergabe brach der Kurs der Premiere-Aktie an der Börse ein.

