10.09.2009

Schäppi

"Wir sind mit der Kinder-Tagesschau nicht auf Quotenjagd"

Redaktionsleiter zieht Bilanz.

Am Freitag geht die SF-Kinderwoche zu Ende. Damit wird auch die "Kinder-Tagesschau" zum letzten Mal ausgestrahlt. "persoenlich.com" sprach mit Redaktionsleiter Thomas Schäppi über das Projekt, das unter anderem vom ehemaligen Presseratspräsidenten Peter Studer harsch kritisiert wurde ("persoenlich.com" berichtete). Das Kurzinterview:

Herr Schäppi, morgen wird die letzte "Kinder-Tagesschau" ausgestrahlt. Ihre Bilanz?

Ich bin begeistert. Wir waren überrascht, wie toll die Kinder in dieser Woche gearbeitet, sich entwickelt und einen eigenen Zugang zu den Themen gefunden haben.

Wie aufwendig ist die Arbeit mit Kindern? Gab es einen grossen Mehraufwand beim SF?

Es ist ein grosser Aufwand, wenn man ein solches Projekt auf dieser professionellen Ebene durchführen will. Die Kinder werden von vielen Personen betreut. Einerseits spreche ich von der journalistischen Betreuung, die das Tageschau-Team abdeckt. Andererseits unterstützen uns noch zwei Personen, die für DRS1-Kindersendungen tätig sind und es sich gewohnt sind mit Kindern zu arbeiten.

Gab es Pannen?

Kleinere Pannen, wie zum Beispiel, dass die Moderatorin nicht ganz bereit war, wenn das rote Lämpchen leuchtete, gab es schon. Solche Patzer sind ganz natürlich und gehören dazu.

Wie ging die Themenwahl vor sich?

Am Morgen hatten wir jeweils eine Redaktionssitzung. Dort besprachen wir, was für Themen aktuell anstehen, was im Bundeshaus los ist etc. Die Kinder brachten dann jeweils noch eigene Ideen ein oder sagten, was sie besonders interessieren würde von den vorgeschlagenen Inhalten.

Die Sendung hat bestimmt einen grossen Unterhaltungswert. Fraglich bleibt der Informationswert. Ist SF auf Quotenjagd?

Nein, wir sind überhaupt nicht auf Quotenjagd. Ziel des Projektes war es schlicht und einfach, die Kinder im Rahmen der Schwerpunktwoche auch einmal tatsächlich reden zu lassen, statt immer nur über sie zu reden. Dazu haben wir Ihnen die nötigen Werkzeuge und journalistische Betreuung zur Verfügung gestellt. Es war nie die Idee, dass die Tagesschau um 18 Uhr in dieser Woche denselben Informationsgehalt hat wie dies normalerweise der Fall ist. Es ist jedoch ein Informationswert per se, als Zuschauer die Welt einmal durch Kinderaugen zu betrachten und deren Zugang zu gewissen Themen kennen zu lernen. Statt harte Fakten erhielten die Zuschauer viel Wissenswertes über das Denken und Vorgehen von Kindern – die Sendung hat eine eigenständige Perspektive.

Warum hat man der Kinder-Tagesschau den Sendeplatz einer SF-Infosendung gegeben? Wer um 18 Uhr die Tagesschau schauen will, erfährt mit der "Kindertagesschau" nicht das Wichtigste des Tages.

Es war ein bewusster Entscheid, diese 18 Uhr-Sendung für eine Woche in Kinderhände zu geben. Die Mittags- und die Hauptausgabe der "Tagesschau" gibt’s ja auch in dieser Woche. Daszu ist es möglich sich zum Beispiel über unser 24-Stunden-Online-Portal, über die wichtigsten Ereignisse des Tages zu informieren.

Der ehemalige Presseratspräsident Peter Studer übte Kritik: Die Sendung vermittle den Eindruck, Journalismus sei eine "kinderleichte" Tätigkeit. Ihr Standpunkt?

Herr Studer hat mir gestern ein Mail geschrieben und seine Äusserungen präzisiert. Da tönt das Ganze natürlich schon viel weniger dramatisch, als in den zugespitzten Quotes, die in den Medien zu lesen waren. Zudem glaube ich nicht, das der Vorwurf berechtigt ist: Es war von Anfang an klar und transparent, dass wir die Kinder bei ihrer Arbeit tatkräftig und professionell unterstützten. Wir haben nie geheuchelt oder vorgetäuscht, dass die Kinder alles alleine machen. Jedem Zuschauer zu Hause ist klar geworden, dass Fernsehen eben kein Kinderspiel ist und es für dieses Projekt viele Personen wie Techniker und Reporter braucht, die das Ganze begleiten. Insofern habe ich überhaupt nicht den Eindruck, dass wir unseren Berufsstand in Misskredit gebracht haben.

Die Sendung wurde aufgezeichnet. Warum?

Es war eine reine Vorsichtsmassnahme, auch den Kindern gegenüber, um diese nicht einem zusätzlichen Druck auszusetzen. Im Gegensatz zu den Tagesschau-Moderatoren hat Ana zudem nie ein Pannentraining absolvieren können.

Wäre es nicht besser gewesen, im Vorfeld darauf hinzuweisen?

Man hätte dies offensiv kommunizieren können, das ist richtig. Wir haben es nicht an die grosse Glocke gehängt, weil die Tagesschau in der Regel live ist. Es wurde jedoch auch nie ein Geheimnis darum gemacht. Im Übrigen ist es eine Aufzeichnung, die quasi live ist. In einer halben Stunde hätten wir auch nicht mehr viel daran ändern können.

Peter Studer schlägt weiter vor, eine regelmässige "Kinder-Tagesschau" für Kinder einzuführen. Was halten Sie von dieser Idee? Plant SF etwas derartiges?

Es ist bestimmt eine Überlegung wert und ich sehe durchaus Potenzial für ein solches Projekt. Man muss aber auch klar sehen, dass die Gefahr besteht, dass die Begeisterung des Publikums für eine solche Sendung über längere Zeit hinweg auch wieder nachlassen kann. Zudem ist es wie gesagt teuer und braucht viel Aufwand, bis so eine Kindersendung steht: Also eher nichts in Zeiten von knappen Mittel und Ressourcen. Das müsste aber natürlich die Fernsehdirektion entscheiden.

(Interview: Corinne Bauer)


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