Herr Röthlisberger, welche Zwischenbilanz ziehen Sie nach vier Jahren Abendzeitung von Ringier?
Man muss unterscheiden zwischen der Startphase mit "Heute" und der Fortsetzung mit "Blick am Abend". Die zweiten zwei Jahre waren eindeutig erfolgreicher, weil man sich traute, die Abendzeitung in die "Blick"-Familie aufzunehmen. Dadurch profitierte der Titel enorm. Nach vier Jahren auf dem Lesermarkt ziehe ich deshalb eine sehr gute Bilanz, der Titel ist sehr erfolgreich. Auf dem Werbemarkt hingegen ist der Erfolg absehbar, aber noch nicht da.
Können Sie genauer sagen, inwiefern das Abendblatt von der Integration in die "Blick"-Familie profitierte?
Zum einen imagemässig: Beim "Heute" war der Absender nicht klar. Gehört man zum starken Brand "Blick", ist die Herkunft aber eindeutig. Dadurch wurde unsere Abendzeitung zweifellos gestärkt auch im Onlinebereich. Und im Inseratebereich profitierten der Bezahl-"Blick" und der "Blick am Abend".
Letztes Jahr wurden mit ".ch", "News" und "Cash daily" gleich drei Konkurrenten eingestellt, und "20 Minuten" reduzierte seine Auflage. Wie wirkte sich das auf den "Blick am Abend" aus?
Jeweils durch steigende Nachfragen. Zudem stellten wir erfreut fest, dass der "Blick am Abend" zwar primär am Abend von den Heimkehrern gelesen wird, dass er aber durchaus auch am folgenden Morgen noch gefragt ist. Offenbar haben viele unserer Geschichten einen eigenen Dreh, der die Leute anzieht. Als dann "News" eingestellt wurde, wurde dies erst recht deutlich: Weil die Leute nur noch zwischen "Blick am Abend" und "20 Minuten" entscheiden mussten, nahm der Absatz von "Blick am Abend"-Exemplaren noch einmal zu.
Aber wenn man am Morgen die oft noch halbvollen "Blick am Abend"-Boxen sieht, hat man sehr den Eindruck, Ringier kalkuliere schlecht. Wie gross sind Auflage und Remissionen?
Dank unserer Expansion im letzten Sommer nach Zug, Luzern und St. Gallen sowie der Einstellung der anderen Gratistitel erhöhte sich die abgesetzte Auflage um etwa 20 Prozent. Heute setzen wir unter der Woche etwa 350 000 Exemplare tatsächlich ab, am Freitag sind wir etwa bei 370 000, Tendenz laufend klar steigend. Die Remissionen liegen bei etwa 2 Prozent, je nach Stadt und Standort. Zur Bestückung der Boxen nur so viel: Natürlich optimieren wir Standorte und Mengen laufend.
Wie stark wird denn der "Blick am Abend" abends gelesen, wie stark am Morgen?
Der Morgen fällt nicht stark ins Gewicht. Der "Blick am Abend" wird fast ausschliesslich am Erscheinungstag gelesen.
So lasse ich das nicht gelten. Angesichts vieler halbvoller Boxen am Morgen gehört es ganz offensichtlich zu Ringiers Kalkül, "20 Minuten" zu schädigen. Der Leserverlust, den "20 Minuten" in der Mach Basic 2010-1 erstmals auswies, geht doch teilweise auf diese Strategie zurück ("persoenlich.com" berichtete).
Der Leserverlust bei "20 Minuten" ist nicht begründbar mit der geringen Anzahl Exemplare, die am Morgen von "Blick am Abend" noch zur Verfügung steht. Zumal sich die Gebietserweiterung von "Blick am Abend" in den Zahlen 2010-1 noch nicht auswirkte.
Wirtschaftlich gehts dem "Blick am Abend" nicht gut. Im ersten Trimester 2010 hatte er ganze 94 Inserateseiten (oder 17 Prozent) weniger als vor einem Jahr und dies trotz Expansion im letzten Sommer.
Der "Blick am Abend" ist auf Kurs. Die ersten Monate im 2010 sind volumenmässig nicht gleich hoch ausgefallen wie das Vorjahr, da einige Grosskunden ihre Kampagnen erst später schalten werden. Es handelt sich also um eine Verschiebung der Aufträge. Der aktuelle Monat, wie die folgenden Monate zeigen einen klaren Aufwärtstrend bei der Anzahl Seiten wie beim Werbeumsatz.
Schrieb der "Blick am Abend" schon mal in einem Monat schwarze Zahlen?
Darüber geben wir keine Auskunft.
Wie würden Sie den Mix an Inhalten beschreiben, den Ihre Zeitung bietet?
Sie sind primär sehr newsgetrieben, wobei wir versuchen, die Geschichten auf überraschende Art zu erzählen. Im Tram und in der S-Bahn soll man über unserer Geschichten diskutieren und debattieren wir wollen Reaktion auslösen, egal wie. In den letzten zwei Jahren sind wir aber auch reifer geworden, weil wir merkten, dass uns Pendler aller Schichten und Altersgruppen lesen. Und weil wir eine vollwertige Zeitung sein wollen - nicht bloss eine Agenda für den Ausgang. Wir wollen die Leute informieren, aber auch unterhalten und überraschen.
Im "Blick am Abend" erfahre ich vom ersten Schweizer mit dem iPad, vom ersten Schweizer mit vollem Panini-Album, vom ersten Schweizer, der mit dem neuen Airbus flog. Sind das nun wirklich die relevanten News und die neuen Helden des Alltags?
Helden des Alltags das finde ich ein Super-Stichwort. Die habe ich natürlich sehr gerne im Blatt. Der Mix ist entscheidend. Nehmen wir den iPad, der für uns sehr wichtig ist: Unsere Leser mögen digitale Themen sehr. Für sie sind News zum iPad absolut relevant. Wir schreiben immer auch, was ein Gerät kann und was nicht. Wie es den Alltag, vielleicht gar die Gesellschaft verändert. Wir bemühen uns immer, Zusatznutzen zu liefern.
Viel diskutiert wurde das Cover mit Bundesrat Merz als Buchhalter Nötzli-Verschnitt. Stimmt es, dass Ihnen diese seichte Politstory fast den Kopf gekostet hätte?
Wenn sie seicht gewesen wäre, hätte das kaum Reaktionen hervorgerufen, wie Sie sie vermuten. Intern war man nicht glücklich über die Geschichte.
Mit welchen Konsequenzen?
Den damaligen Titel finde ich nach wie vor gut. Die Kritik richtete sich auch weniger dagegen. Kritisiert wurde vielmehr, dass wir Gaddafi auf den Folgeseiten zu einem Helden stilisierten, indem wir sagten, unsere Bundesräte seien im Vergleich zu ihm alles Langweiler. Das würde ich auf keinen Fall wieder so machen, denn das war journalistisch einfach schlecht. Eigentlich war es Satire aber nicht als solche deklariert, sondern an einem Ort platziert, wo man von uns News erwartet. Die Lehre war, dass wir ernsthafter mit ernsthaften Themen umzugehen haben. Wenn man verspielt und überraschend sein will, geht man auf einem schmalen Grat, man kann leicht abstürzen. Und das war bei dieser Geschichte der Fall.
Insgesamt ist der "Blick am Abend" seichter, despektierlicher und schnodriger als der Abo-"Blick". Ist das Strategie? Soll der Abend-"Blick" dem Morgen-"Blick" das Terrain ebnen für zwar härteren, aber weniger relevanten Boulevard?
Ich finde Ihre Beobachtungen überraschend. Und falsch. Wir wollen eine Zeitung machen, die all das nicht ist, was Sie aufzählen. Ich glaube auch nicht, dass wir den "Blick" sehr beeinflussen. Trotz Zusammenarbeit im Newsroom versucht jeder, seinen eigenen Weg zu gehen. Ralph Grosse-Bley sieht uns sicher nicht als Stichwortgeber und schon gar nicht als Vorbild. Und schnodrig wollen wir auf keinen Fall sein, das wäre völlig falsch. Wir wollen überraschen, indem wir die schönen Seiten des Lebens zeigen.
Wenn es nicht Strategie ist, dann könnte der Stil von "Blick am Abend" für die Marke "Blick" aber längerfristig zur Gefahr werden: Man will zwar die Jugend zum "Blick" hinführen, untergräbt diesen Brand aber mit allzu seichten Inhalten.
Da bin ich 180 Grad anderer Meinung. Mit "Blick am Abend" haben wir im Gegenteil die Gesamtmarke sehr gestärkt. Vor dem Namenwechsel von "Heute" zu "Blick am Abend" fürchtete man ja, dass die jungen Leser die Marke "Blick" als unmodern und zu ländlich ablehnen würden. Doch das Gegenteil ist der Fall: Wir erreichen ganz neue Leserschaften, die wir möglicherweise für den "SonntagsBlick" oder für den Bezahl-"Blick" gewinnen können. Ob dies tatsächlich gelingen wird, lässt sich aber noch nicht sagen. Bei "Blick.ch" deutet aber einiges darauf hin.
Wie beurteilen Sie den Newsroom nach den ersten Monaten?
Ich ziehe eine gute Bilanz. Denn viele unserer jungen Journalisten wussten zuvor zwar über Vieles Bescheid, aber nicht sehr vertieft. Im Newsroom arbeiten sie nun mit erfahrenen Journalisten vom "Sonntagsblick" und "Blick" im selben Ressort. Bei einer Banken-Geschichte zum Beispiel können wir vom Knowhow der alten Hasen profitieren, bei Bedarf schreiben sie den Artikel auch gleich selbst. "Blick am Abend" hat im Newsroom einen viel grösseren Pool an Journalisten zur Verfügung.
Welches Standing haben Sie im Newsroom?
Ich sehe uns vier Chefredaktoren auf Augenhöhe. Jeder macht seine Zeitung, jeder will den Erfolg der Marke Blick.
Ich habe den Eindruck, dass der Newsroom eine dämpfende Wirkung hat. Fehlleistungen wie mit den Herren Merz oder Borer kamen seither nicht mehr vor, auch kommt Ihr Blatt seither weniger schnodrig daher. Es scheint, dass durch die Teamarbeit nun alle an einer kürzeren Leine sind.
Es gibt keine solche Leine. Es ist eher so, dass wir von einander profitieren. Wenn ich mit Chefredaktoren-Kollegen diskutiere, ergibt sich glücklicherweise eine weitere Resonanzfläche. Ich bekomme eine Zweitmeinung oder Tipps. Jeder Chefredaktor prägt nach wie vor sein Blatt, seinen Kanal und drückt ihm den Stempel auf. Das ist auch explizit so gewollt. Ich wurde jedenfalls noch nie von jemandem dazu angehalten, auf eine Geschichte zu verzichten, die ich machen wollte. Ich habe wirklich grosse Freiheiten.
(Interview: Markus Knöpfli)

