18.03.2009

Deltenre

"Zum Medienthema wird nur, was aus der Norm fällt"

Interview mit der Fernsehdirektorin.

Fernsehdirektorin Ingrid Deltenre konnte eine positive Bilanz für das Jahr 2008 ziehen. Für Schlagzeilen sorgten aber Flops wie "Tag und Nacht". "Über das Gute schreibt man nicht -- wenn der Zug pünktlich einfährt, ist das nichts Aussergewöhnliches“, meint Deltenre im Gespräch mit "persoenlich.com". Aussergewöhnlich findet sie es auch nicht, dass der SRG-interne Streit um die Fusion von Radio und TV über die Medien ausgetragen wird. Auch wenn die SF-Chefin diesen "Service Public" nicht ideal findet. Das Interview:

Frau Deltenre, warum setzt das Schweizer Fernsehen im 2009 vor allem auf Swissness?

Swissness ist eine Kernaufgabe von SF. Sie macht auch den Erfolg unserer Sender aus. Mit den schweizerischen Inhalten unterscheiden wir uns von den anderen Sendern aus dem deutschen Sprachraum.

In Krisenzeiten ist zu beobachten, dass traditionelle Werte wieder in den Vordergrund rücken. Setzt SF darum bewusst auf "Alpenfestung", "Landfrauenküche" und "Liebesgeschichten"?

Dass unsere Themensetzung vielleicht passend zur aktuellen Wirtschaftslage erscheint, ist zufällig. Die Planung dieser neuen Sendungen hat lange vor Beginn der Krise begonnen. Dass wir aber mit der Swissness und dem Motto "Meine Schweiz, mein Fernsehen" die Heimat thematisieren wollen, ist gewollt. Ausschlaggebend für die vermehrte Besetzung von Schweizer Themen ist schliesslich auch der grosse Erfolg von "SF bi de Lüt".

Können Sie das genauer erklären?

Wir haben uns vor vier Jahren intensiv mit der Programmstrategie befasst. Dabei hat sich herauskristallisiert, dass wir unsere Stärken in der Swissness haben und sie auch dort weiter suchen müssen. Es war aber klar, dass es nicht um "Blumentrögli-Swissness" gehen kann. SF will das Bild einer modernen Schweiz vermitteln -- was nicht heisst, dass es kein Platz für Tradition hat. Aus diesen Vorgaben wurde das Format von "SF bi de Lüt" entwickelt. Wichtig ist, dass man zu den Leuten hinaus geht. Die Schweiz kann nicht nur aus dem Studio heraus gezeigt werden.

Sie sprachen an der Jahresmedienkonferenz aufgrund der Marktanteile und der Ergebnisse einer Imagestudie von einem "sehr erfolgreichen 2008 für SF". Betrachtet man aber die Berichterstattung der Medien im vergangenen Jahr, könnte man von einem Krisenjahr ausgehen. Wie kommt es zu diesen Unterschieden in der Wahrnehmung?

Das sind typische Medienmechanismen. Schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten. Das Schweizer Fernsehen wird lieber kritisiert und dabei vergisst man gerne, was funktioniert. Über das Gute schreibt man nicht -- wenn der Zug pünktlich einfährt, ist das schliesslich nichts Aussergewöhnliches. Man nimmt es als selbstverständlich, wenn eine neue Sendung erfolgreich ist. Zum Thema für die Medien wird nur, was aus der Norm fällt -- wie eben der Misserfolg. Im Fall von "La Traviata" aus dem Hauptbahnhof war es aber für einmal der ausserordentliche Erfolg, der grosse Resonanz in den Medien erfuhr. Und übrigens: Grundsätzlich war die Medienberichterstattung im letzten Jahr gar nicht so negativ.

Denken Sie es spielt auch eine Rolle, dass die Verleger das Fernsehen als grossen Konkurrenten ansehen?

Das ist gut möglich. Es ist ja kein Geheimnis, dass die Verleger nicht immer die gleichen Interessen teilen wie das Schweizer Fernsehen.

Glaubt man der Imagestudie, bleibt die negative Medienberichterstattung aber nicht nachhaltig in den Köpfen der Zuschauer hängen.

Aus dieser Tatsache ziehe ich einen grossen Teil meines Selbstbewusstseins. Ich weiss, dass sich das Publikum zu Hause 1:1 ein Bild davon machen kann, ob eine Sendung nun wirklich so gut oder so schlecht ist, wie sie in den Medien beschrieben wird. Schliesslich ist es also nicht so bedeutend, was geschrieben ist. Was zählt ist die Meinung des Publikums.

Zurzeit wird in den Medien vor allem der Zusammenschluss von Radio und Fernsehen diskutiert. Innerhalb der SRG scheinen die verschiedenen Interessengruppen vor allem über die Presse zu kommunizieren. Ist das eine neue Art von Service Public?

Wenn interne Angelegenheiten an die Medien durchsickern, muss man sich immer vor Augen halten, wer welches Interesse verfolgt. Dass Firmenpolitik über die Medien betrieben wird, ist zwar nicht ideal, aber gehört wohl zu einem Unternehmen dieser Grösse.

Sie haben als Grund für einen Zusammenschluss von Fernsehen und Radio die sinkenden Werbeeinnahmen ins Feld geführt. Heisst das, wenn das Geld wie früher fliessen würde, wäre eine Fusion gar kein Thema?

Der wirtschaftliche Druck beschleunigt diese Bestrebungen vielleicht, aber aufgrund der veränderten Mediennutzung macht ein Zusammenrücken von Radio und Fernsehen nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen Sinn. Die Mediennutzung wird mit Mobiltelefonen, Podcasts und On-Demand-Angeboten zunehmend multimedial. An dieser Entwicklung sollte man teilhaben, um die jungen Nutzer nicht zu verlieren.

Das Stammpublikum von SF ist aber eher "älter"?

Das stimmt, wenn sie von SF 1 sprechen. Bei SF zwei liegt das Durchschnittsalter der Zuschauer um rund zehn Jahre tiefer, noch jünger sind die Nutzer der SF-Website. Entsprechend dem Nutzungsverhalten haben wir diese Kanäle auch positioniert. Es geht also nicht darum, das Publikum von SF 1 zu verjüngen, Ziel ist es, die verschiedene Altersgruppen dort abzuholen, wo sie zu Hause sind. Gerade beim Internet müssen wir die Perspektive wechseln und uns überlegen, was die Jungen von uns erwarten. Da reichen die Inhalte der Fernsehsender alleine nicht, wir müssen eigene Online-Welten mit relevanten Themen schaffen.

Sie möchten auch mit Online-Werbung Geld verdienen. Wie nahe sind Sie an diesem Ziel?

Das kann ich Ihnen nicht beantworten, da die Lobby-Arbeit nicht über mich, sondern über die SRG-Generaldirektion in Bern läuft. Es wäre aber sehr wichtig, dass dem Schweizer Fernsehen diese Türe in irgendeiner Form geöffnet wird.

(Interview: Stefan Wyss / Bild: SF, Marion Nitsch)


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