17.08.2025

100 Jahre Migros

«Wir geben Adele den Platz in der Geschichte, der ihr gebührt»

Ein Kurzfilm zum Migros-Jubiläum zeigt die Gründungsgeschichte in einem neuen Licht mit Adele Duttweiler, Gattin des Gründers im Rampenlicht. Projektleiterin Janine Zundel zum Making-of dieser neunzig Sekunden zum Hundertjährigen.
100 Jahre Migros: «Wir geben Adele den Platz in der Geschichte, der ihr gebührt»
Der Fokus auf Adele Duttweiler sei das Ergebnis «einer zeitgemässen Aufarbeitung und Würdigung der Frau»: Janine Zundel, Projektleitung Campaigning Migros Supermarkt AG. (Bild: Tobias Stahel)

Janine Zundel, bisher stand stets Gottlieb Duttweiler als alleiniger Gründer der Migros im Fokus. Zum 100. Geburtstag wird auch Adele Duttweiler ins Rampenlicht gerückt. Warum hat es so lange gedauert, bis die Migros auch ihre Rolle prominent würdigt?
Gottlieb Duttweiler war stets im Rampenlicht, seine Frau Adele stand in seinem Schatten. Sie war zwar eine zurückhaltende Frau, aber es entsprach auch dem damaligen Zeitgeist der Rollenverteilung. Unbestritten war sie jedoch seine wichtigste Ratgeberin: kein Entscheid und keine Innovation ohne ihr Mitwirken. Duttweiler selbst hat das offen anerkannt. In den 15 Thesen von 1950 wird Adele als Mitgründerin verankert. Und wenn nicht zum 100-Jahr-Jubiläum, wann dann können wir Adele den Platz in der Geschichte geben, der ihr gebührt?

Ist diese Darstellung das Ergebnis historischer Forschung?
Weniger der historischen Forschung als einer zeitgemässen Aufarbeitung und Würdigung der Frau, die sie für Dutti war: Ratgeberin, Seelsorgerin, Mitkämpferin.

Ging es darum, die Migros-Geschichte neu zu schreiben?
Wir haben die Geschichte nicht neu geschrieben, sondern Meilensteine der Migros-Historie mit Adele in einen mehrdimensionalen Raum gesetzt. Die Ereignisse im Film sind verdichtet, dramatische Kunstgriffe wurden angewandt, doch die Rahmenhandlung basiert auf überlieferten Zeitzeugnissen – vom Tatendrang über Rückschläge bis zu gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Höhepunkten. Die Geschichte der Migros ist eine Wirtschaftsgeschichte, zugleich aber auch die persönliche Geschichte eines Paars. Einzig, dass Adele und Dutti je gemeinsam in einem Migros-Wagen sassen, haben wir zwischen den Zeilen herausinterpretiert.

Wird das Gründerehepaar auch in künftigen Kampagnen eine prominente Rolle spielen?
Wohl kaum. Und doch kann man nie wissen, ob Adele oder Gottlieb irgendwann einen Auftritt über das 100-Jahr-Jubiläum hinaus wagen wollen.

«Der Film ist mehr als eine Erinnerung an die Anfänge der Migros»

Der Jubiläumsfilm spricht ein älteres Publikum mit einem Vorwissen zur Migros-Geschichte an. Gingen die Jungen vergessen?
In der Tat kennen wohl eher ältere Personen noch den Dutti, vereinzelt auch Adele, oder sie erinnern sich daran, dass das Migros-Magazin einst Brückenbauer hiess, oder an das eine oder andere im Film gezeigte Produkt. Der Film ist mehr als eine Erinnerung an die Anfänge der Migros – er lädt Jung und Alt, Einheimische und Zugezogene ein, die Geschichte und Werte der Migros – wieder – zu entdecken. Quasi als Brücke zur altbekannten oder zur neu gesehenen Migros.

Wie viel Handarbeit und wie viel künstliche Intelligenz steckt in der Filmproduktion?
Der Film besteht aus 100 Prozent humaner Intelligenz und 100 Prozent Detailliebe – in Form von Handarbeit und Leidenschaft. Auch wenn der ältere Schauspieler-Dutti dem echten Dutti zum Verwechseln ähnlich sieht: Er war ein realer Schauspieler.

Welche Quellen haben Sie für die Rekonstruktion der Szenen aus der Migros-Geschichte verwendet, wie sie im Jubiläumsfilm zu sehen sind?
Mit dem historischen Firmenarchiv der Migros waren wir seit Beginn an in engem Austausch. Jede Szene und jedes Detail wurden anhand von Protokollen, Fotos, Filmen und Tonaufnahmen sorgfältig geprüft. Auch lieferten sie Fotos, um damalige Migros-Produkte realistisch nachbauen zu können. Auch Zeitzeugen der Duttweilers halfen, eine authentische Darstellung sicherzustellen.

«Die Kraft des Films liegt in seiner Geschichte und der visuellen Sprache»

Warum habt ihr kein historisches Filmmaterial verwendet, um die Authentizität der Duttweilers stärker zu unterstreichen?
Die Kraft des Films liegt in seiner Geschichte und der visuellen Sprache. Archivmaterial allein hätte keinen so bildgewaltigen und emotionalen Film ermöglichen können. Zudem ist die Gründungsgeschichte der Migros bekannt respektive einfach überprüfbar. Ganz auf historisches Material verzichten wollte Regisseur Jan-Eric Mack nicht und platzierte Archivaufnahmen aus den frühen 1950er-Jahren elegant auf dem Fernsehbild der Wohnzimmer-Szene.

Das zweite Element der dritten Welle der Jubiläumskampagne sind Plakate, auf denen die Migros der Konkurrenz dankt. Was ist deren Botschaft an das Publikum?
Dutti war ein umtriebiger Geschäftsmann: Er senkte die Preise und kopierte Markenprodukte, um sie als Migros-Eigenmarken günstiger anzubieten. Dass dies auf Widerstand stösst, war klar. Doch er wusste, dass Konkurrenz belebt, und sagte 1955 in einem Interview: «Ich möchte bei jeder Gelegenheit unseren Gegnern danken. Die durch ihre Massnahmen uns zu erhöhten Leistungen, namentlich zu neuen Ideen, angespornt haben.» Genauso sportlich sehen wir es heute: Mitwerber spornen die Migros zu Bestleistungen für tiefere Preise und hoher Qualität an. Die charmant-witzigen Sujets, die diese Haltung aufgreifen, verantwortet übrigens meine Teamkollegin Michèle Leibacher.


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