05.07.2019

Allianz

«Wir werden den Aussendienst auf LGBTQ+ sensibilisieren»

Die Allianz Versicherung hat die LGBTQ+-Community als Zielgruppe entdeckt. Kommunikationschef Hans-Peter Nehmer spricht über die Diversity-Strategie rund um Frauen und über 50-Jährige, das Netzwerk Allianz Pride und sein persönliches Coming-out.
Allianz: «Wir werden den Aussendienst auf LGBTQ+ sensibilisieren»
Lebt seit bald acht Jahren mit seinem Mann in einer eingetragenen Partnerschaft: Allianz-Kommunikationschef Hans-Peter Nehmer. (Bild: zVg.)
von Michèle Widmer

Herr Nehmer, die Allianz hat an der Pride einen US-Pfarrer symbolisch Paare trauen lassen. Warum ist die LGBTQ+-Community interessant für einen Versicherer?
Die Zielgruppe ist nicht nur für Versicherungen attraktiv, weil es sich häufig um Doppelverdiener ohne Kinder handelt. Die Finanz- und die Versicherungsbranche hat sie besonders aufgrund des Themas Vorsorge ins Auge gefasst. Dabei geht es um Themen wie Lebensversicherungen, Patientenverfügungen oder auch Adoption. Auch für andere Branchen ist die Zielgruppe interessant. Ich war früher Kommunikationschef bei Hotelplan. Dort gibt es nun Produkt-Abteilung für Schwulen-Reisen.

Bereits im Frühjahr 2018 war in einem Spot sowie auf einem Sujet ein lesbisches Paar zu sehen. Damals machten Sie es aber noch weniger offensichtlich.
Das Motto unserer aktuellen Dachkampagne heisst «Mut heisst machen». Das bedeutet auch zu leben, wie man will. Mit den beiden Frauen auf dem Plakat und im Spot wollten wir die LGBTQ+-Community zuerst einmal etwas codiert ansprechen. Mit der Aktion an der Pride sind wir in der Schweiz einen Schritt weiter gegangen und haben auf sympathische Art ein Zeichen für die Ehe für alle gesetzt. 

Die Kapelle an der Pride war eine PR-Aktion. Würden Sie im Rahmen eines Marketingevents heiraten?
Natürlich, warum auch nicht. Und etwa 120 andere Personen haben das auch getan. Die Aktion, die wir übrigens mit der Agentur Sir Mary ausgearbeitet haben, war ein riesiger Erfolg. Auf den Sozialen Kanälen gab es sehr viel positive Resonanz. Und das mediale Interesse war enorm – SRF, TeleZüri, Radio Energy, «20 Minuten» und auch das Onlinemagazin Kath.ch haben berichtet. Das hilft am Ende auch der LGBTQ+-Community. Zudem haben wir einen Mediawert von rund 750’000 Franken generiert.

Auf Social Media gab es wohl auch negative Reaktionen. Wie reagiert die Allianz auf solche Kritik?
Damit mussten wir rechnen und damit können wir umgehen. Wir haben standardmässig geantwortet. Die Vision in unserem Diversity Board lautet: «Die Allianz schafft eine Kultur, die es allen Mitarbeitenden ermöglicht, ihre persönlichen Fähigkeiten und Potenziale frei zu entfalten, ohne durch Rollenerwartungen eingeschränkt zu werden. Wir verpflichten uns zu durch einer von Chancengleichheit geprägten Zusammenarbeit. Nur wenn sich unsere Mitarbeiter trauen anders zu sein, können wir es wir als Allianz auch sein.» Diese Vision leben wir nicht nur nach innen, sondern auch nach aussen. Und das haben wir deutlich gemacht.

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Die erwähnte Diversity&Inclusion-Strategie wurde vor drei Jahren festgelegt. Welches sind die Schwerpunkte?
Unser Fokus liegt derzeit auf der Frauenförderung und den Mitarbeitenden 50+. Die LGBTQ+-Community in der Allianz unterstützen wir kontinuierlich. Auf der Kundenseite geht es auch darum, die Zielgruppe verstärkt anzusprechen. Hier werden wir einerseits mehr Know-how aufbauen und andererseits den Aussendienst für diese Klientel sensibilisieren.

«Ich sprach immer von meinem ‹Schatz›. Heute sage ich selbstbewusst ‹mein Mann›»

Allianz-intern gibt es ein LGBTQ+-Netzwerk. Wie kam das zustande und was sind die Ziele?
In der Allianz-Gruppe gibt es ein solches Netzwerk schon seit einigen Jahren. In der Schweiz ist die Gruppe ist vor gut zwei Jahren auf Initiative eines Mitarbeiters entstanden und organisiert sich selbstständig. Mittlerweile zählt sie rund 25 Mitglieder. Primär sollen LGBTQ+-Leute sichtbar werden. Die meisten haben noch immer Probleme damit, zu ihrer sexuellen Orientierung zu stehen. Auch, weil sie denken, es könnte ihrer Karriere schaden. Ich glaube nicht, dass man bei der Allianz aufgrund seiner sexuellen Orientierung diskriminiert wird. Aber gerade kürzlich haben wir über einen Fall diskutiert, wo ein Kollege einen Schwulenwitz gemacht hat, der einen Mitarbeiter verletzte. In solchen Fällen kann man sich austauschen und besprechen, wie man damit umgehen soll. 

Welches Vorgehen wurde dem Mitarbeiter empfohlen?
Wir haben ihn ermuntert, direkt auf die Person zuzugehen und ihr zu sagen, dass der Schwulenwitz persönlich verletzend war. Es ist wichtig, dass man im Dialog bleibt und damit das Tabu auflöst. Darüber zu sprechen bedeutet Brücken zu bauen und Vorurteile abzubauen. Das bringt mehr, als eine Beschwerde beim HR zu platzieren.

Sie selbst leben seit acht Jahren mit Ihrem Mann in eingetragener Partnerschaft, sprechen aber hier erstmals öffentlich darüber. Warum haben Sie so lange gewartet?
Ich war 16 Jahre lang verheiratet mit einer Frau. Wir haben zwei Kinder. Meine Jungs sind heute erwachsen, warum ich nun öffentlich darüber spreche. Ich habe meine Homosexualität lange verdrängt. Mit den Jahren hat diese Belastung dann immer mehr Raum eingenommen und schliesslich habe ich mich in einen Mann verliebt. Mein Coming-out mit 36 Jahren hat unsere Familie in eine Krise geführt, die wir glücklicherweise sehr gut überwunden haben. Ich betrachte es als Problem, dass Homosexualität im Bewusstsein vieler Menschen vor allem mit Sex konnotiert ist. Da Sex Teil der Privatsphäre jedes Einzelnen ist, ist es für viele bis heute schwierig, sich zu outen.

Hatten Sie Angst davor, dass Ihre Homosexualität Nachteile für die Karriere mit sich bringt?
Das war ein sehr grosses Thema für mich. Ich erinnere mich gut an ein Gespräch mit einem Headhunter, als es um eine neue Stelle ging. Auf dem Papier war ich «geschieden». In der Realität lebte ich damals aber schon jahrelang in einer Beziehung mit einem Mann. Aber das brachte ich einfach nicht über die Lippen. Mir fehlte der Mut. Ich sprach dann immer von meinem «Schatz» anstatt von meinem «Partner». Heute sage ich selbstbewusst «mein Mann».

Wie konnten Sie diese Angst überwinden?
Die Möglichkeit, unsere Partnerschaft offiziell eintragen zu können, hat mir sehr geholfen. Es war sehr wichtig, unsere Beziehung auf diesem Weg manifestieren zu können. Zu sagen: Ich möchte den Rest meines Lebens mit dieser Person verbringen. Es hat mir geholfen, in jeder Lebenslage zu unserer Beziehung zu stehen. Ich weiss noch, wie ich unserem damaligen CEO sagte, dass ich heirate – aber eben keine Frau, sondern einen Mann.

«Mit 50+ wird man in dieser Gesellschaft behandelt wie ein ausgebrannter Mensch»

Und wie hat er reagiert?
Sehr gut – wie übrigens mein Team auch. Das hat mir gezeigt, dass es ja eigentlich gar nicht so ein grosses Thema ist. Ich weiss aber, dass es vielen in ihrem Umfeld ganz anders geht. Sie trauen sich nicht, sich zu outen und denken jeden Tag aufs Neue darüber nach, welchen Einfluss ihre Homosexualität auf ihre Karriere haben könnte. Darum engagiere ich mich auch im Netzwerk Allianz Pride und spreche nun auch so offen darüber. Es braucht Leuchttürme, mutige Vorbilder, die einem zeigen, dass es möglich ist ohne negative Folgen.

Gab es andere Situationen im Beruf, in denen Sie aufgrund Ihrer Homosexualität diskriminiert wurden?
Nein, es sei denn, ich habe es vielleicht nicht bemerkt. Wo ich mich viel eher diskriminiert fühle, ist wegen meines Alters. Nicht unbedingt bei der Allianz, sondern ganz generell. Mit 50+ wird man in dieser Gesellschaft meiner Meinung nach behandelt behandelt wie ein ausgebrannter Mensch. Da muss unbedingt ein Umdenken stattfinden, denn wir stehen doch noch voll im Saft.

Welche Massnahmen trifft die Allianz, um im Bezug aufs Alter für Ausgeglichenheit zu sorgen?
Zurzeit führen die Fachhochschulen St. Gallen und Nordwestschweiz eine Studie mit dem Titel «Late Careers» durch. Dabei werden die Mitarbeitenden von fünf Unternehmen – darunter auch die Allianz – befragt. Es geht darum, den Arbeitgebern Werkzeuge zur Verfügung zu stellen, wie sie die Rahmenbedingungen für die Berufswelt ihrer über 50-Jährigen gestalten können. Ich selbst habe vor eineinhalb Jahren eine Ausbildung zum Thema Psychologie in der Arbeitswelt 4.0 abgeschlossen und meine Abschlussarbeit über die Zielgruppe 50+ geschrieben. 

Und was waren Ihre Erkenntnisse?
Ich habe mit vielen 50+-Personen Gespräche geführt. Die Umfrage ist natürlich nicht repräsentativ, hat aber gezeigt, dass die Einstellung der Menschen stark auseinander geht. Die einen sind total motiviert weiter im Business zu bleiben, andere haben so viel Geld verdient, dass sie gar nicht mehr arbeiten wollen, und wieder andere haben Angst oder sind wenig interessiert daran, sich weiterzuentwickeln. Ich stellte fest, dass es gar keine wissenschaftlichen Studien zum Thema gibt – obwohl es viele betrifft.

Wie sieht es denn bei der Allianz aus, wie viele 50+ arbeiten hier?
Bei uns im Innendienst arbeiten rund 1800 Mitarbeitende, davon sind gut 800 älter als 50 Jahre. Im Aussendienst sind es nochmals 1550 Mitarbeitende, mit einem Anteil von 30 Prozent über 50 Jahre. Das sind schon ordentliche Quoten.

Sie selbst haben sich mit diesem Interview offiziel geoutet. Was glauben Sie, welche Reaktionen das auslöst?
Ganz ehrlich, ich weiss es nicht und bin sehr gespannt. «Mut heisst, leben wie man will» – das ist jetzt zu meinem ganz persönlichen Motto geworden.



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Kommentare

  • Andrea Hintermüller, 05.07.2019 07:42 Uhr
    Ich wünsche mir mehr Vorbilder wie Herr Nehmer! Liebe ist alles, was zählt.
  • Clifford Lilley, 05.07.2019 10:26 Uhr
    Bravo und gratuliere Hans-Peter! Du bist echt ein Vorbild für alle!
  • Peter L. Müller, 05.07.2019 13:01 Uhr
    Lieber Hans-Peter Gratuliere zu Deinem Mut. Einfach machen
  • Marianne Thommen, 05.07.2019 13:11 Uhr
    Herzliche Gratulation lieber Herr Nehmer! Sie sind bewundernswert!
  • Lorenz Heinzer, 05.07.2019 14:54 Uhr
    Grossartiges Interview, Hans-Peter. Hut ab vor dieser Allianz-Initiative, Hut ab vor Dir!

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