TV-Kritik

Weiterer CH-«Tatort» zum Vergessen

Gut gemacht, ARD. Um möglichst wenige Zuschauer 90 lange Minuten unnötig zu plagen, wurde die neue Schweizer «Tatort»-Folge («Die Musik stirbt zuletzt») mitten in die zuschauerarmen Sommerferien versenkt. Die neue Sonntagskrimi-Saison beginnt nämlich erst in drei Wochen. Neben Bettlägerigen, Bewohnern von Seniorenheimen oder Insassen von Gefängnissen dürften nur wenige weitere tapfere Betrachter zugeschaltet haben. Miese Quote garantiert. Die Hitze hat zusätzlich dazu beigetragen.

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Die Produzenten erlaubten dem Regisseur und Autor Dani Levy ein filmisches Experiment: Die Geschichte, die während eines Konzertes im KKL spielt, wurde in Echtzeit erzählt, der «Tatort» also in einer einzigen Kameraeinstellung gedreht, ganz ohne nachfolgende Schnitte. Das hatte so ähnlich schon 1948 der britische Starregisseur Alfred Hitchcock mit seinem erste Farbfilm «Rope» («Cocktail für eine Leiche») ausprobiert  -  und das Kammerspiel im Nachhinein bitter bereut.

Dani Levys riskantes Unterfangen ist gründlich misslungen. Wir sahen oft Wackelbilder wie vor 25 Jahren beim Start der regionalen TV-Sender und erlebten teils geradezu tollkühne Kameraschwenks. Verworren, zu konstruiert oft unlogisch bis abstrus der schwer verdauliche Fall: Ein Benefizkonzert im Kultur- und Kongresszentrum Luzern (KKL) sollte den in Konzentrationslagern umgekommenen Juden gedenken. Eingeladen zum Anlass hat der steinreiche Mäzen Walter Loving (blendend gespielt vom 84-jährigen Österreicher Hans Hollmann). Der Patriarch soll vielen Juden das Leben gerettet haben. Doch dahinter verbirgt sich ein dunkles Geheimnis, das während dem Konzert aufbricht.

Es gab Beschuldigungen, Bedrohungen, einen Giftanschlag, eine lächerliche Verfolgungsjagd, aber keine Leiche. Wie sagt der geständige Walter Loving am Schluss: «Scheitern und Erfolg sind Geschwister.» Auch auf diesen Schweizer Sonntagskrimi trifft das erste zu.

Auch wenn sie öffentlich nicht dazu stehen: Die Schweizer «Tatort»-Häuptlinge wissen seit vielen Jahren, dass ihre Krimis auch in Deutschland und Österreich mehr schlecht als recht ankommen. Darum ist es noch unbegreiflicher, dass mit einem hektischen One-Take-Streifen voll auf Risiko gesetzt wurde. Oder war es pure Verzweiflung?

 

 


René Hildbrand
René Hildbrand ist Journalist, langjähriger Fernsehkritiker und Buchautor. Während 27 Jahren war er für «Blick» tätig, danach Chefredaktor von «TV-Star».

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Kommentare

  • Matthias Walti, 06.08.2018 08:33 Uhr
    Naja, man soll im öffentlich-rechtlichen was ausprobieren dürfen, mit dem Risiko zu scheitern. Die einzige Kameraeinstellung war ganz reizvoll, vielleicht zeigte sie sogar das eigentliche Problem noch besser: die beiden Kommissare überzeugen schauspielerisch einfach nicht. In jedem Verhör etwa verliert Flückiger zuverlässig vorhersehbar die Nerven, seine Kollegin hatte gestern ebenfalls wieder Schnappatmung bei Sachen, die für Ermittlungsprofis doch eigentlich Alltag sein sollte. Der ewige Gotthelf-Singsam bei den Dialogen ist ein weiteres Beispiel, vor allem weil der österreichische Hauptdarsteller ihn eben nicht hatte und tatsächlich sehr überzeugend war.
  • Mario Begert, 06.08.2018 12:25 Uhr
    Mit Ihrer TV-Kritik, lieber Herr Hildbrand, liegen Sie m.E. wieder einmal völlig daneben vom Publikum und anderen Medienkritikern. So erhält der Schweizer Tatort in den deutschen Medien ein sehr gutes Zeugnis. Bspw: Eine Online-Umfrage der FAZ hat ergeben, dass die Mehrheit der Zuschauer den gestrigen Tatort als "Spanned, überzeugend, lückenlos" bewertet. Sie finden die aktuellen Resultate auf FAZ-online. Auch bezeichnet die FAZ den gestrigen Tatort als Start in die neue Saison (also auch hier liegen sie daneben). Dass gestern wegen der Sommerhitze (und den Sommerferien) weniger Zuschauer vor der TV-Kiste sassen, kann sein. Nur: Der Tatort liegt noch einige Wochen in den Online-Mediatheken zum Anschauen bereit. Sehr viele Zuschauer schauen heute - im Digitalzeitalter - so TV! Sie selber gehören vielleicht neben den Bettlägrigen und den Altersheim-Bewohnern zur aussterbenden Spezies, die noch brav am Sonntagabend um 20 Uhr den Tatort schaut (nach der obligatorischen Tagesschau). Die gestrige Quote zeigt also nur, wie viele Leute sich den Tatort gestern um 20 Uhr anschauten. Viele werden sich den Krimi noch in den nächsten Tagen anschauen, einige schauen sich diesen vielleicht sogar online in den Ferien am Strand an. So läuft das heute. Mich dünkt, sie sind nicht mehr ganz à jour? Alfred Hitchcock hatte seinen Film "Rope" damals vielleicht bitter bereut, wie sie schreiben. Aber ich bin mir sicher, er hätte sich - würde er noch leben - längst eine andere Meinung. Denn gerade "Rope" ist heutzutage regelrecht Kult und eine Delikatesse bei vielen Cineasten. Ich persönlich finde es ein höchst spannender Thriller. Hitchcock war seiner Zeit voraus, und er durfte sich dieses sehenswerte Experiment leisten. "Rope" ist heutzutage immer im Programm, wenn wieder mal eine Hitchcock-Filmreihe gezeigt wird. Es ist ein gutgemachter Film, der Gänsehaut erzeugt, ohne dass man Mord und Totschlag sieht. Das ist Filmkunst! Das es beim Tatort ab und zu wackelte, hat mit dieser Art von Produktion zu tun (ohne Schnitt, in Echtzeit). Es vermittelte einem, als ob man direkt dabei sei, von dem her war das überhaupt nicht störend. Wackelbilder bekommen wir auch regelmässig von der Sendung "Kulturplatz" aufgesetzt, dort wird aber extra gewackelt, dort gilt es dann als "stylish" und "künstlerisch" interessant. Also ich persönlich finde es grossartig, dass ein Tatort einmal etwas experimentell daher kam, und einmal mit den gewohnten Sehgewohnheiten brach. Das war grosses Kino gestern, und ich bin mir sicher: ich bin mit meiner Meinung nicht alleine. Das TV produziert Sendungen für ihr Publikum, nicht für TV-Kritiker.
  • Dr. Peter Finke, 06.08.2018 16:42 Uhr
    Dies war einer der besten Tatorte, die ich seit langem gesehen habe. Nichts für solche Langweiler wie Herrn Hildebrand, die immer dasselbe und keine Experimente sehen wollen, die Regisseure mit Ideen nicht ertragen, für die ein Tatort ein ordentlicher Krimi sein muss mit glaubhafter (langsamer, damit sie mitkommen) Entwicklung, schön ruhiger Kamera (weil sie sonst zu aufgeregt werden und den Überblick verlieren), jedenfalls bitte nicht experimentell. Und wenn einer mal ein Experiment mit einer durchgefilmten Handkamera gemacht hat, dann ist das verbrannt (er hat's ja gemacht, also das war's), dann darf auf uns wieder die gewohnte Schnittsoße warten. Nein nein, lieber Herr Rezensent: Mich stört es nicht, wie konventionell sie gucken möchten. Mich stört es, dass Sie so tun, als sei Ihr Guckstil maßgeblich. Er könnte es werden, wenn nämlich unsere Sender ihren Mut, den sie ja allzu selten aufbringen, wegen solch schulmeisternder Rezensionen wie Ihren ganz aufgeben und wie Gucker so ungewöhnliche Erlebnisse künftig noch seltener haben werden. Deshalb bleibe ich gern dabei: Kompliment der Autor und Regisseur, dem fantastische Kameramann, der natürlich die Hauptperson war gestern abend, obwohl man ihn nie sah, im nur atemlos folgte: Spannung, die diemal hauptsächlich durch die Kameratechnik erzeugt wurde, dazu gute Schauspieler. Alles Gewöhnliche war nebensächlich. Großes Kompliment!
  • Gerhard R. Urban, 06.08.2018 23:27 Uhr
    Herr Hildbrand! Ihre Meinung ist wohl folgende: Alles Neue ist schlecht und Kritik darf niemals positiv sein. Sonst wären Sie nicht einer der wenigen "Profis", die diesen Tatort verrissen haben. Wobei das Wort "Profi" mit Ihrem Namen verbunden nicht geschrieben erden dürfte. Nehmen Sie sich ein Beispiel an Chr. Buss von Spiegel Online, der eine objektive Kritik geschrieben hat und 9 von 10 Punkten verteilt hat. Ich kann auch nichts dafür, dass Ihnen Delya Mayer und Stefan Gubser nicht sympathisch sind.
  • Andreas Steinmann, 07.08.2018 11:39 Uhr
    In der Regel kann ich mit den üblichen «Tatort»en überhaupt nichts anfangen. Der Tatort «Die Musik stirbt zuletzt» ist aber etwas vom Besten, was ich an üblichen Krimis schon gesehen habe. Für mich ist er ein Kunstwerk vom Feinsten, abseits ausgelutschter billiger Krimi-Kost. Angefangen bei dem ironisch-spöttischen Darsteller, der durch den Krimi führte, bis zu all den starken Figuren war alles da, was einen guten Film ausmacht. «Die Musik stirbt zuletzt» ist eben mehr als nur ein Krimi!
  • Andreas Steinmann, 07.08.2018 11:56 Uhr
    Bravo+ Die «Tatort»-Krimis gefallen mir in der Regel überhaupt nicht! «Die Musik stirbt zuletzt» von Dani Levy war aber schlichtweg ein phänomenal gemachter Film! Jürg Mosimann hat Recht, wenn er in seiner Krimi-Kolumne in der Berner Zeitung diesen Schweizer «Tatort» als Kunstwerk bezeichnet. Ich habe noch selten einen Fernsehfilm von solcher Dichte, Natürlichkeit und Spannung gesehen. Da ist dem Schweizer Fernsehen ein Highlight sondergleichen gelungen, das weit über den gewöhnlichen Krimi hinausgeht! Weiter so!
  • Jürg Mosimann, 07.08.2018 13:35 Uhr
    Lieber René Tut mir leid, aber ich muss dir widersprechen. Dani Levis' Unterfangen ist nicht "gründlich misslungen". Im Gegenteil. Aus meiner Sicht war es ein Kunstwerk. Wenn ich etwas kritisieren würde, dann die Darstellung der kriminalpolizeilichen Arbeit - soweit es überhaupt so etwas wie Ermittlungen gab. Aber nimm's nicht so tragisch. Du bist es je gewohnt, mit deiner Meinung mitunter (fast) allein dazustehen. Kollegialer Gruss Jürg
  • Priska Meienberg, 08.08.2018 00:03 Uhr
    Eigentlich ist es eine grosse Frechheit, dass sich Herr Hilbrand über Bettlägrige, Bewohner von Seniorenheimen und Gefängnisinsassen lustig macht ... das könnten nämlich seine ehemaligen Jugendfreunde sein! Herr Hildbrand müsste auch wissen: Auch in Seniorenheimen gibt es einen Knopf, um umzuschalten, falls der Tatort schlecht wäre. Auch in Seniorenheimen gibt es mind. 50 Sender im Kabelnetz, auch Senioren haben Internet. Nicht alle sind so debil, als dass sie die neuen Medien nicht zu nutzen müssten .... Aber ja, Leute wie Herr Hildbrand gehören einfach noch zur Kategorie, die sich nicht vorstellen können, dass viele Leute von heute nicht mehr linear TV-gucken, sondern ihr Menu online zusammenstellen. Es ist super, dass TV SRF den Tatort in seiner Mediathek online zum Anschauen bereit hält. Übrigens: Dieser Tatort war super. Gratulation auch zur guten Zuschauerquote, trotz Sommerferien und Gluthitze. Was Herr Hildbrand angeht: soll er doch lieber eine TV-Kritik über die Teleboy-Sendung vom 31.12.1976 schreiben. Dort wäre er evtl. kompetenter (ohne Gewähr). Der Tatort ist einfach zu komplex für einen Kritiker seines Jahrgangs. Ein Tipp an die Persönlich-Redaktion: Warum nicht einmal eine TV-Kritik von jüngeren Leuten (z.B. eines Millenials) bringen? Von Leuten, die hier und jetzt im Leben stehen? Wäre doch ein innovativer Ansatz?
  • Sam Bischof, 08.08.2018 00:09 Uhr
    TV-Kritik zum Tatort vom 5.8.2018: Einmal mehr total ins Leere geschossen. Lasst endlich mal einen richtigen Journalisten ans Ruder, danke!
  • Stefan Siegrist, 08.08.2018 00:25 Uhr
    Warum muss Herr Hildbrand Alfred Hitchcock einen "Starregisseur" nennen? Hitchcock hätte sich himself nie so genannt. Er war ein Regisseur, der Stars machte. Immerhin gibts eine Gemeinsamkeit mit dem sogenannten "TV-Kritiker" von persönlich.com: Auch er macht gerne aus jedem einen Star: Ob ehemalige Miss-Schweiz, Nachrichtensprecher oder Quizmaster bei SRF - für ihn sind das Stars, müssen sie auch sein, sonst hätte man die Zeitschrift TV-Star einstampfen müssen (gibts dieses Heftli eigentlich noch?). Kurz und gut: 1. Die TV-Kritik zum Tatort ist wohl ein schlechter Witz, oder? 2: Der Tatort war richtig gut! Bravo Dani Levy!
  • Eric Blass, 09.08.2018 04:57 Uhr
    Sehr geehrter Herr Hildbrand Gehen Sie doch Wandern oder Fischen. Praktizieren Sie Yoga oder bekochen Sie Freunde und trinken eine gute Flasche Wein dazu. Vielleicht hilft das ja, die Welt etwas positiver zu sehen. Mit freundlichen Grüssen. Eric Blass.
  • Henri Leuzinger, 10.08.2018 11:04 Uhr
    Tja, René Hildebrand verfährt methodisch mit seiner wenig fundierten Kritik nach der WeWo-Manier: Wenn alle begeistert sind, dann wollen wir doch kräftig dagegen sein. Mit Verlaub, das ist substanziell kein Ansatz zu einer Filmkritik. Das gelungene Kunststück des one-take-films - ein Riesenkompliment an den Kameramann und die Regie - verhalf der historisch interessanten Geschichte zu einem unglaublichen Drive. Dass dabei auch der eine oder andere Schwenk etwas hektisch geriet, sei gerne mit der Hitze des Gefechtes entschuldigt. Zu diskutieren wäre indessen die Rolle des Juniors, der einerseits in das Geschehen integriert ist, andererseits sich direkt ans Publikum wandte und quasi reflektierend Aspekte des laufenden Geschehens kommentierte und über die Bedingungen des Fernsehens räsonierte. Das fand ich völlig überflüssig, das Publikum braucht keine Seh-Anleitung. Dass die Zuschauerquote nicht sehr hoch war, lag wohl weniger am Film selbst, sondern am schönen Sommerabend, der viele Leute nach draussen zog.
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