25.10.2011

Uebersax krempelte das Blatt um, machte es besser und professioneller

Dem Namen nach kannte ich Peter Uebersax schon lange. Er war der legendäre Blick-Chef der achtziger Jahre, ein Silberrücken des Journalismus, hervorragend aussehend, erfolgreich, ein Chefredaktor, der kristallklar seine Linie durchzog. Er faszinierte mich, ich hatte mich aber nie bei ihm gemeldet. Im Frühling 2002 erreichte mich ein Brief, in dem mir Uebersax kurz nach dem Formatwechsel zur Weltwoche gratulierte. Da ich ihn nicht kannte, lud ich ihn spontan in den "Vorderen Sternen" am Bellevue ein. Uebersax war damals 77 Jahre alt und bei bester Gesundheit, sehr charmant, sehr humorvoll, wir befreundeten uns auf Anhieb. Wir trafen uns danach oft in Zürich, aber auch in seinem Feriendomizil in Spanien. Meistens sprachen wir über Zeitungen und den Journalismus. Uebersax predigte den klassischen angelsächsischen News-Journalismus, den er als Agentur-Mann bei United Press International (UPI), dem CNN der Nachrichtenagenturen, gelernt hatte. Bei der UPI bekleidete Uebersax leitende Auslandkorrespondentenposten. Unter anderem berichtete er aus Spanien. Sein genialer Coup war die Berichterstattung über das Eta-Attentat gegen den Premierminister des spanischen Diktators Franco im Dezember 1973. Carrero Blanco - so hiess der Mann - hätte die faschistische Diktatur nach Francos Tod aufrechterhalten sollen, doch die Eta ermordete ihn durch ein äusserst raffiniert vorbereitetes Bombenattentat beim Besuch einer Kirche. Der hervorragend vernetzte Uebersax lief zur Hochform auf. Seine Berichte waren so schnell und so präzis recherchiert, dass die Redaktion der New York Times auf ihrer Frontseite die Artikel des Schweizers druckte - mit Namenszeile „By Peter Uebersax, UPI“ - und nicht die ihrer zwei Korrespondenten vor Ort. Uebersax bremste die amerikanischen Kollegen aus und wurde auf der Frontpage „gefeatured“, wie es im Jargon heiss. Ein grosser Triumph. Chefredaktor des Blick war er zweimal, als 36-jähriger kurz zu Beginn der sechziger Jahre. Dann holte ihn der spätere Werber Walter Bosch anfangs der achtziger Jahre zum zweiten Mal. Es war ein Glücksgriff. Uebersax krempelte das Blatt um, machte es besser und professioneller. ‚Als ich ankam, tropfte geradezu das Blut aus den Zeitungsseiten‘, sagte mir Uebersax einmal. Er habe die einseitige Ausrichtung auf Kriminalfälle gestoppt, den Blick mehr auf Nachrichten, auf Politik und auf Unterhaltung getrimmt. Nebenbei führte er die legendäre Sex-Kolumne ‚Liebe Martha‘ ein. Uebersax steigerte die Auflage auf 400‘000 verkaufte Exemplare. Der damalige Konzernchef Heinrich Oswald bezeichnete Uebersax als ‚das beste Pferd in meinem Stall‘. Die Familie Ringier verdiente sich eine goldene Nase dank den Leistungen des Chefredaktors. Uebersax galt als harter Hund. Die Weltwoche bezeichnete ihn einmal als ‚Diplomat in einem Schwererziehbarenheim‘. Sein Führungsstil war klar und konsequent. Von Basisdemokratie hielt er nichts. Als Chefredaktor sah er sich zuständig für das Ressort ‚Was macht dr’Blick hüt wieder cheibs?‘, also für den kreativen Impuls der Überraschung. Uebersax fuhr die erste grosse Blick-Kampagne gegen die SRG. Er war ein Bewunderer von SP-Bundesrat Willi Ritschard, bekämpfte die Grünen und nahm die Sorgen seiner Leser ernst, indem er Ausländerkriminalität zum Thema machte. Seine Kampagnen gegen die Hysterie ums Waldsterben brachten ihn bei den Kollegen im Medienmainstream in Verruf. Doch Uebersax bewies den besseren Riecher. Das Waldsterben beruhte tatsächlich grösstenteils auf Einbildung. Sein politisch inkorrekter, auf Fakten basierender news-Journalismus war erfolgreich, aber er führte auch zum Bruch mit dem Haus Ringier. Die neue Führung unter Michael Ringier fand keinen Gefallen am Uebersax-Blick. Der Chefredaktor fühlte sich zu wenig geschätzt. Es gab tatsächlich Szenen der Undankbarkeit nach seiner Pensionierung. Vor allem Verlegergattin Ellen Ringier äusserte sich zum Teil abfällig über den ehemaligen Chefredaktor, der ihr zu wenig links gewesen war. Man ekelte den Hochverdienten richtiggehend heraus. Der Blick wurde nach Uebersax‘ Abgang wieder umgebaut, er driftete nach links, wurde politisch korrekter, biederte sich beim Zeitgeist der neunziger Jahre an. Die Klischees des brutalen Boulevardjournalisten, der gegen Grüne und Tamilen anschrieb, werden der Persönlichkeit von Uebersax überhaupt nicht gerecht. Der Journalist stammte aus einer sehr kultivierten Familie, seine Mutter, eine Russin, war Malerin, sein Vater Chemiker. Uebersax selber gehörte zu den Schweizer Journalisten mit dem wohl grössten internationalen Horizont. In seiner Herrliberger Wohnung war ein handsignierter Dankesbrief des spanischen Königs Juan Carlos. Ich habe Peter als einen äusserst humorvollen, intelligenten und instinktsicheren Menschen erlebt. Wir haben oft darüber nachgedacht, wie es wohl gewesen wäre, wenn wir beide zusammengearbeitet hätten. Es wäre mir eine Ehre und eine Freude gewesen, unter dem grossen Chefredaktor Peter Uebersax zu dienen.

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