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Aufstand gegen die alten weissen Männer

Matthias Ackeret

Roger Schawinski dominiert die Schlagzeilen. 50 Jahre nach dem Start seiner Fernsehkarriere, 40 Jahre nach der Gründung von Radio 24 und ein Vierteljahrhundert nach TeleZüri löste er einen medialen Sturm der feinsten Art aus: zuerst wegen des Sendeabbruchs mit Markus Somm auf Radio 1, anschliessend wegen des falschen Zitats einer deutschen Edelprostituierten in seiner Talkshow «Schawinski». Der Shitstorm, der darauf folgte, war bemerkenswert. Nüchtern betrachtet ein gefährlicher Mix aus Abrechnung und Me Too. Nur der Brand der Notre Dame verdrängte den Medienpionier aus den Schlagzeilen.

Ähnlich Christoph Blocher. Auch er steht ein halbes Jahrhundert im Aufmerksamkeitsgeschäft. Obwohl seine Partei soeben wieder totgesagt wurde, kein Tag ohne Blocher-Headline. Ein Paradox. Einen Tag nach Notre Dame lud er zur Medienkonferenz. 30 Journalisten kamen, die Internetportale übertrugen live. Hätte es keine Zugsausfälle gegeben, wären noch mehr Medienvertreter erschienen. Thema keines, oder präziser – eines: Christoph Blocher. «Sie fragen, was Sie wollen», leitete der Ex- Bundesrat ein, «ich gebe die Antworten». Das gab es in der Schweiz noch nie.

«Totgesagte leben länger», lautet ein Bonmot. Für die Schweiz gilt aber: sie leben am längsten. «Momentan erlebe ich eine Abrechnung mit den alten weissen Männern», folgert Schawinski. Er irrt, eigentlich ist es deren medialer Triumph. Spätestens seit Trump wissen wir, wer die Schlagzeile dominiert, muss interessant sein, Inhalt und Tonalität sind zweitrangig.

Trotzdem: weisshaarig ist Schawinski längst noch nicht. Das wissen wir aus seiner TV-Show.

Das wäre einmal ein echter Skandal.



Matthias Ackeret ist Verleger von «persönlich» und persoenlich.com

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Kommentare

  • Victor Brunner, 23.04.2019 18:29 Uhr
    MA irrt, der mediale Triumph ist eher ein Altersgeschank an Blocher und Schawinski. Wer nimmt die noch ernst? Nur noch eine Schar Hardcore-Fans ohne Anspruch. Blochers Reich zerfällt. Zürich, Aargau, Basel-Land, Basel-Stadt, Neuenburg. Schawinskis Zeit bei SRF ist auch absehbar. Immer Gockel schauen wird für Zuschauer langweilig, nur noch Wow-Effekte ohne Inhalt halten die Sendung über So sind die beiden Herren trotz medialer Aufmerksamkeit bereits im Koma-Stadium. Dass das MA nicht sieht erstaunt mich, oder darf er es nicht sehen?
  • Dieter Widmer, 24.04.2019 05:34 Uhr
    Da sich Roger Schawinski seit vielen Jahren die Haare färben lässt, kann er gar nicht weisshaarig sein. Weisshaarig ist mir lieber als Arroganz und Selbstsverliebtheit.

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