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Chli stinke mues es

Fibo Deutsch

Es ist Vergangenheit, das Fernsehstudio von TeleZüri auf dem Steinfels-Areal in Sichtweite der Europabrücke, nahe beim Escher-Wyss-Platz in Zürich. Redaktion und Studios im dritten Stock, wo Patty Boser Ehen schmiedete, zuerst Roger Schawinski und später Markus Gilli heisse Diskussionen führten sowie Daniela Lager und Hugo Bigi die «Nuus» verbreiteten, müssen nach 27 Jahren umziehen. Nach Oerlikon, nahe zum Schweizer Fernsehen beim Leutschenbach. Aus Kosten- und Effizienzgründen. Matthias Ackeret, Mitarbeiter der ersten Stunde bei TeleZüri, hat auf persoenlich.com den Start des ersten Schweizer Lokalfernsehens im Oktober 1994 in bewegter Anteilnahme bereits beschrieben. Doch die Vergangenheit hat eine Vorvergangenheit. Ein Stück Zürcher Mediengeschichte.

Roger Schawinski, der heute 76-jährige Radiopionier und Vater des ersten Lokalfernseh-Senders TeleZüri, hat damals Glück gehabt. Denn beinahe wäre vor 30 Jahren der begehrte Standort für sein Studio in Zürich-West bereits besetzt gewesen. Es war im Jahr 1986, als eine umstrittene Zürcher Politikerin den Entscheid fällte, das Industriegebiet im Westen der Stadt dürfe nicht zweckentfremdet umgezont und benutzt werden. SP-Stadträtin Ursula Koch, Vorsteherin des städtischen Hochbauamtes, ob ihrer linken Haltung umstritten, stoppte mit ihrem Entscheid jäh ein ambitiöses Grossprojekt des Medienunternehmens Ringier. Auf dem Areal der ehemaligen Seifensiederei Friedrich Steinfels sollte ein grosses Zentrum für privates Fernsehen gebaut werden. Die Detailplanung sah ein grosses Studio mit viel Raum für Zuschauer, Nebenräume für Produktion, Garderoben und Restaurant vor.

Ich war damals Mitglied im Stab der Unternehmensleitung von Ringier und in die Planung integriert. Federführend bei diesem Projekt war das Mitglied der Ringier-Unternehmensleitung Rolf Balsiger, Chef über das Personalwesen, umtriebiger Verwalter aller Immobilien, Mitglied des Gemeinderates und Präsident des Zürcher Zoos. Er war es, der in den 1970er-Jahren frühzeitig das Ende der Autogarage Agence Americaine an der Dufourstrasse erkannte und die begehrte Liegenschaft für den Bau des Pressehauses sicherte. Beim Steinfels-Fernsehen machte ihm die Stadträtin einen Strich durch die Rechnung: Trotz Verträgen und vielversprechendem Projekt verweigerte sie Ringier die Baubewilligung. Wikipedia beschrieb die Intentionen von Frau Koch damals wie folgt: «Sie widersetzte sich der Öffnung der früheren Industriezonen für Büronutzungen. Sie verkündete bei ihrem Amtsantritt: Die Stadt ist gebaut. Sie muss nicht neu, sondern umgebaut werden.» Ein Mitarbeiter ihres Departementes erklärte mir damals: «Industrie macht Lärm und stinkt. Fernsehen ist Büro und keine Industrie.» Gleichzeitig meldeten englische Studio-Berater plötzlich Bedenken für den Standort. Die Nähe der Europabrücke bedeute Gefahr von Erschütterungen für das Studio und massive Bauverteuerung.

Rolf Balsiger und Ringier sahen in Frau Kochs Ablehnung des Projektes angesichts der Steigerung der Kosten und neuen Probleme eine willkommene Lösung für einen Ausstieg aus allen Verpflichtungen. Das Risiko war zu gross geworden. Koch sei Dank. Ihre Verweigerung war aber nur von kurzer Dauer: Wenig später änderten die Behörden den Gestaltungsplan für das Industriegebiet mit Steinfels. Das Multiplexkino Cinemax, heute Blue Cinema, und das Restaurant Back & Brau, durften Einzug halten. Der Weg wurde frei für Roger Schawinski mit seinen Mitstreitern und den Bau eines abgespeckten Studios mit Redaktion von TeleZüri. Am 3. Oktober 1994, nach nur fünf Monaten Bauzeit, ging TeleZüri erstmals auf Sendung. Und Ringier war jetzt trotzdem wieder mit dabei – seit der Gründung des Senders 1992 als 50-Prozent-Partner an der TeleZüri AG. Den Startabend erlebte ich vor Ort als Vertreter von Ringier im Verwaltungsrat direkt hinter der Nachrichtensprecherin Daniela Lager (im Bild mit Blumenstrauss).

Tele Züri 1994

Das ist die Geschichte, wie eine linke Zürcher Stadträtin ein Grossprojekt von Ringier stoppte. Aber es war, wie man sehen konnte, nicht das Ende: Am 17. Juni 1992 skizzierte Roger Schawinski in meinem Büro an der Dufourstrasse auf einem karierten Ringier-Block die Geburtsurkunde von TeleZüri mit Budget, Konzept und Partnerschaft (siehe Bild unten). Es war die Schöpfungsstunde eines grossen Erfolges. Und ich werde meinen Enkeln dereinst stolz erzählen: Ich bin dabei gewesen …

TeleZüri 920617



Hans Jürg (Fibo) Deutsch arbeitete seit 1960 für Ringier und hatte die verschiedensten Funktionen, unter anderem Chefredaktor der Schweizer Illustrierten.

Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

 

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