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Der Abgang der alten Männer

Matthias Ackeret

„Gott hat’s gegeben, Gott hat’s genommen,“ orakelte Leo Kirch 2002. Tage später war er Pleite. Der vor wenigen Tagen verstorbene Filmhändler hatte zu seinen besten Zeiten nicht nur Pro7, Sat1, einen Grossteil des Springer-Verlags, sondern auch die Fantasie seiner Gegner beherrscht. Es ist ein bizarrer Zufall, dass praktisch zeitgleich das Reich seines einstigen Widersachers, des australischen Medienzampanos Rupert Murdoch, langsam zerfällt. Während Kirchs politischer Einfluss eher gering war, manipulierte Murdoch, wie die englische Abhöraffäre zeigt, die englische Classe politique. Eine Steigerung wäre nur noch Silvio Berlusconi, der sich von seiner Showbühne direkt ins Zentrum der Politarena zauberte. Aber auch dessen Abgang ist absehbar. Zusammenfassend: Die Ära der klassischen Medienmogule ist wohl definitiv vorbei. In Zukunft werden die grossen Medienhäuser und Fernsehanstalten verstärkt von anonymen Aktionären und Hedgefunds kontrolliert. Ob dies mehr Qualität garantiert, ist fraglich. Zumindest eine gute Facette hat die englische Abhörskandal: Man kennt mit Rupert Murdoch den verantwortlichen Verleger, selbst wenn er jegliche Verantwortung bestreitet. Seine Reuebekenntnisse mögen zwar geheuchelt sein, von Murdoch eine Entschuldigung für seine Grossmachtallüren zu verlangen, würde doch zu weit greifen. Weltweit hat noch nie ein Medienhaus seine eigene Macht kritisiert. Oder hat sich die SRG schon einmal über ihre Grösse beklagt, die Tamedia über ihren Vormachtsdrang, der Ringer-Verlag über Frank A. Meyers Politkungeleien oder die AZ-Medien über ihren Einfluss im Mittelland? Diese Woche beteuerte Tamedia-Geschäftsführer Martin Kall im hauseigenen Tages-Anzeiger: „Tamedia ist kein Moloch.“ Alles andere, so Kall, sei Provokation. Oder in der Diktion des verstorbenen Leo Kirch: Gotteslästerung.
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