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Die Lehre der Leithammel

Nathaly Bachmann

Sie fallen mit populistischen Reden, einer unverkennbaren Haltung der Hände oder auch mal mit einer neuen Frisur auf. Führungspersönlichkeiten auf der ganzen Welt überzeugen Massen von sich und ihrer Politik. Doch ihre Besonderheiten machen nicht ihre eigentliche Überzeugungskraft aus. Was überzeugt, ist auch nicht zwingend der Inhalt. Was macht Trump, Johnson und Co für ihre Wählerschaft so glaubhaft?

Dazu wage ich einen Blick zwischen die Zeilen, denn ihr Wirksamkeit liegt nicht einzig an den teils simplen Botschaften, sondern in der Unbeirrtheit, mit welcher der Leithammel scheinbar jegliches Treiben um seine Person und Politik an sich abprallen lässt. Es ist das selbstbewusste Schmunzeln einer Bundeskanzlerin, mit welchem sie eine Suggestivfrage beantwortet. Es ist die coole Reaktion einer Premierministerin auf ein Erdbeben während einer Pressekonferenz. Es ist die Sorglosigkeit eines Präsidenten, der sich trotz Konfrontation mit einem Amtsenthebungsverfahren nicht aus der Ruhe bringen lässt. Dieses schützende Mäntelchen nennt sich Gelassenheit. Unangestrengt und natürlich, denn sie haben es sich selbst genäht.

Beispiele finden sich nicht nur im Reichstag oder im White House. Auch die Schweiz hat mit Alain Berset ein Exemplar par excellence gefunden. Gegensätzliche Studien zur Wirksamkeit von Masken liessen viele ratlos zurück. Nicht aber Berset. Unbeirrt von anderen Stimmen relativierte er das Tragen von Masken konstant. Er tat dies mit solch souveräner Gelassenheit, dass seine Einschätzung kaum hinterfragt wurde. Und mit Erfolg: Stand heute tragen in den ÖV gerade mal zehn Prozent der Passagiere eine Maske.

Bersets Auftreten vereinfacht ihm zugegebenermassen einiges. Denn wer sich auf Spielchen einlässt, sich in die Ecke drängen lässt, dessen Fall kann tief sein. Das musste auch Meghan Markle bitter erfahren, nachdem sie im naiven Glauben an ein Stück Gerechtigkeit die britische Presse zur Rechenschaft ziehen wollte. Die Gelassenheit, die bei ihrer Ankunft im Königreich noch zu spüren war, schwand zunehmend. Genau wie ihr Image. Deshalb: etwas Gelassenheit, wenn auch bestimmt einfacher gesagt als getan, empfiehlt sich wohl in jedem Bereich unserer Gesellschaft.

Was lehren uns diese Persönlichkeiten? Mehr Achselzucken, Passivität und Gleichgültigkeit gegenüber dem Weltgeschehen? Das wäre eine fatale Missdeutung meines Anliegens! Gelassenheit bedeutet nämlich nicht Gleichgültigkeit oder Emotionslosigkeit. Wahrhaftig gelassen zu sein bedeutet viel mehr, die Dinge zu nehmen, wie sie kommen, «s'Füfi eifach mal la grad si».

Kommunikation – privat ebenso wie im Job – lebt von Gelassenheit. Denn sie setzt voraus, dass wir uns selbst treu bleiben, auf die eigenen Stärken vertrauen und uns selbst damit nie in Situationen bringen, in denen wir uns selbst verleugnen müssen. So gesehen liegen Authentizität und Gelassenheit ziemlich nahe beieinander und bedingen sich gegenseitig. Authentische, wahrhaftige, Kommunikation führt zu einem gelassenen Auftritt, der wiederum essenziell ist, um zu überzeugen.

Zugegeben, an den Frisuren der Chefinnen und Chefs dieser Welt möchten wir uns kein Beispiel nehmen, doch wir können uns etwas von ihrer Gelassenheit für unseren nächsten Auftritt abschauen.



Nathaly Bachmann ist Expertin für Kommunikation und Leadership. Sie ist Gründerin und CEO von Essence Relations.

Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

 

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