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Eine gefährliche Hauruck-Imagekorrektur

Marcus Knill

Die Politologen waren sich einig: Emmanuel Macron wurde nur so eindeutig wiedergewählt, weil man Marine Le Pens Sieg verhindern wollte. Die Franzosen glaubten, mit Macron das kleinere Übel zu wählen. Es war gleichsam eine Wahl zwischen Pest und Cholera.

Macron wurde nervös, als Le Pen in den Umfragen enorm aufgeholt hatte. Die Medien schrieben bereits vom Kopf-an-Kopf-Rennen. Der angeschlagene Präsident musste sein angeschlagenes Image korrigieren. Er galt als elitär und arrogant. Tatsächlich gelang es ihm, sein Bild zu korrigieren. Er und sein PR-Team hatten erkannt: Die Öffentlichkeit sollte den Kandidaten als volksnah empfinden. Es galt, sein Image rasch zu beeinflussen. Er hörte beispielsweise bei den Duellen der Konkurrentin plötzlich viel besser zu. Er griff sie an, ohne aggressiv zu wirken.

Auf das dämliche Grinsen, die gespielte Jugendlichkeit und das Besserwissertum wurde verzichtet.

Macron kann von Glück reden, dass die Hauruck-Korrektur der Berater nicht medial ausgeschlachtet wurde. Mit allen Mitteln wurde nämlich versucht, Macrons Image zu beeinflussen.

Auf einem Foto sah es so aus, als würde der sonst so stilbetonte Politiker den erfolgreichen ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj kopieren. Es gab Aufnahmen, da zeigte er sich im Kapuzenpullover und mit Bartstoppeln. Dies war eine fragwürdige Aktion. Dann setzte er noch einen drauf. Da wurde ein Bild von Macron – breitbeinig auf einem scheusslichen Sofa sitzend – Hemd offen, Brusthaar raus, veröffentlicht. Die Aufnahme stammte von seiner offiziellen Fotografin und ist keine Fotomontage seiner Gegner, um ihn lächerlich zu machen. Die Aufnahme wurde in der Bilderreihe «Une journée avec le candidat» auf dem Instagram-Kanal publiziert.

Das Macron-Team hätte wissen müssen, dass eine krasse Imagekorrektur kontraproduktiv ist. Wer krampfhaft einen Kontrast inszeniert, verstärkt im Grunde genommen tatsächliche Schwächen. Erstaunlich, dass die Zurschaustellung der Lässigkeit bei der Wahl nicht deutlicher abgestraft wurde. Wahrscheinlich holte Emmanuel Macron noch einige Punkte, weil er sich zu den Unzulänglichkeiten während seiner Amtszeit einsichtig zeigte. 



Marcus Knill ist Experte für Medienrhetorik, Coach, Dozent und Autor von rhetorik.ch.

Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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