BLOG

Es steht und fällt mit den Journalisten

Guy Parmelin

Die Schlagzeile, das Nachrichtenportal watson eröffne einen Ableger in der Romandie, ist auch mir nicht entgangen. Und ja, ich freue mich darüber! In den letzten Jahrzehnten hat sich in der Westschweizer Medienlandschaft viel getan, und dabei waren positive Mitteilungen doch eher Ausnahmen. Mehrere gewichtige Titel sind verschwunden, andere haben nur dank Fusionen und neuen Zusammenarbeitsmodellen überlebt. Der Medienvielfalt tut es deshalb gut, wenn neue Konkurrenz stimuliert und die Schreibenden zu neuen Recherchen und Themen animiert werden.

Wir alle wissen, dass es im Journalismus nicht immer einfach ist, die Balance zwischen Pflichtstoffen und Eigenleistungen zu halten – oder besser: Letzteren etwas mehr Gewicht zuzumessen. Der Austausch mit den Partner-Redaktionen in der Deutschschweiz und warum nicht auch in Deutschland kann hier eine echte Bereicherung sein. Die Frage «What’s on?» findet in verschiedenen Regionen und Ländern unterschiedliche Antworten, die sich aber oftmals auch in angepasster Form übernehmen lassen.

Ich gebe gerne zu, vor zwei oder drei Jahrzehnten noch hätte ich in die Kritik eingestimmt, grosse Deutschschweizer Medienhäuser würden mit ihrer Kaufkraft die lokalen Medien verdrängen und dabei ihre Sichtweise aufzwingen. In den Jahren vor und nach der EWR-Abstimmung war der Röstigraben ausgeprägt. Aber die Zeiten haben sich geändert – und damit auch die Erkenntnisse betreffend Journalismus und Medienvielfalt. Die Ansprüche an die Journalistinnen und Journalisten sind gestiegen: Sie müssen – Online verpflichtet – schneller sein und übernehmen oft mehrere Funktionen, illustrieren und korrigieren sie doch ihre Texte selber, oder sie filmen und sorgen für einwandfreie Tonaufnahmen, während sie ein Interview führen. Die grossen Medienhäuser stellen ihnen die dafür nötigen Mittel zur Verfügung und wissen dabei sehr genau, dass sie mit Übersetzungen allein die Medienkonsumierenden nicht überzeugen.

Sie sind damit zu Garanten für die Medienvielfalt geworden und haben ein Interesse daran, dass die lokalen Journalistinnen und Journalisten ihre Arbeit gut machen können. In diesem Sinn heisse ich watson in der Westschweiz herzlich willkommen und freue mich auf interessante Nachrichten und Analysen der schreibenden Romands




Guy Parmelin ist Schweizer Bundespräsident. Dieser Text erschien erstmals in der zweisprachigen «persönlich»-Sonderausgabe zum Start von watson Romandie. 

Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

Kommentar wird gesendet...

Kommentare

Kommentarfunktion wurde geschlossen

Die neuesten Blogs

03.03.2021 - Matthias Ackeret

Ehrrettung für den Schweizer «Tatort»

Der Schweizer «Tatort» wird stark kritisiert, vor allem vom Tages-Anzeiger. Zu Unrecht.

Zum Seitenanfang20210306