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Liebe Mobiliar…

Matthias Ackeret

Vor dreissig Jahren, nach dem Fall der Berliner Mauer, prägte der ehemalige deutsche Kanzler Willy Brandt ein mittlerweile zu Tode zitiertes Bonmot: «Nun wächst zusammen, was zusammengehört.» Beim Ringier-Mobiliar-Deal lässt sich die Brandtsche Aussage nur beschränkt anwenden: «Eigentlich passen unsere beiden Firmen nicht zusammen», meinte Mobiliar-CEO Markus Hongler am Montagmorgen im Ringier-Pressehaus, um sogleich – als Gegenbeweis – mit einer alten Liebeserkenntnis zu kontern: «Gegensätze ziehen sich an.»

Eins ist klar: Das Interesse an der Beteiligung an Ringier ist gross, für einen Mediendeal erstaunlich gross. Das hat verschiedene Gründe:

Erstmals hat das Familienunternehmen Ringier, mit Ausnahme von CEO Marc Walder, der bis anhin 10 Prozent der Aktien besitzt, einen externen, und zudem branchenfremden, Partner beigezogen. Walder ist ehrlich, sein Unternehmen brauche Geld. Die ganze digitale Transformation, die Ringier praktiziert, kostet viel, sehr viel. Bis jetzt geschätzte zwei Milliarden Franken. Mittlerweile sollen aber bereits 70 Prozent des Konzerngewinns aus dem Onlinegeschäft stammen, was weltweit aussergewöhnlich ist. Was bedeutet, dass Ringgi und Zofi voll im Transformationsprozess stehen. Vorbild bei diesem Deal ist der grosse Bruder in Deutschland, wo die amerikanische Börsengesellschaft KKR an Axel Springer beteiligt ist.

Markus Hongler, CEO der Mobiliar, erhofft sich im Gegenzug für sein Unternehmen mehr Einblick in das Digitalgeschäft. Versicherungen gelten immer noch als konservativ, sind bis anhin von der ganzen Onlinerevolution verschont geblieben. Trotzdem will Mobiliar, die Nummer zwei im Schweizer Markt, Gas geben. Bis anhin habe man rund eine Milliarde Franken ins Digitalgeschäft investiert, so Hongler. In der Zusammenarbeit mit Ringier erhofft man sich mehr Know-how, vor allem im internationalen Bereich. Die Zusammenarbeit bei Scout 24 machte scheinbar Lust auf mehr. Während die hiesigen Mitbewerber - Axa, Allianz oder Zurich - Teil eines weltweiten Konzerns wären und einen länderübergreifenden Austausch pflegen können, sei die Mobiliar auf sich alleine gestellt. Die radikalen Umbrüche im Mediengeschäft scheinen Hongler Eindruck gemacht zu haben. Man wolle den Zug im Digitalgeschäft nicht verpassen, so der Mobiliar-CEO.

Für Ringier ist der neue Aktionär zweifelsohne ein Gewinn. Eine urschweizerische Traditionsmarke, noch ein paar älter Jahre älter als das Zofinger Medienhaus, garantiert Solidität und im Notfall frisches Kapital. Kein Hedge Funds, keine Heuschrecken, sondern eine patente Genossenschaft mit zwei Millionen Kundinnen und Kunden und einem Hauptsitz unmittelbar neben dem Bundeshaus, deren Erfolgsslogan lautet: «Liebe Mobiliar.»

Zusammenfassend spiegelt der Einstieg von Mobiliar bei Ringier die Medienrealität. Noch vor zehn Jahren hätte ein solcher Deal Kopfschütteln provoziert und man hätte dem Blick und all den anderen Ringier-Produkte auf Vorrat die publizistische Unabhängigkeit abgesprochen. Doch heute ist heute: Auf die Frage, wie er es mit der journalistischen Einflussnahme halte, schüttelte Neo-Mitbesitzer Hongler am Montagmorgen verwundert den Kopf: Die Ringier-Publikationen, so der Mobiliar-CEO, interessierten Mobiliar nicht. Deswegen habe sich sein Unternehmen ganz sicher nicht am Medienhaus beteiligt. 



Matthias Ackeret ist Verleger und Chefredaktor von «persönlich».

 

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Kommentare

  • Victor Brunner, 03.02.2020 20:13 Uhr
    UBS und Mobiliar bei Ringier. Das Medienhaus von der Dufourstrasse wird zur Hofnutte von grossen Player. Unabhängiger Journalsimus ist da nur noch ein Aufhänger, es geht nur noch um Kasse. Dorer hat da keine Mühe, er ist anpassungsfähig, die BILANZ wird noch mehr Gefälligkeitsartikel publizieren und FAM wird als alternder Trittbrettfahrer seine Schreibkraft auch gehorsamst mitspielen, Gute Nacht Dufourstrassejournalismus!

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