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Oops, they did it again

René Zeyer

Wer hat was schon wieder getan? So fragen kann nur, wer sich in keiner Form für die kommenden Parlamentswahlen interessiert. Wir verabschieden uns von den Lesern, die sagen: Ach was, wird in der Schweiz gewählt?

Alle anderen wissen, dass es die SVP schon wieder getan hat. Britney Spears trällert in ihrem Liedchen davon, dass sie schon wieder mit dem Herzen eines armen Jungen gespielt, ihm etwas vorgespielt habe. Durchaus nicht unähnlich betreibt die SVP Erregungsbewirtschaftung. Ebenfalls mit wiederholtem Erfolg.

Dazu braucht die stärkste aller Schweizer Parteien nicht mehr als ein Wahlkampfsujet. Während sie früher bei Messerschlitzern und Minaretten und Schafen eher der Holzschnitt-Grafik frönte, präsentiert sie nun einen realistisch dargestellten Apfel. Damit man weiss, wofür der Apfel symbolisch herhalten soll, klebt ein Schweizerkreuz drauf. Aber, oh graus, wurmartiges Ungeziefer hat sich über den Schweizerapfel hergemacht. Damit man auch weiss, wer damit gemeint ist, tragen vier Würmer als Bauchbinde die Farben der politischen Konkurrenten der SVP, also rot, grün, orange und blau.

Ein besonders fetter Wurm, der sich gerade über den Apfel hermachen will, trägt die EU-Sterne auf seinem Leib. Und wer allenfalls immer noch nicht gemerkt hat, worum es hier geht, dem hilft die Schlagzeile daneben: «Sollen Linke und Nette die Schweiz zerstören?» Offenbar gehören für die SVP die EU, die FDP und die CVP zu den Netten, denn als links kann man die schlecht bezeichnen.

Aber um solche Differenzierungen geht es natürlich nicht. Sondern um den Aufschrei, den das Werbesujet auslöst. «Einfach ignorieren», empfiehlt der SP-Fraktionschef, und ignoriert es dann doch nicht. Politische Gegner als Würmer, Ungeziefer, da muss man die Kritiker wirklich nicht zum Nazi-Vergleich tragen. Unerhört, schlimm, primitiv, hetzerisch, halt typisch SVP, sind sich alle anderen Parteien einig.

Vielleicht unerwartet für die SVP hält sich der Schweizer Obstverband vornehm zurück; zu Kampagnen könne er keine Stellung nehmen. Kein Apfelblatt vor den Mund nimmt aber der SVP-Parteipräsident von Mostindien: Ein wurmzerfressener Apfel sei «nicht das, was die SVP-Thurgau gesucht» habe. Genüsslich zitieren die Medien weitere SVP-Exponenten, darunter den im Kanton Zürich antretenden Milieu-Anwalt Valentin Landmann, der meint, eine solche Verunglimpfung des Gegners habe die SVP nicht nötig.

Einzig, das muss lobend erwähnt werden, zeigt der Präsident der absturzgefährdeten BDP etwas Selbstironie und beschwert sich darüber, dass kein Wurm die Parteifarben Geld und Schwarz trage. Während wir noch auf die Untersuchungsergebnisse warten, ob diese Würmer vielleicht aus dem Ausland stammen oder gar der Apfel selbst, oder ob diese Wurmart gar keine Äpfel befällt, fragen wir uns: Hat die SVP das wirklich nötig?

Schauen wir uns die Sache mal kommunikativ an, unter dem Blickwinkel Aufwand und Ertrag. Oder Wirkung minus Kollateralschäden. So gesehen hätte die SVP ein ziemlich grosses Werbebudget aufwerfen müssen, damit ihr Wahlkampfsujet dermassen prominent (und so erst noch gratis) durch die Medien flimmert. Womit es, wie die vorherigen Sujets, einwandfrei ein durchschlagender Erfolg ist. Wie sieht es mit Kollateralschäden und Nebenwirkungen aus?

Muss man die SVP wirklich für so dumm halten, dass ihr die mögliche Assoziation zu den «Volksschädlingen» in der NS-Propaganda nicht selber aufgefallen wäre? Wie verzweifelt muss man als Journalist sein, wenn man den Schweizer Obstverband um eine Stellungnahme anfragt? Hat hier die SVP endlich und einmal mehr die Maske fallen gelassen und ihr wahres, angebräuntes Gesicht gezeigt? So wie es der «Nebelspalter» reflexartig visualisiert; mit einem braun-fauligen Apfel und einem zum Hakenkreuz verunstalteten Schweizerkreuz.

Gemach. In Deutschland, das bis heute zusammenzuckt, wenn man Gröfaz sagt, ginge so ein Wahlplakat natürlich nicht. Aber in der Schweiz? Soweit erkennbar, wird diese rustikale Wahlwerbung der SVP keine Stimmen kosten. Vielleicht auch nicht neue einbringen. Erregungen, in Popsongs wie in der Wirklichkeit, haben es immer an sich, dass sie auch wieder erschlaffen. Aber die Botschaft, dass man lieber SVP wählen solle, die wurde geradezu ideal transportiert. Ideal im Sinn von: kleiner Aufwand, grosse Wirkung. Ideal im Sinn von: Nebenwirkungen sehr überschaubar. Und wetten, dass die Wahlsujets von FDP, SP, Grünen, CVP, Grünliberalen und auch der BDP nicht im Entferntesten so viel Aufmerksamkeit erregen werden?


René Zeyer ist Inhaber von Zeyer Kommunikation in Zürich. Er ist Publizist (BaZ, «SonntagsZeitung», «Weltwoche», NZZ) und Bestsellerautor.

Der Autor vertritt seine eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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Kommentare

  • Robert Weingart , 21.08.2019 20:18 Uhr
    Bedenklich ist doch, dass die Medien ein solches Tamtam machen um diese grauenhafte Kampagne und der damit als Echokammer der SVP dienen.

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