Auf Kuba wurde im offiziellen Amtsblatt eine neue Bestimmung veröffentlicht. Buchhändler dürfen keine Werke mehr verkaufen, deren Inhalt «ethische und kulturelle Werte schädigt». Man kratzt sich am Kopf und fragt sich, was die Machthaber auf der letzten Insel des Sozialismus damit wohl meinen.
Eine solche Bestimmung braucht es hingegen in der Schweiz nicht. Hier herrscht das Justemilieu und ahndet sofort auch den kleinsten Verstoss gegen ethische Werte. Der in Thailand lebende Medienjournalist und Chefredaktor des «Schweizer Journalist», Kurt W. Zimmermann, twitterte: «Enormes Medieninteresse an thailändischen Kindern am Ertrinken. Kein Medieninteresse an Mittelmeer-Flüchtlingen am Ertrinken. Warum? Könnte damit zu tun haben, dass thailändische Kinder nicht in unsere Sozialsysteme einwandern und in der Silvesternacht keine Frauen vergewaltigen.» Das hätte er besser nicht getan. Denn wenn die selbsternannten Verteidiger des Guten, Wahren und Richtigen einen Verstoss gegen ethische Werte entdecken, dann werden sie ansatzlos wild und rabiat.

Lieber Kurt W. Zimmermann, sie sind in ihrer krankhaften Verzweiflung schon fast bewundernswürdig, aber lhre Versuche immer noch degoutanter zu werden, sind wirklich sinnlos. Schon seit langen Jahren ist das gar nicht mehr menschenmöglich.
— Daniel Binswanger (@DBinswanger) 9. Juli 2018
Widerlich. Gemeldet. Ich hoffe Twitter reagiert.
— Pia Wertheimer (@Wertli) 10. Juli 2018
Ich glaube, alle Käufer und Abonnenten gewisser Medienmagazine sollten sich diesen Tweet hier gut merken: https://t.co/gqtGGk9DV2
— Fabian Renz (@renzfabian01) 9. Juli 2018
So schlägt der Migros-Journalist (eigentlich ein Widerspruch in sich selbst, aber das wäre zu schwierig für ihn) Reto Vogt wie ein Grossinquisitor zurück: «Lösch dich, Zimmi.» Leider unterlässt es Vogt, zu erklären, was er damit genau meint und wieso das «Zimmi» tun sollte. Ganz anders Fabian Renz, Leiter der Bundeshausredaktion beim «Tages-Anzeiger»: «Ich glaube, alle Käufer und Abonnenten gewisser Medienmagazine sollten sich diesen Tweet hier gut merken», und dann verweist er auf das Gezwitscher Zimmermanns. Das ist nun wirklich hinterfotzig fies, eine sublime Aufforderung, das Abonnement des «Schweizer Journalist» zu kündigen und das Blatt nicht mehr zu lesen. «Aber nein», würde Renz antworten, so sei das doch nicht gemeint. Ja wie denn sonst? Und bevor das einer von Ihnen, werte Leser, zurückkräht: Ja, ich publiziere gelegentlich im «Schweizer Journalist». Weil man mich dort schreiben lässt.
Dann hätten wir noch Pia Wertheimer, Redaktorin bei der «SonntagsZeitung» («laufen ist meine Leidenschaft»). Beim Rennen braucht es nicht viele Gehirnzellen, für diesen Tweet auch nicht: «Widerlich. Gemeldet. Ich hoffe Twitter reagiert.» Also eine begründungslose Denunziation, inklusive mangelhafter Beherrschung der Interpunktion. Den Höhepunkt habe ich aber bis zum Schluss aufgespart. Daniel Binswanger twittert: «Lieber Kurt W. Zimmermann, sie sind in ihrer krankhaften Verzweiflung schon fast bewundernswürdig, aber lhre Versuche immer noch degoutanter zu werden, sind wirklich sinnlos. Schon seit langen Jahren ist das gar nicht mehr menschenmöglich.» 34 Wörter, 5 Fehler, dunkler Sinn und der peinliche Versuch, durch die Verwendung des Wortes «degoutant» französischen Esprit zu versprühen. Allerdings müsste dieser Komparativ von der Sprachpolizei verboten und mit Kahlscheren geahndet werden. Wahrscheinlich hat ihn Binswanger vom Positiv «die Degoutante» abgeleitet und aus Versehen klein geschrieben. Aber immerhin, diesmal hat er nicht weinerlich den Presserat eingeschaltet. Das kann aber noch kommen.
Zimmermann versuchte dann verzweifelt, sich zu erklären: «Hier die gewünschte Ergänzung zu meinem Thailand-Tweet. Man kann die Fragen noch einfacher stellen: Wie viele der 1000 Journalisten, die vor der Höhle stehen, waren zuvor am Mittelmeer, als dort die Dramen spielten? Und warum ist keiner mehr dort? Weil der politische Wind drehte?» Es spricht für seine Intelligenz, dass er aber einsah, dass hier dem Sünder nur noch eines bleibt, das hier: «Eine Entschuldigung. Weil ich in Thailand lebe, habe ich mich über die Sensationsjournalisten vor der Höhle genervt. Mein Tweet hat aber viele beleidigt, weil sie glaubten, ich wolle gegen Flüchtlinge hetzen. War nicht Absicht, tut mir leid. War ein Scheiss-Tweet, ich lösche ihn.»
War das ein Scheiss-Tweet? Es war sicherlich ein Beitrag zum Unsinn, mit wenigen Worten komplexe Sachverhalte darzustellen. Wer das tut, begibt sich ohne Not auf das intellektuelle Niveau des US-Präsidenten, und dafür hat man natürlich Strafe verdient. Aber war der Tweet widerlich, Anlass zu Boykottaufrufen, ein Grund, sich selbst zu löschen oder gar Ausdruck krankhafter Verzweiflung? Viel verstörender als dieser Tweet von Zimmermann sind die Reaktionen des neuen Justemilieu auf Twitter. Gab es Widerworte, Gegenargumente, Begründungen, Kritik? Hat irgendeiner von den hier zitierten hyperventilierenden Verteidigern des zweifellos moralisch Guten gegen finstere Gestalten wie Zimmermann es für nötig gehalten, auch nur eines Gedankens Blässe zu formulieren?
Ich schlage vor, dass sich diese Journaille doch in Kuba bewirbt, um dort Bücher daraufhin zu kontrollieren, ob ihr Inhalt ethische und kulturelle Werte schädigt. Man mag nun einwenden, dass das daran scheitern könnte, dass diese Journalisten vielleicht kein Spanisch können. Da gibt es aber zwei Gegenargumente: Deutsch können sie auch nicht. Und ihre Urteile fällen sie sowieso ohne Rücksicht auf den Inhalt oder den Gedankengang eines Textes.
René Zeyer ist Inhaber von Zeyer Kommunikation in Zürich. Er ist Publizist (BaZ, «SonntagsZeitung», «Weltwoche», NZZ) und Bestsellerautor.
Der Autor vertritt seine eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.
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Kurt W. Zimmermann: Twitter-Gewitter