Was ist das denn für ein Mist? SRF kommuniziert allen Ernstes Untersuchungsergebnisse bei Vorwürfen zu sexueller Belästigung und weiteren Vorwürfen, bevor die Untersuchung komplett abgeschlossen ist?
Kurzer Rückblick: Patrizia Laeri hatte Anfang Februar auf Social Media über einen Übergriff berichtet, der ihr als Praktikantin am Leutschenbach passiert sei. Auf einen internen Aufruf nach negativen Erlebnissen mit jener Person (einer Top-Führungskraft) meldeten sich laut SRF fünf weitere Mitarbeitende.
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«Bei der Befragung habe sich zudem herausgestellt, dass sich der Vorfall nicht am Arbeitsplatz ereignet hat», schreibt nun SRF. Na, dann ist es ja nicht so tragisch, wenn Führungskräfte Grenzen einfach abseits des Schreibtischs übertreten oder verschieben.
- Wichtige Zeugen seien bisher nicht befragt worden, sagt die Mediengewerkschaft SSM. Und wie viel Lust oder Mut sie jetzt wohl haben, sich an der weiteren Aufklärung zu beteiligen …
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«Um das Verfahren in einem angemessenen Zeitraum abschliessen zu können, könne die Fachstelle nur Meldungen bis am 6. April 2023 berücksichtigen.» Bitte was? Und sind bis dahin wirklich alle kontaktiert worden – auch ehemalige Mitarbeitende? Und wie wird die Integrität der Untersuchung nach der Vorwegnahme einzelner Ergebnisse und in diesem kurzen Zeitraum überhaupt noch sichergestellt?
Julian Reichelt, Finn Canonica, SRF: Weder die Medienhäuser noch die Meldestellen haben bei den grossen Fällen der vergangenen Jahre glorreiche Jobs gemacht.
Untersuchungsberichte werden geleakt, Zeuginnen und Zeugen teilweise unter Druck gesetzt, Betroffene systematisch diskreditiert.
Das alles lässt das Bild entstehen, dass Medienhäuser diese Untersuchungen auch zum eigenen Whitewashing benutzen.
Wer setzt welche untersuchende Agentur und Personen ein – und mit welchem Auftrag (und entsprechend auch: Bias)? Wie wird auf Betroffene zugegangen? Welche Fragen werden gestellt, welche «Quotes» und Geschichten ausgewählt? Welche Standards gelten für die Beurteilung, woran werden Erlebnisse und Schilderungen gemessen? Geht es darum, Einzelfälle juristisch zu zerlegen, oder ergibt eine Masse an vermeintlichen Graubereichen nicht das viel aussagekräftigere Bild, wie vielfältig und perfide Macht missbraucht wird?
Die Untersuchungen nach der Meldung von Vorfällen nehmen zu. Das ist eine gute Entwicklung. Aber wir müssen mehr darüber diskutieren, wie sie durchgeführt werden.
Nicht nur direkt Betroffene sind Opfer von sexueller Belästigung, Diskriminierung, Machtmissbrauch oder schlicht Verantwortungslosigkeit. Wo immer so etwas vorkommt, schadet es allen Arbeitnehmenden. Und es schadet Organisationen, die eigentlich das grösste Interesse haben sollten, ihre Corporate Governance in den Griff zu bekommen. Ihr wirtschaftlicher Erfolg hängt davon ab, dass sie ihre Werte klar haben und ihre Regeln, Praktiken und Prozesse sauber aufstellen und durchsetzen.
Fabienne Kinzelmann ist Redaktorin für Internationale Wirtschaft bei der Handelszeitung und Co-Präsidentin des Vereins Qualität im Journalismus (QuaJou).
Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.
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30.03.2023 10:15 Uhr
29.03.2023 17:24 Uhr



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#MediaToo: Untersuchung ja, Integrität second?