Das Jahr neigt sich dem Ende zu. Höchste Zeit, sich gute Vorsätze zu überlegen, auch in unserer Branche. Anregungen dafür erhielten die über hundert Teilnehmenden des QuaJou-Journalismustags 2025 vor knapp einem Monat in Winterthur. Zum Beispiel im besonders inspirierenden und aufrüttelnden Eröffnungsreferat unserer Berufskollegin Natalia Widla: Sie sprach zu problematischen Mustern und Sprachbildern in Berichterstattungen über Femizide und plädierte dabei für Nüchternheit statt Voyeurismus.
Widla kritisiert nicht nur die detaillierte Beschreibung von Taten, die über die Schmerz- und Schamgrenze hinausführt (kondensiert etwa in der Stern-Schlagzeile «Leiche von Miss-Schweiz-Kandidatin mit Stabmixer zerkleinert»). Sie hinterfragt auch Begriffe wie «Eifersuchtsdrama» und «Familientragödie», da sie ein Schicksal suggerieren, das zuschlägt wie eine Naturgewalt oder eine Krankheit. Wenn aber ein Mann eine Frau tötet, weil er Besitzansprüche stellt, ist das weder ein Theaterstück noch ein Los. Es ist ein Kapitalverbrechen.
Natalia Widla, bekannt auch als Buchautorin («Hast du Nein gesagt?», «Niemals aus Liebe: Männergewalt an Frauen»), hat eine rote Liste zu vermeidender Begriffe erstellt, die ihrer Meinung nach in jeder Redaktion hängen sollte. Wie zielführend das wäre, sei dahingestellt: Wer mit einer Schere im Kopf arbeitet, schreibt selten gut, zumal in der heutigen Gesellschaft eher zu viele als zu wenige Wörter am Pranger stehen. Aber eine gesunde Portion Misstrauen gegenüber schablonenhaften Formulierungen halte ich für sehr angebracht – und somit auch ein Hinterfragen eigener Sprachgewohnheiten.
Man kann das als Wortklauberei abtun. Aber wer soll Begriffe auf die Goldwaage legen, wenn nicht wir, deren tagtägliches Arbeitswerkzeug sie sind? Abgedroschene Wortpaare wie «rüstige Rentner» richten keinen Schaden an, sie sind einfach langweilig. Aber bei brennenden Themen wie Femizid – wenn Männer Frauen umbringen, weil diese Frauen sind – ist die ganze Gesellschaft in der Pflicht.
Und gerade in der Polizei- und Gerichtsberichterstattung wimmelt es von weiteren problematischen Gedankenlosigkeiten. Etwa wenn geschrieben wird, ein Opfer sei «brutal vergewaltigt» oder «brutal verprügelt» worden, als ob solche Taten nicht immer brutal wären. Oder wenn zu lesen ist, es sei bei einer Tat «Alkohol im Spiel» gewesen (als wäre er ein Mitspieler), oder ein «Sex-Monster» habe zugeschlagen (als wären für grausamste Sexualstraftaten nicht Menschen verantwortlich). Allgemein prangert Widla zu Recht die Verwendung des Begriffs «Sex» an, wenn es um sexualisierte Gewalt geht. Und «Sex» mit Kindern oder Schutzbefohlenen sei schon rein juristisch nicht möglich, hält sie fest.
Im hektischen Redaktionsalltag, gerade im Newsroom, sind wir oft versucht, zum erstbesten Bild, zur gewohnten Floskel zu greifen. Das spart Zeit, aber es kostet uns wieder und wieder einen Funken Wahrheit. Aus diesem Grund sollten wir uns aus Bequemlichkeit oder Zeitdruck auch nicht dazu verleiten lassen, ganze Wendungen oder gar Sätze aus Communiqués von Ämtern oder Pressebüros abzuschreiben. Denn damit werden wir zu willfährigen Verbreitern von Werbebotschaften. Auch das war ein Thema des Journalismustags 2025.
Die Wortwahl lenkt die Blicke, legt Bedeutungsschichten frei oder verdeckt sie. In unserer Branche sind das Bewusstsein für diese Wirkung und das Hinterfragen von Klischees und Gewohnheiten keine Kür, sondern berufsethische Pflicht. Die Bilder, die wir in die Köpfe unserer Leserschaft einpflanzen, müssen so präzise wie möglich sein. Dass das eine Gratwanderung ist, zeigt sich auch in der von Natalia Widla an die Wand projizierten Statistik, gemäss der im Jahr 2024 hierzulande «21 vollendete Femizide» verzeichnet worden sind. Das ist juristisch gewiss korrekt ausgedrückt, bloss ist das Adjektiv «vollendet» im Alltag positiv konnotiert. So können Fachbegriffe missverständlich sein.
Für 2026 also gilt: Drehen, wenden und hinterfragen wir unsere Wörter und Sprachbilder wieder und wieder! Das schulden wir uns und unserer Leserschaft.
Urs Bühler ist Vorstandsmitglied des Vereins Qualität im Journalismus (QuaJou) und Journalist bei der NZZ am Sonntag. Dieser Beitrag ist zuerst im monatlichen QuaJou-Newsletter erschienen.
Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.
KOMMENTARE
19.12.2025 07:29 Uhr



BLOG
Vorsicht, Sprach- und Denkfallen!