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War es schön für dich, Schatz?

René Zeyer

Die Dame hat dem Wort Erregungsbewirtschaftung einen neuen Klang gegeben. Denn sie weiss, dass der Markt hart umkämpft, öffentliche Aufmerksamkeit kostbar, aber flüchtig ist.

Deshalb hat sie aus den Niederungen der Prostitution, also der Lieferung einer Dienstleistung gegen Geld, ein aufgeschwurbeltes, penetrant seine Normalität betonendes Geschäft gemacht. Nach der Devise: Ich bin Prostituierte und Intellektuelle und stehe öffentlich dazu.

Aber auch das wäre ja noch kein Alleinstellungsmerkmal, mit dem sie bei youporn.com oder anderswo sonderlich auffallen würde. Deshalb zwirbelt sie sich zum Kunstwerk hoch, zur «Hetäre». Auf ihrer Webseite, die im angestaubten Look von Softpornos wie «Emanuelle» daherkommt, preist sie ihren «Escort-Service» als «Lebensgefühl der Freiheit und Unabhängigkeit» an. Dabei unterscheidet sich das Angebot in nichts von dem einer Puffmutter.

«Damit der Verkehr auch stattfindet, braucht es natürlich Werbung»

Nach viel Geschwurbel geht es auch auf der Webseite zur Sache. Das Honorar beginnt bei 600 Euro für das «Kennenlern-Dinner», wer nicht genug bekommen kann und 24 Stunden mietet, bezahlt 4000 Euro. Bei einem flotten Dreier erhöht sich das Honorar um 50 Prozent. Immerhin «verstehen sich alle Preise inklusive der gesetzlichen Mehrwertsteuer».

Damit der Verkehr auch stattfindet, braucht es natürlich Werbung, denn gerade in Berlin ist die Konkurrenz gross, auch in der teureren Liga. Also tingelt die Hetäre durch die Medien, die sie ehrfürchtig als «Edelprostituierte» bezeichnen. Was die Frage aufwirft, ob es auch unedle gibt, und ab welcher Preislage der Umschlag ins Edle stattfindet.

Als «Kanarienvögelchen» zwitscherte sie in der deutschen Welt, dann machte sie einen Abstecher in die Schweiz. Ein erster Auftritt in einer SRF-Kultursendung brachte aber nicht den gewünschten Krawall, also setzte sie sich in Roger Schawinskis Talkshow. Aber auch das ging glimpflich ab, und sie erkundigte sich noch mediengeil, ob man das nicht mal wiederholen könne.

Erst am Flughafen fiel ihr dann ein, dass sie von Schawinski «missbraucht» worden sei. Das teilte sie dann in ihrer Welt-Kolumne der Öffentlichkeit mit und hatte endlich das Ziel erreicht: Es gab einen kleinen Skandal. «Der Pitbull hat ausgedient», keilte der Tages-Anzeiger, und verteidigte sensibel die angeblich schwer leidende «Edelprostituierte». Allerdings kostete die Verwendung eines falschen Zitats das «Kanarienvögelchen» ihre Kolumne, was sie sogleich dahin umdeutete, dass sie der Welt einfach zu links sei.

«Was bekam der Journalist dafür? Eigentlich nichts»

Trotz all dieser Warnsignale wollte sie der Weltwoche-Redaktor Roman Zeller zum Interview treffen. «Keinerlei Interesse», wurde ihm beschieden, aber: «Als Kunde sind Sie jederzeit willkommen.» Also überreichte ihr Zeller weisungsgemäss in der längst abgehalfterten Paris-Bar in Berlin weisungsgemäss 1000 Euro «in einem offenen Briefumschlag». Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.

Was bekam er dafür? Eigentlich nichts, was er ohne Geld nicht auch hätte haben können. Aufdringliches Parfum und schwulstige Worte über «Kulturbegleitung», schlüpfrige Anekdoten wie die, dass sich die Hetäre nach einem Hamburger zu fett für Sex gefühlt habe. Launige Bemerkungen über ihre Magisterarbeit, Thema Friedrich Nietzsche, «dieses schüchterne Dickerchen mit dem Wallrossbart». Oh, Mann.

Und sonst so? Etwas Geschleime mit tiefergelegtem Niveau; die Prostituierte lehnt das Du ab, das mache sie «nur noch schärfer. Wir müssen aufpassen». Dann stellt sie die wahrlich erregende Frage: «Und wie stöhnst du?» Leider hat der Journalist seine Antwort nicht überliefert. Darauf, passt ja zur Kaschemme, verabschiedet sich die Hetäre auf Französisch und sucht das Weite.

«Von der Weltwoche hätte man mehr Nehmerqualitäten erwartet»

Gibt es noch ein Nachspiel, wird wenigstens gefragt, ob der Kunde befriedigt ist? Aber nein, was Zeller hätte wissen müssen: 1000 Euro sind der Hetäre natürlich nicht genug, wenn sie schon wieder die Chance hat, Wirbel zu machen. «Für eine Zusammenarbeit mit Ihrer Zeitung stand ich nicht zur Verfügung», beschwerte sich die käufliche Dame im Nachhinein bei der Weltwoche. Es hätte sich von selbst verstanden, tritt sie nach, «dass er keinen Artikel über das Date veröffentlichen würde.»

Also mal langsam. Die angeblich «intelligente» Prostituierte prostet dem Journalisten schon beim ersten Schluck Champagner mit «auf Schawinski» zu, weiss genau, dass sie demselben Journalisten gegenübersitzt, der längere Zeit vergeblich um ein Interview bat. Und meint nun wirklich, dass der einfach ihrem unwiderstehlichen Charme erlegen sei und extra nach Berlin flog, um 1000 Euro für ein Nachtessen mit ihr loszuwerden? Es soll ja Puffbesucher geben, die der Versicherung danach glauben: Mit keinem war es so schön wie mit dir. Aber dass die Hetäre sich hier nochmals missbraucht fühlt, das glaubt doch kein Mensch.

Von der Weltwoche hätte man aber mehr Nehmerqualitäten erwartet. Sicher wäre es schmerzlich gewesen, 1000 Euro, Flug, Abendessen und Hotel als «ausser Spesen nix gewesen» abzubuchen. Der Leser hätte es aber gedankt.

 


René Zeyer ist Inhaber von Zeyer Kommunikation in Zürich. Er ist Publizist (BaZ, «SonntagsZeitung», «Weltwoche», NZZ) und Bestsellerautor.

Der Autor vertritt seine eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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Kommentare

  • Thorben Meyer, 31.12.2019 15:46 Uhr
    "Für eine Zusammenarbeit mit Ihrer Zeitung stand ich nicht zur Verfügung», beschwerte sich die käufliche Dame im Nachhinein bei der Weltwoche." Eigentlich müsste gerade ein Journalist, der auch für die NZZ schreibt, wissen, wo der Unterschied zwischen Verträgen zwischen freien Individuen und dem Versuch, Menschen aufgrund persönlicher Abneigungen des Recht auf eigene Entscheidungen abzusprechen, verläuft.
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