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Zürcher Spiegel-Affäre

Dass nach dem Skandal bereits wieder vor dem Skandal ist, ist nicht nur eine journalistische Binsenwahrheit, es ist auch Lebenserfahrung. Dass aber im noch jungen Jahr zwei Zürcher Grossverlage in ihren Grundfesten erschüttert werden, widerspricht jeglicher Wahrscheinlichkeit.

Kaum ist die landesweite Erregung über die informelle Standleitung zwischen Bundeshaus und Ringier-CEO Marc Walder abgeflaut, dominieren die Anschuldigungen der langjährigen Magazin-Journalistin Anuschka Roshani gegenüber ihrem ehemaligen Chef Finn Canonica und die angebliche Aufklärungsunlust der Tamedia die Schlagzeilen. Dass die Vorwürfe gemäss der Devise «Horch, was kommt von draussen her» im deutschen Nachrichtenmagazin Spiegel (!) publiziert wurden und dabei mit vier Seiten sogar beinahe noch dessen Ukraineberichterstattung übertreffen, heben diese auf eine solch internationale Bühne, von welcher die Berset-Ringier-Affäre fast als Provinzschwank aus längst vergangenen Coronatagen wirkt. Der Spiegel hat Skandalerfahrung: Fake-Schreiber Claas Relotius brachte Ende 2018 das Hamburger Verlagshaus ins Wanken, und vor einem Jahr schrieb es den damaligen Bild-Chef Julian Reichelt aus dem Amt, pikanterweise auch wegen sexueller Übergriffe. «Was uns vom Blick unterscheidet», titelte der Tagi vor zwei Wochen in Anspielung auf die Standleitung zwischen Bersets Kommunikationschef Peter Lauener und Ringier-CEO Marc Walder. «Die Roshani-Affäre» wäre die richtige Antwort. Was sich im Spiegel spiegelt, erzielt eine andere Aussenwirkung als ein – lange – unter Verschluss gehaltener Untersuchungsbericht.

Dass ausgerechnet das Magazin des Tages-Anzeigers – hierzulande die publizistische Weltmacht der Moral – Hort von verbalen Übergriffen und Anzüglichkeiten gewesen sein soll, ist die bittere Pointe der ganzen Affäre, die sich zeitlich noch strecken könnte. Was würde der Tagi über den Tagi schreiben, wenn es sich beim Tagi nicht um den Tagi handelt?

Für Spannung am SwissMediaForum im Mai ist jedenfalls gesorgt: In der Elefantenrunde im KKL können die Verlagschefs Marc Walder und Pietro Supino über ihre aktuellen Skandalerfahrungen berichten. Vielleicht sitzt SRG-Generaldirektor Gilles Marchand daneben und nickt stillschweigend. Vor zwei Jahren kämpfte er im Strudel der grossen Belästigungsaffäre bei RTS um sein berufliches Überleben. Mittlerweile ist dies fast vergessen. Er weiss aus Erfahrung: Nach dem Skandal ist kurz vor dem nächsten Skandal.



Matthias Ackeret ist Verleger und Chefredaktor von persönlich und persoenlich.com.

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KOMMENTARE

Aldrovandi Mario
08.02.2023 15:36 Uhr
Warum schreibst du von „Roshani-Affäre“? Wenn schon ist eine „Mobbing-Sexuimus-Affäre“, eine „Tagi-Skandal“ oder eine „Canonica-Fall“. Was Du da tust , ist eine Täter-Opfer Umkehr.
Victor Brunner
08.02.2023 08:43 Uhr
Storys kommen, gehen und werden vergessen. Was nach den Vorkommnissen bei Ringier und TAmedia bleibt, die sogenannte 4. Gewalt ist nur noch lächerlich und peinlich. Warum also nicht auf Abos verzichten und entspannt gratis lesen, ohne "WirmüssenWirsollenWirdürfen"-Journalismus und der VSM arf dann weiterjammern!
Agnès Laube
07.02.2023 23:08 Uhr
Also, lieber Herr Ackeret: Was wollen Sie mit diesem Beitrag sagen? Erschliesst sich mir nicht.
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