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Zwingli und die sozialen Medien

Manfred Klemann

Das Phänomen Social Media ist gerade einmal zwölf Jahre alt – und hat einen medialen Umbruch hervorgerufen, wie es nicht einmal das Fernsehen gegen das Radio, das Radio gegen die Zeitungen und die Zeitungen gegen die Flugschriften geschafft haben. Warum? Nun, erstmals können sich die bislang von Gatekeepern wie Journalisten und Medienmachern gegängelten Rezipienten gegen die Besserwisserei der bezahlten Kritiker und Meinungsmacher wehren – und sich in der Gemeinschaft ein eigenes Urteil über die Welt bilden. Dieser Machtverlust der Gatekeeper macht diese rasend, ungerecht und blind.

Auch die Schaffer von Kultur, Literatur, Film, Bildwerken und Videos konnten sich durch die sozialen Medien emanzipieren von den ewigen Neidern und Nörglern, wie sie auf vielen Stühlen der traditionellen Medien sitzen. Nehmen wir zwei ganz aktuelle Beispiele aus der Kulturwelt, die zeigen, wie sich das Publikum erfolgreich gegen bösmeinende angestellte Kritiker durchsetzt.

In der Literatur ist das im Januar 2019 der Roman «Stella» von Takis Würger. Die gesamte Kritikerelite, meist über sechzig, geht gegen ihren «Spiegel»-Kollegen Würger (34) wie die Berserker vor. Dazu Birgit Walter in der «Berliner Zeitung»: «Die ‹Frankfurter Allgemeine› und die ‹Süddeutsche Zeitung› gehen mit selten erlebter Wut und Wucht auf den Roman los. Dazu ein Urteil vorweg: So obszön («Nicht mal Stella hätte das verdient») und selbstgefällig wie diese Verrisse ist der Roman in keinem Detail und nicht als Ganzes.» Und auch die NZZ, immer vorn dabei, wenn es um kulturelle Arroganz geht, vernichtet den Roman in ihrer Kritik vom 28. Januar als «Machwerk übelster Sorte».

Das Publikum aber, in den sozialen Medien dokumentiert, sieht das völlig anders. Hätten wir noch die Neunzigerjahre des letzten Jahrtausends, dann hätten die «Grosskritiker» den Schriftsteller Takis Würger mit Sicherheit auf alle Zeit zum Schweigen gebracht. Jetzt aber, durch die abwechslungsreiche Diskussion in den sozialen Medien, steht «Stella» plötzlich auf Platz vier der Bestsellerliste.

Das zweite Beispiel für die heilsame Wirkung des Publikums in den sozialen Medien ist der Film «Zwingli» von Stefan Haupt. Ich durfte gerade auf der Berlinale erleben, wie positiv «Zwingli» beim European Film Market aufgenommen wurde. Und hier in der Schweiz? Ich war live in vielen – gerade ländlichen – Kinovorstellungen (Heerbrugg, Wattwil, Uznach, Stein am Rhein, Wil, auch Zürich und Solothurn) und konnte miterleben, wie emotional und geradezu begeistert die Zuschauer nach dem Film jeweils waren. 200'000 Schweizer Kinozuschauer in sechs Wochen – ein Rekord!

Und doch haben im Vorfeld Kritiker, warum auch immer, versucht, den Film schlechtzureden: Unsäglich zum Beispiel der 75-jährige deutsche, in Basel lebende Kritiker Wolfgang Knorr auf Radio 1 (und in der «Weltwoche»). Hat dieser Rentner den Film wirklich angeschaut? «Keine Emotion, Kino von vorgestern, fehlender Zeitgeist», hetzt er im Radio. Er erhebt sich damit über Hundertausende Schweizer, die das anders sehen. Hier wird in drei Minuten eine fünfjährige Arbeit von Schweizer Filmemachern herabgewürdigt. Ohne Empathie, nur Dreinschlagen, weil Knorr wohl meint, sein Medium verlange das. Können solche Kritiker nicht einfach mal den Griffel weglegen, ins Altenheim gehen und dort beim Gemütlichkeitsverein Fidelio ihren Senf dazugeben?

Schlimm, dass auch die NZZ, Hüter über das Zurich Film Festival (ZFF), versucht, in einer giftigen Kritik des Thomas Ribi die Schweizer Filmschaffenden zu desavouieren (bevor er als Filmkritiker auf die Leser losgelassen wurde, war er Lokaljournalist, und mit Film hatte er eigentlich nie was am Hut). Gerade die NZZ, die ja Mehrheitseigener des ZFF geworden ist, sollte eine gewisse Verantwortung dem Schweizer Film gegenüber empfinden. Das heisst nicht, alles schönzureden – aber wenigstens, objektiv zu bleiben. Man darf hoffen, dass die grandiose ZFF-Gründerin Nadja Schildknecht bald wieder das Sagen haben wird. Sie versteht wenigstens etwas vom Film.


Nun, da Sie diese Kolumne lesen, werden mehr als 200'000 Menschen «Zwingli» in Kinos, Schulen und Gemeinschaftssälen gesehen haben. Dass sie alle trotz Hasskritikern in den Film gefunden haben, verdanken wir den sozialen Medien, in denen «Zwingli» tausendfach Lob und Anerkennung gezollt wurde. Ohne den gegenseitigen Austausch, die Empfehlung und die Kommunikation wären wir noch heute den Kritiker-Narzissten ausgesetzt, die auch noch in sogenannten Massenmedien ihre Anstellung gefunden haben. Freiheit der Kultur heisst dank der sozialen Medien auch Freiheit von bösartigen Kritikern – oder um es in Anlehnung an den grossen deutschen Filmemacher Rainer Werner Fassbinder zu sagen: Neid essen Seele auf!                


Manfred Klemann ist Serial Entrepreneur und einer der Pioniere des europäischen Internets (wetter.com). Er ist mit 20 Prozent an C-Films beteiligt, welches den «Zwingli»-Film produziert hat. Zudem ist er Miteigentümer des «persönlich»-Verlags.


Unsere Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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Kommentare

  • Oliver Brunner, 21.03.2019 12:49 Uhr
    Ich glaube, es war die NZZ am Sonntag, die in einer sehr abwertenden Kritik zu "Zwingli" schrieb: Gerade "Game of Thrones" zeigt, wie man historischen Stoff auch verfilmen könnte. Das sagt wohl mehr über den Kritiker aus als den Film...
  • Annelise Kramer, 22.03.2019 09:29 Uhr
    Lieber Herr Klemann, Danke für diesen Kommentar. Ich habe mich auch aufgeret über die Kritiken zu diesem Film. "Zwingli" hat mir und sicher vielen Leuten nicht nur beim Zusehen Freude gemacht, sondern das Bild von diesem Reformator neu gezeichnet. Und alle Darsteller waren grandios. Wie kann übrigens so ein Film nicht für den Schweizer Filmpreis nominiert sein? Als ich die Kritik in der NZZ gelesen habe, habe ich spontan einen Leserbrief geschrieben. Er ist nie erschienen...
  • Robert Weingart , 22.03.2019 15:51 Uhr
    Gelungene Analyse. In der Kulturkritik sitzen viele Leute, die offenbar selber nichts auf die Reihe kriegen. Ich sehe es ähnlich: „Zwingli“ ist wohl seit längerem das Beste, was Schweizer Kino hervorgebracht hat. Und Takis Würger ist ein begnadeter Schreiber. Wird Zeit, dass sich die „alten weissen Männer“ in der Schweizer Medienszene sich vom Acker machen und in Pension gehen. Kein Wunder tauchen so viele Titel.
  • Gege Kunz, 23.03.2019 11:50 Uhr
    Genau so sehe ich die Sache auch! Geht ihr ewigen Nörgler und Miesmacher, geht!!!

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